Krankheit als Chance? Manche Menschen sind überzeugt, dass eine gesundheitlich schwere Zeit sie im Leben weiter gebracht hat.

Darf man sagen, dass eine Krankheit auch ihre gute Seite haben kann? Schon eine Grippe macht die Lebenslust zunichte. Und es gibt kaum Furchtbareres, als an Krebs zu erkranken, an Multipler Sklerose oder etwa an einer Psychose. Solche Diagnosen bieten allen Anlass zu verzweifeln. Und doch gibt es Menschen, deren Trauer über ihr Schicksal irgendwann in ein Leben mündet, das ihnen wieder Glücksmomente beschert. Im Rückblick meinen manche sogar, sie hätten ihrer Krankheit etwas zu verdanken. So erging es vor hundert Jahren Milton Erickson, und so erleben es einige auch heute.

Mit 17 Jahren erkrankte Milton Erickson an Kinderlähmung. Ein Jahr lang saß er gelähmt im Schaukelstuhl und konnte nicht einmal sprechen. In seinem Inneren beschwor er damals immer wieder die glücklichen Momente aus der Zeit vor seiner Erkrankung, als er über grüne Wiesen gerannt war oder den Fluss durchschwommen hatte – und entdeckte, dass ihm das half. Später, nachdem er längst wieder laufen konnte, Medizin und Psychologie studiert hatte und zum Psychiatrie-Professor geworden war, entwickelte Erickson aus dieser Erfahrung die Hypnotherapie. So wurde, was 1918 als Ende aller Träume erschien, zum Beginn eines erfüllten Lebens.

Das eigene Beispiel lehrte ihn später, sich nicht – wie Freud – auf die Tragödien der Vergangenheit zu konzentrieren, sondern positive Erfahrungen als Kraftquelle zu nutzen. Sein Credo: Statt sich mit den Defiziten zu beschäftigen, sollte man lieber die Ressourcen ausbauen, die jeder Mensch in sich trägt.

Muss man also nur die Kraft der Seele nutzen, und alles wird gut? Ganz so einfach ist es meistens nicht. Milton Erickson hatte in zweierlei Hinsicht Glück. Es gelang ihm wider Erwarten, die körperlichen Folgen der Kinderlähmung weitgehend zu überwinden. Und die Krankheit wies ihm den Weg in die berufliche Zukunft. Sie hat, allem Leiden zum Trotz, sein Leben auch bereichert. Diese andere Seite der Krankheit lässt sich nur im Nachhinein beurteilen. Sie wird erst sichtbar, wenn die Verzweiflung abgeklungen ist. Dann erkennen manche Menschen, dass ihr Unglück auch sein Gutes hatte.

So jedenfalls geht es Kerstina Feldvoss, die durch ihre Erkrankung ein Gespür für sich selbst entwickelt hat und nun einfach mal den Tag genießt. Oder Michael Kröger, dem vielfältige Aktivitäten dabei halfen. Sabine Marina konnte die Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit kreativ verarbeiten und darüber viel Bestätigung finden. Und Karin Klausner hat ihren Frieden gemacht mit einer Erkrankung, der sie viele Erkenntnisse über das Leben verdankt. Ihnen allen gemeinsam ist die Gewissheit, dass ihnen Mitleid nicht weiterhilft. Wie Milton Erickson haben sie sich ihr Leben zurückerobert und wollen nicht nur als Opfer einer Krankheit gesehen werden, sondern als Menschen, die weiterhin viel zu geben haben. Sie hoffen, dass ihre Geschichten anderen helfen, aus einer neuen Perspektive auf die eigene Situation zu sehen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 6/15.

