Während ich diese Worte in die Tastatur tippe, steigt der Druck in meinem Kopf wieder. Es ist, als hätte mir jemand eine Maske aufs Gesicht gesetzt und würde sie immer enger ziehen. Der Raum darin wird kleiner und kleiner, Nase, Stirn, Wangen, alles drückt. Die Sinusitis, gemeinhin bekannt als Nasennebenhöhlenentzündung, hat mich wieder.

Das erste Mal kam sie in mein Leben, als es auch die erste Liebe tat, mit 16. Die Aufregung, der Stress, zum See fahren mitten in der Nacht. Die Liebe zerbrach. Die Sinusitis blieb, nun schon ein halbes Leben. Es gab Momente seitdem, da dachte ich: Ich bin die Krankheit. Wir sind eins. Geht es meinen Nebenhöhlen gut, geht es auch mir gut. Geht es ihnen schlecht, leide ich. Damit ist jetzt Schluss. Ich will verstehen, was es mit diesem Labyrinth in meinem Schädel, das sich so oft entzündet, auf sich hat.

Elf Prozent der Europäer leiden an einer chronischen Sinusitis. Die Mittel, die dagegen helfen sollen, wie Gelomyrtol, Soledum, Sinupret oder Sinusitis Hevert, füllen ganze Regalreihen in den Apotheken. Die Sinusitis gilt als Volkskrankheit.

Um herauszufinden, was dabei passiert, muss ich tief hinein ins Höhlensystem. Es hilft nichts. Ich mache mich auf zu einer Expedition. Vier Höhlen sind es, eingekeilt zwischen Gehirn und Zähnen, Augen und Wangenknochen. Vielleicht, das ist meine Hoffnung, wird unsere Beziehung ja besser, wenn ich mehr über sie weiß.

Rein geht’s durch die Nase. Vorbei an der Nasenscheidewand, zum schmalen Eingang der Nebenhöhlen. Zack, einmal durch, kommt als Erstes die Siebbeinhöhle. Es ist extrem eng hier. Aus der Vogelperspektive würde das Ganze aussehen wie Luftschokolade, ein Gebilde mit lauter Löchern, oder eben wie ein Sieb. "Stop", sagt Claus Bachert. "Genau an dieser Stelle wird klar, warum diese Nebenhöhlen so kompliziert sind." Er ist so etwas wie mein Höhlenforscher. Er führt mich hier durch, zumindest in Gedanken, via Skype. Denn während ich an einem Berliner Schreibtisch sitze, sitzt Claus Bachert, der normalerweise an der Universität Gent forscht, gerade in China in einem Auto. "Also, die Siebbeinhöhle ist der Schlüssel zum Problem. Hier entsteht meist die erste Entzündung, danach kann sie in eine der übrigen Nebenhöhlen übergreifen."

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 1/16.

Zum Beispiel in die Keilbeinhöhle, die kleinste von allen und etwas weiter hinten im Kopf gelegen. Wahrscheinlicher ist es aber, dass die Entzündung einen Stock tiefer zieht, in die größte, die Kiefernhöhle. Sie fasst ein Volumen von 15 Millilitern, so viel Flüssigkeit, wie in einen Eierbecher passt. Sie liegt hinter den Wangenknochen und geht runter bis zu den Zahnwurzeln. Erst bei einem Kind von zwölf Jahren ist sie voll ausgeprägt. Meine Entzündungen liegen meistens genau hier. Auch jetzt, wenn ich auf meine Wangenknochen drücke, schmerzt es. Leonardo da Vinci dachte, in den Nebenhöhlen würden die Nährstoffe für die Zähne gelagert. Der englische Arzt Thomas Willis glaubte, hier liege die Wurzel der menschlichen Triebe. Logopäden gingen davon aus, die Höhlen seien wichtig für die Stimmbildung, weil sie als Resonanzkörper dienten. All diese Theorien: widerlegt.

Zurück in die Siebbeinhöhle und von dort einen Stock höher, zur Stirnhöhle. Sie besteht aus zwei großen Schächten. Ginge man bis zu ihrer Hinterwand und würde kräftig dagegendrücken, wäre man schon fast im Schädel. Diese Nähe birgt Gefahr. Wer eine Entzündung der Stirnhöhle ignoriert, dem droht eine Entzündung der Hirnhaut. Allerdings passiert das nur selten. "In allen Höhlen sind die Wände mit kleinen Härchen ausgekleidet, sogenannten Zilien", sagt Claus Bachert. "Sie bewegen sich wie ein Getreidefeld im Wind – und transportieren so eine Schleimschicht, wie ein Förderband, das nie anhält. Mit dem Schleim befördern sie Bakterien, Viren und Staub aus dem Körper. Ohne dass wir es merken."

Lange hieß es, die Nebenhöhlen würden das Gewicht des Gehirns ausgleichen und somit dessen Wachstum ermöglichen. Aber auch an diese These glaubt heute niemand mehr. Seitdem hat man nicht weiter spekuliert. "Manche sagen, die Nebenhöhlen sind nur dazu da, damit wir HNO-Ärzte etwas zu tun haben", sagt mein Höhlenforscher. Er lacht. Vergangenes Jahr hat das US-Ranking-Institut Expertscape Claus Bachert als die weltweite Nummer eins auf dem Gebiet der Sinusitis ausgezeichnet.