ZEIT Wissen: Herr Safranski, die genauesten Atomuhren der Welt messen eine Sekunde auf 18 Stellen nach dem Komma genau. Ist das dann ein Körnchen Gegenwart?

Rüdiger Safranski: Es ist zunächst nur die Takteinheit des Geräts. Uhren üben eine ungeheuer suggestive Macht auf uns aus, aber wir dürfen nicht so tun, als sei das, was die Uhren messen, auch das, was wir erleben. Für unser Empfinden, ob ein Ereignis lange dauert oder ob die Zeit verfliegt, spielen Uhren keine Rolle. Die Miniminiminisekunde der Atomuhren hat nur für die Technik eine Relevanz.

ZEIT Wissen: Atomuhren geben heute den Takt der Weltzeit an – die ultimative Uhrensynchronisation. Angefangen hat diese Entwicklung mit einheitlichen Zeitzonen entlang der ersten Eisenbahnlinien. Wie hat sich die Gesellschaft verändert, als Städte und Dörfer plötzlich eine einheitliche Zeit hatten?

Safranski: Zunächst hat sich die Wahrnehmung der Menschen tief greifend verändert. Früher lebten sie in Raum und Zeit weitgehend getrennt voneinander. Jeder in seinem Dorf, jeder unter seiner eigenen Zeitglocke. Mit der Bildung von Territorialstaaten bewohnte man plötzlich einen gemeinsamen Raum. Und mit der Synchronisierung der Uhren wurde die Zeit vergesellschaftet. Zumal bald jeder eine Uhr am Handgelenk oder in der Westentasche tragen konnte.

ZEIT Wissen: Das heißt, die Gesellschaft gibt ihren Mitgliedern den Takt vor?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 6/15.

Safranski: Es bedeutet, dass man im gesellschaftlichen Maßstab auf derselben Zeitskala lebt. Nehmen Sie Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel. Als Erstes macht er sich einen Kalender, damit er weiß, wann Sonntag ist, wann also im fernen England die Leute in die Kirche gehen. An der gemeinsamen Zeit zu partizipieren heißt, nicht aus der Welt zu fallen.

ZEIT Wissen: Ein Trost für Robinson Crusoe. Später gab es dann aber auch Zeiten, in denen Menschen Uhren sogar zertrümmerten.

Safranski: Das passierte während der Revolten englischer Industriearbeiter im 19. Jahrhundert. Die Uhren takteten das Zeitraster der Fabrikarbeit. Uhren repräsentierten die aufgestülpte Ordnung, jetzt auch: Zeitordnung. Das war der erste Akt der Industrialisierung. Später kam mit Stechuhren die zeitliche Kontrolle hinzu. Das Raster der Zeit wurde immer engmaschiger. Damit beginnt ein neues Gefühl von Unterdrücktheit und einem Verlust an Autonomie.

ZEIT Wissen: Tragen Sie eine Armbanduhr?

Safranski: Ja. Ich habe nichts gegen Uhren. Sie dienen vielerorts der Kontrolle, ohne sie könnten wir aber kaum unseren Alltag organisieren. Wie hätten wir uns sonst zum Interview verabreden sollen?

ZEIT Wissen: Haben Sie bei Ihren Recherchen herausgefunden, warum die Deutschen als besonders pünktlich gelten?

Safranski: Ich kann nur spekulieren. Ein Industrieland braucht sicherlich eine immer präzisere Zeitplanung, aber da sind wir ja nicht allein. In Deutschland kommt eine besondere Autoritätsgläubigkeit dazu: Den Kommandos der öffentlichen Uhren leistet man bereitwillig Folge. Und dann ist da noch das protestantische Arbeitsethos: Bloß keine Zeit verschwenden. Seine Gottgefälligkeit glaubte man, im Fleiß und der Pünktlichkeit beweisen zu müssen. Auch das Wetter spielt vielleicht eine Rolle. Wenn die Sonne scheint, ist man einfach lässiger.

ZEIT Wissen: Heute gibt es einen Kult um die Echtzeit. Wir können die Griechenlandkrise oder AKW-Explosionen im Liveticker miterleben. Partizipation an vergesellschafteter Zeit ist für viele Menschen aber eher ein Stressfaktor.

Safranski: Es gibt eine kurzatmige Gegenwartsfixierung. Wer Informationen in einer immer höheren Taktrate nachfragt, hat weniger Zeit für die Vertiefung. Das Gegenwartsfenster wird immer voller gepackt. Ich lese wie viele andere auch Nachrichten im Internet, aber ich merke, dass mein Bedürfnis steigt, kluge Kommentare zu lesen.