Manche Menschen breiten die Arme aus und schwingen sich in die Luft. Andere atmen unter Wasser, reden mit ihrer toten Oma oder haben Sex mit Hugh Jackman. Im Traum tun wir Dinge, die im Wachleben unmöglich sind. Warum? Für Sigmund Freud, den Pionier der psychoanalytischen Traumdeutung, gehörte es zur Funktion der Träume: Nachts leben wir unsere geheimen Wünsche aus. Allerdings war er davon überzeugt, dass viele Fantasien nur in maskierter Form in Träumen auftauchen. Nur in der Verfremdung gelinge es dem Unbewussten, sie am "inneren Zensor", an unserer Kontrollinstanz im Kopf, vorbeizuschleusen.

Spätere Wissenschaftler hielten wenig von Freuds Theorie. Der einflussreiche amerikanische Psychiater Allan Hobson behauptete in den 1960er Jahren, Träume seien nichts als sinnloses Synapsengeflimmer – ohne jede Funktion. Da darf es ruhig auch mal unlogisch werden. Solche Verachtung der Träume dominierte jahrzehntelang. Aber inzwischen rücken Psychologen mehr und mehr von ihr ab. Sie nehmen die Träume wieder wichtig. Träume spielen eine zu große Rolle in unserem Seelenleben, als dass sie ganz und gar sinnlos sein könnten.

Träume müssen also eine Funktion haben. Nur welche? Da sind die Fachleute uneins. Robert Stickgold von der Harvard Medical School glaubt, dass das Gehirn im Traum seine Erinnerungen sichtet, sortiert und neu miteinander verknüpft. Weil nicht immer alles auf Anhieb zusammenpasst, kommen oft bizarre Dinge dabei heraus. Der finnische Neurowissenschaftler Antti Revonsuo hält die Träume für ein Installationsprogramm unserer genetischen Software: Die im Erbgut codierten Überlebenstricks werden in der Ruhe der Nacht ins Gedächtnis übertragen. Im Traum wappnen wir uns für alle wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Situationen. Wir lernen, welche Beeren giftig sind und wie man dem hungrigen Säbelzahntiger entwischt. Zwar brauchen wir das heute nicht mehr – aber hätten unsere Vorfahren es nicht im Schlaf geübt, gäbe es uns heute nicht.

Noch weiter geht Allan Hobson, der inzwischen von seiner Traumverachtung bekehrt zu sein scheint: Er meint nun, dass das träumende Gehirn eine "Simulationsmaschine" ist. Es erzeugt seine eigene virtuelle Realität, um darin für das Wachleben zu trainieren: Motorik, Wahrnehmung, Triebe. Nachts ist Spielzeit für das Gehirn. Abgekoppelt von der Außenwelt, darf es, was es sonst nicht darf.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 5/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

All diese Theorien über den Zweck von Träumen haben eines gemeinsam: Sie lassen sich nur schwer bestätigen oder widerlegen. Immerhin jedoch können Neuroforscher neuerdings dem träumenden Gehirn bei der Arbeit zuschauen, mit bildgebenden Verfahren wie fMRI und PET. Dabei ergibt sich ein bemerkenswertes Bild: Die Aktivität des träumenden Gehirns ähnelt dem Wachzustand, doch mit unterschiedlicher Gewichtung. Der präfrontale Cortex – jenes Areal, das für die eigene Persönlichkeit, für Logik, Sinn und Moral und die langfristigen Folgen des eigenen Handelns zuständig ist – ist im Traumzustand gehemmt. Das Denken ist befreit von Zwängen, Geboten und Verboten. Die Fantasie kann sich austoben. Der präfrontale Cortex ist der evolutionsgeschichtlich jüngste Teil unseres Gehirns und jener, der beim Heranwachsen als letzter heranreift. Manche Forscher vermuten daher, dass wir im Traum in den Bewusstseinszustand unserer Ahnen zurückfinden. Andere vergleichen das Traumbewusstsein mit dem Denken und Fühlen kleiner Kinder. Denen fallen ja Dinge ein, auf die kein Erwachsener kommt, solange er wach ist.

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