Die österreichische Flüchtlingshelferin Dorna herzt die dreijährige Diana aus Afghanistan bei ihrer Ankunft am Wiener Westbahnhof. © Joe Klamar/AFP/Getty Images

Ausgelassen tanzen die Menschen am Rande der Hamburger Messehallen, doch es ist keine gewöhnliche Open-Air-Party, die auf dem Platz stattfindet. Die da tanzen, sind Menschen, die Tausende Kilometer Flucht auf sich genommen haben, um Not und Krieg im Nahen Osten zu entkommen. Die endlich in Sicherheit angekommen sind und vielleicht zum ersten Mal seit vielen Wochen an diesem schönen Sommertag die Gegenwart genießen können.

Während der Geruch von gegrilltem Lammfleisch über den Platz wabert, macht eine Anwohnerin Buttons, auf denen in neun Sprachen "Freundschaft" steht. Immer wieder kommen Flüchtlinge zu ihr, zeigen mit dem Finger auf die Tafel, um sich den Button in ihrer Sprache zu wünschen. An immer mehr Hemden steckt die kleine blaue Scheibe, und dann geschieht etwas Erstaunliches: Die Menschen, Flüchtlinge und Anwohner, fangen an, die Buttons zu tauschen. Farsi gegen Arabisch, Tigrinisch gegen Deutsch. Die Gesichter hellen sich dabei auf, es wird gelacht. Die Geste ist klar: Lass uns Freunde sein. Lass uns diesen Moment feiern als das, was wir alle sind – als Menschen. Eine Woge der Empathie liegt in der Luft.

"Empathie ist das große Thema unserer Zeit", sagt der Evolutionsforscher Frans de Waal. Die Einfühlsamkeit, mit der immer mehr Europäer die Ankommenden empfangen und sich auch von den Attentaten in Paris nicht davon abbringen lassen, ist erstaunlich. Was passiert da in den letzten Monaten? Ist es nur eine Modeerscheinung? Oder kündigt sich hier eine tiefer greifende Veränderung der Gesellschaft an?

Empathie: Ein evolutionärer Vorteil

Selbstverständlich ist Empathie in der westlichen Gesellschaft nie gewesen. Jahrzehntelang galt das Nutzen maximierende Ego als Leitbild. Auch die Wissenschaft konnte mit Empathie nicht viel anfangen. Sie sei ein "absurdes, lächerliches Thema gewesen, das in dieselbe Kategorie gehörte wie die übernatürlichen Phänomene, mit denen sich Astrologie und Telepathie beschäftigen", sagt de Waal.

Empathie, die Fähigkeit, sich in einen anderen hineinzuversetzen, die Welt auch mit dessen Augen zu sehen, sich in ihn einzufühlen, galt als etwas, das irgendwie unterschwellig in uns abläuft. Doch inzwischen haben vor allem Anthropologen und Primatenforscher das Phänomen gründlicher angeguckt. Indem sie unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, sowie kleine Kinder untersuchten, haben sie erstaunliche Erkenntnisse gewonnen. Nicht nur die Intelligenz, auch das Mitfühlen hat sich während der Evolution entwickelt.

Eine rudimentäre Form des Mitfühlens mit Artgenossen zeigt sich schon bei Babys. Lacht die Mutter, lachen sie mit. Streckt sie die Zunge heraus, tut es das Kind auch. In einem Krankenhaus in England stellte das Personal überrascht fest, dass das Weinen eines Neugeborenen immer wieder ein riesiges Echo im ganzen Saal auslöste – bis alle Kinder gleichzeitig weinten. Noch können die Kleinen nicht zwischen der eigenen Person und anderen unterscheiden. Sich selbst entdecken sie erst im Alter von 18 bis 24 Monaten, wie die sogenannten Rouge-Tests zeigen. Setzt man ein Kleinkind vor den Spiegel, nachdem man ihm einen roten Fleck auf die Wange gemalt hat, berührt es die Stelle. Säuglingen hingegen fällt der Fleck noch nicht auf, weil sie sich nicht selbst im Spiegel erkennen. Kinder, die den Rouge-Test bestehen, beginnen auch mit Puppen oder Stofftieren so zu spielen, als ob diese eigene Personen seien. Sie beginnen, anderen zu helfen. Sie holen etwa einem Erwachsenen einen entfernten Gegenstand, wenn dieser ihn händeringend anschaut, weil er ihn braucht. Um den Blick des Erwachsenen richtig zu deuten, muss das Kind eine Vorstellung davon entwickeln, dass im Kopf des anderen etwas vor sich geht.

Auch Schimpansen können Empathie empfinden

Solche einfachen empathischen Verhaltensweisen hat de Waal auch an Schimpansen beobachtet. Er ist überzeugt: "Empathie gehört zu unserem Erbe, das genauso alt ist wie die Abstammungslinie der Säugetiere." Entstanden ist sie aus der Notwendigkeit der Kooperation: Weil diese langfristig unseren Vorfahren und später dem modernen Menschen Überlebensvorteile brachte, entwickelten sie eine Methode, mit anderen in Gleichklang zu sein, Aktionen zu koordinieren und für Individuen zu sorgen, die in Not geraten sind. Ganz automatisch, so de Waal, entwickelten wir ein Gespür für Gesichter, Körper und Stimmen, für Mimik und andere Körpersignale.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 1/16.

Die biologische Voraussetzung für dieses Gespür fanden Forscher in den frühen neunziger Jahren: die Spiegelneuronen. Forscher der Universität Parma in Italien entdeckten damals sowohl bei Makaken-Affen als auch bei Menschen mit bildgebenden Verfahren etwas Überraschendes. Der Motorcortex – jene Hirnregion, die bei uns für das Ausführen von Bewegungen zuständig ist – wurde auch dann aktiv, wenn die Individuen Bewegungen bei anderen nur beobachten: ganz so, als würden sie sie selbst ausführen. Für die Wissenschaft, die in der Tradition von Descartes Körper und Geist als zwei getrennte Einheiten gesehen hatte, war dies eine unerhörte Entdeckung: Beide funktionieren nicht losgelöst voneinander.

Aber allein die Aktivität der Spiegelneuronen ruft noch nicht automatisch Empathie hervor. Die Spiegelneuronen müssen durch weitere Erfahrungen "codiert" werden, um die Handlungen anderer deuten zu können. "Über dem Fundament der Ur-Anteilnahme können Lernen und Intelligenz immer komplexere Schichten anlegen, sodass die Reaktionen von zunehmender Urteilsfähigkeit geprägt sind, bis hin zu vollständig entwickeltem Mitgefühl", sagt de Waal. Er vergleicht eine umfassend ausgebildete Empathie mit einer russischen Puppe: Ganz innen befindet sich die "Gefühlsansteckung" der Säuglinge, um die sich als nächste Schicht Anteilnahme an anderen – das Trösten und spontane Helfen – legt. Die dritte Schicht bildet die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen und ihm gezielt zu helfen oder auf ihn einzugehen.