Sollten Raumfahrer von anderen Welten in 20.000 Jahren die Erde besuchen, werden sie einen wunderschönen Planeten vorfinden. Wilde Ozeane, deren Wogen an Steilküsten branden. Wüsten mit Skulpturen aus Sand oder Kalkstein. Mächtige Wälder, durch die Schreie von Vögeln hallen. Savannen, durch die sich riesige Tierherden wälzen. Spuren einer Klimakatastrophe entdecken sie nicht.

Ob die Sternenfahrer Menschen finden werden, ist jedoch ungewiss. Denn was uns gegenwärtig droht, ist eine Menschheitskatastrophe – aber keine Klimakatastrophe. Die gibt es nicht. Moment, werden Sie sagen? Sind wir nicht Zeuge einer globalen Erwärmung? Mit ziemlicher Sicherheit: ja. Alle Messdaten und Klimamodelle legen dies nahe. Aber dem Klima ist das egal. Das Reden von der Klimakatastrophe ist falsch, ja sogar gefährlich.

Falsch, weil es davon ausgeht, das Klima sei wie eine gewaltige Maschinerie, die heiß laufen und kaputt gehen könnte, wenn wir nicht die entscheidende Stellschraube nachjustieren: die CO₂-Konzentration in der Erdatmosphäre. Im Zeitalter umkämpfter Aufmerksamkeit scheint es naheliegend, ein großes Problem auf eine einzige Zahl herunterzubrechen, damit es auch der Letzte kapiert. Die Ökonomen haben es vorgemacht: Sie reduzieren seit Langem den Zustand einer komplexen Volkswirtschaft auf wenige Zahlen wie Bruttoinlandsprodukt, Wachstums- und Inflationsrate.

Gefährlich wird das Reden von der Klimakatastrophe, weil das Maschinendenken die Versuchung nährt, mittels Geo-Engineering in Ozeanen und Atmosphäre das Klima zu reparieren, wenn das mit dem CO₂-Reduzieren nicht klappt. Und es lenkt von der Menschheitskatastrophe ab: der drohenden Verelendung von Hunderten Millionen Menschen.

Bisherige Studien legen nahe, dass gerade Menschen in tropischen Breiten unter klimatischen Veränderungen leiden werden: Dürren, sich in kältere Breiten zurückziehende Fischbestände, Überschwemmungen und Erosion von Ackerland.

Es ist eine bittere Ironie, dass diese Menschen nicht diejenigen waren, die den Klimawandel angestoßen haben. Die industrialisierten Länder haben die drohende Menschheitskatastrophe heraufbeschworen, indem sie sich im Zuge ihrer Industrialisierung Land und Rohstoffe auf anderen Kontinenten aneigneten – und immer noch aneignen, rücksichtslos.

Wenn die Würde eines jeden Menschen nicht nur eine hohle Phrase sein soll, brauchen gerade Menschen in diesen Regionen Unterstützung – entweder bei Versuchen, sich an ein anderes Klima anzupassen, oder durch die Aussicht, umsiedeln zu dürfen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 6/15.

Beidem kommt das moderne Staatensystem eher in die Quere, als dass es hilft. Seit der Kyoto-Konferenz von 1997 gelingt es nicht mehr, CO₂-Reduzierungen zu vereinbaren, obwohl die Staaten sich jedes Jahr erneut an einen Tisch setzen. Der nächste Versuch ist Ende November in Paris. Was bei diesen Konferenzen zu beobachten war, haben auch spieltheoretische Experimente bestätigt, in denen solche Verhandlungen mit Versuchspersonen simuliert wurden: Die reichen Länder nehmen keine Rücksicht auf die armen.

Bei der Anpassung sieht es kaum besser aus: Sie gilt dann als gelungen, wenn sie zugleich die Wirtschaft eines Staates schützt. Die konkreten Menschen verschwinden auch hier wieder aus dem Bild. Etwa in der Hafenstadt Rufisque im Senegal: Weil das Meer an der Küste allmählich vordringt, sollten Deiche das Inland schützen, der Hafen sollte befestigt werden. Für die traditionellen Fischer der Serer eine schlechte Nachricht. Ihre Boote eignen sich nicht für den Hafen, und der Deichbau würde ihnen den Strand entziehen, wo sie ihren Fang anlanden und verarbeiten. Sie zogen es vor, ihre Häuser landeinwärts zu verlegen. In den Augen der senegalesischen Regierung, aber auch vieler Klimaforscher, tun die Serer jedoch nichts, weil ihre eigene Anpassung weder Tourismus noch Großfischerei nützt.

Gelingt eine Anpassung nicht mehr, werden Menschen flüchten müssen. Auf den Malediven und den pazifischen Inseln könnte dieser Tag nicht mehr fern sein. Werden andere Staaten die Umsiedler willkommen heißen? Die Reaktionen auf Flüchtlingsbewegungen in diesem Sommer machen nicht optimistisch.

Auf der Klimakonferenz in Cancún 2010 wurde immerhin die Einrichtung eines Green Climate Fund beschlossen, der besonders benachteiligten Regionen helfen soll. Bis Mitte dieses Jahres hatten jedoch nur 25 Industrieländer ganze 5,5 Milliarden Dollar zugesagt. Auch das ist Teil der eigentlichen Katastrophe.

Der Planet Erde kann das Verschwinden des Menschen verschmerzen. Fünfmal hat es Massenartensterben gegeben, jedes Mal folgten den verschwundenen Arten neue, die an Form und Vielfalt nicht weniger beeindruckend waren. Die Erde wird immer schön bleiben. Die Menschheit hingegen wird mit jedem Menschen, den sie der Verelendung überlässt, hässlicher.