Der Weiße Nashornbulle Sudan © picture alliance/dpa

Armin Püttger-Conradt kann man ohne Übertreibung als den Pressesprecher der Nördlichen Weißen Nashörner bezeichnen. Seit mehr als 30 Jahren verfolgt er das Schicksal dieser Art, vor ein paar Wochen hat er den Bullen namens Sudan noch einmal in Kenia besucht. Doch weder er noch Wildparks, Zoos oder Tierschutzorganisationen konnten verhindern, dass die Nördlichen Weißen Nashörner bald endgültig vom Planeten Erde verschwunden sein werden. Auf den ersten Blick sind skrupellose Wilderer und abergläubische, Nashornpulver konsumierende Asiaten an der Ausrottung schuld. Aber die Sache ist komplizierter. Püttger-Conradt hat sich für uns auf ein Spiel eingelassen: Er schlüpft in die Rolle des Nashornbullen Sudan. Für ein letztes Gespräch über Menschen und Hyänen, Leben und Tod.

ZEIT Wissen: Sudan, wie geht es Ihnen?

Sudan: Ich fühle mich hier im Privatreservat sicher. Aber meine Beine werden immer krummer. Sie müssen ein Gewicht von mehr als zwei Tonnen tragen. Von Tag zu Tag habe ich größere Schwierigkeiten, in die Höhe zu kommen.

ZEIT Wissen: Wobei Nashörner ohnehin den halben Tag im Liegen verbringen, oder?

Sudan: Das stimmt, aber wenn ich gar nicht mehr aufstehen kann, drückt mein Gewicht auf die Organe, und ich bekomme enorme Schmerzen. Ich hoffe, dass ich noch ein oder zwei Jahre durchstehen kann. Nach menschlichen Maßstäben bin ich mit 43 Jahren schon ein Greis, älter als 47 werden die wenigsten. Eine Zeit lang würde ich gerne noch die kleinen Wanderungen und Ausflüge hier im Park genießen.

ZEIT Wissen: Ihr Reservat Ol Pejeta liegt in der Nähe des Mount Kenia und wird von einer britischen Stiftung betrieben. Wie groß ist das Gebiet?

Sudan: Ungefähr drei Kilometer lang und zwei Kilometer breit, umgeben von einem elektrischen Zaun mit ziemlich hoher Spannung. Trotzdem versuchen Wilderer immer wieder, zu uns durchzukommen. Deshalb stehen an jeder Ecke auch noch Türme mit riesigen Scheinwerfern, die nachts die Zäune anstrahlen. Ich werde rund um die Uhr bewacht, ungefähr 200 Wärter wechseln sich damit ab.

ZEIT Wissen: Freiheit sieht anders aus.

Sudan: Mag sein, aber die Freiheit wäre tödlich. Kein Tier meiner Art hat sie überlebt. Nur hier in diesem Schutzraum sind wir vor den Wilderern sicher.

ZEIT Wissen: Man hat Ihnen sogar das Horn abgesägt, damit Sie für Wilderer uninteressant sind.

Sudan: Das war vor ein paar Jahren, aber inzwischen sind mir – wir haben ja immer zwei Hörner auf der Nase – wieder zwei schöne, kräftige Hörner gewachsen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 2/16.

ZEIT Wissen: Tut es weh, wenn das Horn abgesägt wird?

Sudan: Nein, unser Horn besteht aus gepresster Haut und Chitin, genauso wie unsere Hufe oder beim Menschen die Haare, Finger- und Fußnägel. Horn absägen ist wie Fußnägel schneiden, völlig harmlos.

ZEIT Wissen: Sie leben hier zusammen mit zwei Nashorndamen Ihrer Art, Fatu und Najin. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Sudan: Die Nacht verbringe ich zur Sicherheit in einem kleinen Sondergehege. Morgens bei Sonnenaufgang geht es gleich los. Meistens begleite ich Najin, dann zupfen wir hier und da Grashalme. Der Boden ist aber schon ziemlich kahl, deshalb bringt jeden Tag ein Trecker Heu. Oft kommen auch Wildhüter, die meine Hautwülste drücken und mich kratzen und schubbern. Das mag ich gern. Und dann leben hier noch ein gutes Dutzend entfernte Verwandte im Gehege, die Südlichen Weißen Nashörner. Wir sehen und verhalten uns sehr ähnlich, sind aber genetisch verschiedene Arten. Wenn wir miteinander Kinder zeugen würden, wäre das wie bei Pferden und Eseln: Es käme ein lebensfähiges Tier heraus, das aber unfruchtbar wäre. Na ja, für Sex bin ich eh zu alt.

ZEIT Wissen: Darauf möchten wir später noch mal zurückkommen. Wie verstehen Sie sich mit den Verwandten aus dem Süden?

Sudan: Im Prinzip gut, aber die sind viel jünger und gesünder als ich. Manchmal rempeln sie mich an, wahrscheinlich aus Versehen, und dann falle ich um, wegen der Beine. Am liebsten sind wir drei Nördlichen Weißen Nashörner unter uns.

ZEIT Wissen: Warum heißen Sie eigentlich "Weißes Nashorn", wenn Sie doch offensichtlich grau sind?

Sudan: Als wir vor über hundert Jahren entdeckt wurden, hat man uns nachgesagt, dass wir uns bevorzugt in hellem Schlamm suhlen. Das ist Unsinn, die Farbe des Schlamms ist egal, Hauptsache, matschig. Wahrscheinlich ist unser Name ein Missverständnis. Die Buren in Südafrika haben uns immer wijd neushoorn genannt, wijd wie "breit", wegen unseres breiten Mauls, und die Engländer haben white verstanden. Ich finde den Namen trotzdem passend. Wir leben ja hauptsächlich in baumloser Grassavanne, da knallt die Sonne den ganzen Tag auf die Haut, und die schimmert um die Mittagszeit fast weißlich. Schwarze Spitzmaulnashörner, die viel kleiner sind, leben in der Baum- und Buschsavanne und stehen dort oft im Schatten. Deshalb sehen die schwarz aus. Gerne können Sie aber auch Nördliches Breitmaulnashorn zu mir sagen.