Eine Frau tanzt Anfang des Jahres auf einem Festival in Australien. © Mark Metcalfe/Getty Images

"Kommt ganz ins Hier und Jetzt, spürt nur noch euren Körper, lasst eure Gedanken wie Wolken vorüberziehen. Kommt ins Hier und Jetzt, ins Hier und Jetzt, ins Hier und Jetzt ..." Die Stimme der Yogalehrerin wird immer leiser. Dann ist es still im Raum. Ich bin mit der Aufgabe allein.

Hier und Jetzt? Das "Hier" ist leicht zu bestimmen: eines von vielen Yogastudios in Berlin. Ein weiß getünchter Raum mit einer Art Altar an der Frontseite, darauf edle Blumen und Kerzen. Dahinter ein großes, in einen Stoffteppich gesticktes Om-Zeichen. Ich sehe meinen eigenen Körper, das Eichenparkett unter mir, die Matten, die Menschen um mich herum.

Aber was ist das "Jetzt"? Das finde ich eindeutig schwieriger zu beantworten. Jetzt ist ja irgendwie immer, solange man lebt. Das Jetzt ist der treueste Begleiter im Leben. Egal, ob man isst, trinkt, liest, schläft oder sonst etwas tut, es ist immer jetzt. Gibt es da noch ein anderes, tieferes Jetzt?

Ein "Hier und Jetzt", das man erst finden muss, steht im Zentrum einer Bewegung, die seit Jahrhunderten in Asien gepflegt wird und die seit geraumer Zeit in den westlichen Industriestaaten um sich greift: die "Achtsamkeit". Bücher von asiatischen Meditationslehrern wie Thich Nath Hanh und Mahathera Henepola Gunaratana, die altes fernöstliches Wissen für den Menschen von heute aufbereiten, verkaufen sich in den USA und Europa prächtig. Der Amerikaner Jon Kabat-Zinn, einer der Anführer der Achtsamen, beschreibt es als Ziel, "den gegenwärtigen Augenblick wirklich zu spüren, bis wir ihn in seinem ganzen Ausmaß sehen".

Arianna Huffington, Gründerin des nach ihr benannten Medienunternehmens, beschreibt in einem Bestseller, wie das Hier und Jetzt nutzbar zu machen ist – als Schutz gegen Burn-out. Inzwischen heuern Banken und Großkonzerne Meditationslehrer an, und auch für die breite Bevölkerung gibt es eine schnell wachsende Zahl von Seminaren und anderen Angeboten bis hin zu Smartphone-Apps, die den hektischen Alltag unterbrechen und "Inseln der Ruhe" durch Achtsamkeit schaffen sollen. Auch die Wissenschaft springt auf das Thema an, immer mehr psychologische Fachliteratur zum Stichwort Achtsamkeit erscheint in immer kürzerer Zeit. Forschungseinrichtungen wie das Max-Planck-Institut für Kognitionsforschung führen groß angelegte Studien dazu durch, wie Meditieren Gehirn und Denken verändert. Nach dem "Hier und Jetzt" gibt es eine enorme Nachfrage. Offenbar sind Millionen Menschen gerade jetzt sehr intensiv auf der Suche danach.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 6/15.

Die Yogastunde ist vorbei. Ich fühle mich gut, beweglich, energiegeladen. Das besondere "Jetzt", von dem die Lehrerin sprach, habe ich aber nicht gefunden. Die Zeit verging während des Meditierens zwar extrem langsam, war jedoch voller Ablenkungen: Von rechts kam in meinem Kopf die Frage, ob für die nahende Reise alles geplant ist. Von links kam das Bild eines alten Freundes, den ich schon lange wieder kontaktieren will. Von oben kam ein Fetzen aus einem alten Traum. Und von unten die Ablenkung durch die Menschen um mich herum. An irgendjemanden erinnerte mich die Frau zu meiner Rechten. Gedanken aus Vergangenheit und Zukunft zerrten an mir. Sie beiseitezuschieben, wie es die Lehrerin wollte – dabei habe ich weitgehend versagt.

Dafür steigt jetzt ein starkes Gefühl in mir hoch: Die Yogastunde hat 90 Minuten gedauert. Welche E-Mails sind in dieser unendlich langen Zeit in meinem Smartphone gelandet, welche Posts auf Twitter dazugekommen, welche Anrufe habe ich verpasst? Schon bei dem Gedanken daran schlägt mein Puls schneller. Jetzt stehe ich draußen vor dem Yogastudio und verliere mich im Strom der Nachrichten. Nichts lenkt mich ab, keine anderen Gedanken durchkreuzen mein Bewusstsein. Ich vergesse meinen Körper und die Welt um mich herum, alles verschmilzt zu reiner Gegenwart. So lange, bis ich alles aufgeholt habe und alles durchgescrollt ist. Ich staune jedes Mal, wie viel Zeit in diesem Autopiloten-Modus vergeht, ohne dass ich es bemerke. Habe ich gerade so etwas wie ein digitales Nirwana erreicht?