Das Selbstbild von Kerstina Feldvoss wurde im Dezember 2013 gewaltig erschüttert – und fügte sich dann ganz anders wieder zusammen. Bis dahin hatte die Arbeit für sie eine übermächtige Rolle gespielt. Ihr Mann kümmerte sich als Freiberufler viel um die drei Kinder, ihr Gehalt sicherte das Einkommen der Familie. Auch nach Feierabend, wenn daheim andere Aufgaben warteten, ließ der Job die Bio-Ingenieurin oft nicht los. "Ich stand ständig unter Strom, war in Aktion bis zur Erschöpfung und fühlte mich für alles verantwortlich", sagt sie. Vor knapp zwei Jahren war damit plötzlich Schluss.

Es begann mit einem Knoten, den sie in ihrer Brust spürte. Dann ergaben die Untersuchungen, dass er bösartig war; dass es sogar drei waren; dass auch die Lymphknoten befallen waren. Operation, Chemotherapie, noch mal Chemotherapie, dann Bestrahlung – ein ganzes Jahr lang war sie krankgeschrieben. Schon im Kreis ihrer sechs Geschwister sei sie immer die Starke gewesen, diejenige, die alles konnte und alles machte, sagt sie. Jetzt war sie mit ihrer Schwäche konfrontiert.

Kerstina Feldvoss durchlebte eine schwere Zeit. Und auch heute noch erfüllt jede anstehende Nachuntersuchung sie mit Angst. Dennoch sagt sie: "Ich sehe die Krankheit absolut nicht nur negativ. Ich brauchte einen Schubs vor den Bauch." Früher ging sie über ihre Gefühle oft hinweg, heute achtet sie mehr auf sich und arbeitet weniger. "Der Krebs hat mich vom Perfektionismus kuriert."

Und noch etwas verdankt Kerstina Feldvoss ihrer Erkrankung: Sie weiß es jetzt zu schätzen, dass ihr Mann so gelassen und fürsorglich ist. Früher habe sie oft gedacht: Ich muss noch so viel machen, ich rödel rum, und er lebt einfach sein Leben. "Das hat mich manchmal ganz verrückt gemacht und zu Spannungen geführt", sagt sie. Die Krankheit habe die Beziehung gefestigt: "Sie hat jetzt eine neue Qualität."

Kann man die Erfahrungen verallgemeinern, die Kerstina Feldvoss gemacht hat? Oder fügt der Blick auf die positiven Aspekte der Erkrankung denjenigen Menschen zusätzliches Leid zu, die daran verzweifeln? Fühlen sie sich womöglich abgestempelt als Versager, weil die Krankheit ihnen allen Lebensmut genommen hat, statt ihnen neue Wege zu eröffnen? Selbsthilfegruppen und Psychotherapeuten meinen, das Gegenteil sei der Fall. Sie begleiten die Menschen in ihrer Trauer und möchten sie gleichzeitig vor völliger Mutlosigkeit bewahren: Das Beispiel von anderen, die bereits positive Aspekte in ihrer Krankheit sehen, könne da die Hoffnung geben, dass auch die eigene Verzweiflung irgendwann endet. Je tiefer das Unglück, desto mehr braucht der Mensch einen Funken Zuversicht.

Dass nach einer dunklen Phase die Tage wieder heller werden, erleben viele Kranke. Doch längst nicht jeder gestaltet gleich sein Leben um. Für ihre Studie Lehrmeister Krankheit? hat Astrid Seltrecht Frauen mit Brustkrebs-Diagnose interviewt und deren Lernprozesse untersucht. Sie ist Professorin für Gesundheitswissenschaft in Magdeburg und stellte fest: Eine grundlegende Neuorientierung baut auf Erfahrungen auf, die schon vor der Diagnose gesammelt wurden. "Manche Menschen glauben, allein der Krebs habe ihr Leben total verändert", sagt sie. Dabei brachte die Krankheit nur eine Entwicklung schneller voran, die schon vorher begonnen hatte. Die Mehrzahl der Frauen hielt am bisherigen Lebensentwurf fest. Einige hinterfragten nach der Diagnose jedoch ihre Identität. Andere lernten dazu, indem sie zu Experten für ihre Krankheit wurden.