Charles Darwin hat Theologie studiert und sollte auf Wunsch seines Vaters Geistlicher werden. Doch nach seiner epochalen Forschungsreise wuchsen Darwins Zweifel an der christlichen Lehre, er bezeichnete sich später als Agnostiker. Viele prominente Evolutionsbiologen unserer Zeit distanzieren sich viel deutlicher vom Glauben als Darwin. Nicht so Martin Nowak, einer der weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet. Wir treffen den Harvard-Professor in seinem Geburtsort Klosterneuburg bei Wien, wo er zu Besuch ist. Dort ist in den vergangenen Jahren das österreichische Institute of Science and Technology entstanden, ein Ort der Spitzenforschung, für den Nowak als Berater wirkt. Auf den Fluren laufen einem dort Ameisenforscher, Immunexperten, Robotiker und Physiker über den Weg. Nur in einem Raum geht es an diesem Nachmittag nicht um Spitzenforschung, sondern um ein Glaubensbekenntnis.

ZEIT Wissen: Herr Nowak, was macht Ihnen Angst?

Martin Nowak: Was mir Angst macht, ist, dass wir Menschen die Möglichkeit haben, Böses zu tun.

ZEIT Wissen: Lässt das Böse in der Welt Sie an Gott zweifeln?

Nowak: Augustinus zufolge ist die Natur Gottes, dass er das Gute auch aus dem Bösen erschaffen kann. Das Böse hat nicht die gleiche Existenz wie das Gute.

ZEIT Wissen: Sie sind Professor für Biologie und Mathematik an der Universität Harvard und leiten ein Programm für Evolutionsbiologie. Zugleich sind Sie gläubiger Katholik. Passt das zusammen?

Nowak: Sehr gut. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und christlicher Weltanschauung.

ZEIT Wissen: Das sehen oder sahen viele Ihrer sehr bekannten Kollegen in der Biologie anders, von denen einige große Namen behaupten, Wissenschaft und Glauben seien komplett inkompatibel.

Nowak: Aber die Argumente, die dabei vorgebracht werden, sind nicht wissenschaftlich, sondern subjektive Weltanschauungen. Sie liefern keinen Beweis, ob es Gott gibt oder nicht. Die Existenz Gottes kann man nicht wissenschaftlich prüfen. Jetzt zu sagen, ich interpretiere die wissenschaftlichen Beobachtungen, als ob sie zeigen würden, dass es Gott nicht gibt, das ist nicht wissenschaftlich. Das ist selbst eine Art von Religion. Eine Religion des Atheismus. Diese Haltung ist unter Biologen aus irgendeinem Grund häufiger verbreitet als unter Mathematikern und Physikern.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 1/16.

ZEIT Wissen: Waren Sie schon immer gläubig, oder ist das erst später gekommen?

Nowak: Bei mir hat es nie einen Bekehrungsmoment gegeben. Gott war für mich schon als kleines Kind anwesend. Vermutlich erwähnte meine Großmutter Gott. Gott war immer schon in mir, noch bevor ich in die katholische Privatschule in Wien ging. Die meisten Kinder haben dort beim Religionsunterricht nicht achtgegeben. Das hat mir leidgetan. Ich habe Glauben immer als etwas sehr Schönes, Tiefes und Wahres gesehen. Es war immer die Quelle einer allumfassenden Liebe, etwas sehr Aufbauendes und Tröstendes.

ZEIT Wissen: Und wie kam dann die Wissenschaft in Ihr Leben?

Nowak: Als Jugendlicher konnte ich mir den Beruf des Wissenschaftlers noch nicht vorstellen. Ich wollte Arzt werden. Einmal hat mir der Mathematiklehrer gesagt, Nowak, du bist ein Wissenschaftler, und ich wusste nicht, was er damit meint. In den letzten Ferien vor Beginn des Studiums habe ich ein Buch mit dem Titel Der achte Tag der Schöpfung gelesen. Es war eine Geschichte der Molekularbiologie. Das hat mich so fasziniert, dass ich von Medizin auf Biochemie umgesattelt habe. Über die Biochemie habe ich dann die Mathematik entdeckt.

ZEIT Wissen: Werden Sie häufig auf Ihren Glauben angesprochen?

Nowak: Ich habe Glauben und Wissenschaft lange Zeit getrennt gehalten und über meinen Glauben kaum gesprochen. Wenn doch, dann hörte ich Sätze wie: "Was, du glaubst an Gott?! Das hätte ich nie gedacht. Du bist doch vernünftig!"

ZEIT Wissen: Und heute?

Nowak: Halte ich Vorträge über Glauben und Wissenschaft und arbeite an einem Buch darüber. Über die Resonanz bin ich oft überrascht. Nach den Vorträgen kommen dann zum Beispiel Biologiestudenten fast mit Tränen in den Augen auf mich zu und sagen, sie wären schon knapp davor gewesen aufzugeben, weil diese Welt der Biologie, in der sie studieren, so säkular ist, dass sie das jetzt nicht mehr verkraften. Sie finden es schön, dass ein Wissenschaftler ihnen sagt, dass es Platz für die Religion gibt.

ZEIT Wissen: Lassen Sie auch andere Religionen gelten?

Nowak: Vor etwa 15 Jahren habe ich in Japan buddhistische Tempel besucht und mich gefragt: Wie soll ich dabei empfinden? Bin ich in einem Museum oder in einer Kirche? Wir sind von Tempel zu Tempel gelaufen, und ich konnte diese Frage nicht entscheiden. Bis wir zu einem ganz kleinen Tempel kamen, der gar nicht auf dem Programm stand. Da habe ich hineingeschaut, und die Buddha-Statue hat herausgeschaut, und in dem Moment habe ich mir gedacht: Das ist die Gegenwart Gottes.

ZEIT Wissen: Läuft man als gläubiger Wissenschaftler mit einer Art Stigma herum?

Nowak: Nein, das würde ich nicht sagen. Newton und Kepler haben an Gott geglaubt. In gewissem Sinne auch Einstein und Gödel. Die Harvard-Universität wurde 1636 ausschließlich dafür gegründet, Geistliche auszubilden. Das Symbol von Harvard, "Veritas", steht für göttliche Wahrheit. Aber heute muss man sich dafür rechtfertigen, wenn man einen ernsthaften Vortrag über Religion und Wissenschaft halten will.