Was macht dieser neue Teil meines Körpers mit mir? Eine Frage, die den Autor David Wagner beschäftigt.
Ich weiß nichts über dich, ich weiß überhaupt nichts. Und doch fehlst du mir, du fehlst mir wie verrückt.
David Wagner, "Leben"

Es sind Passagen wie diese in David Wagners Buch Leben, die sich wie eine Liebesgeschichte lesen. Wagner, 45 Jahre alt, hat in seinem Buch die Geschichte seiner Lebertransplantation verarbeitet. Er beschreibt darin den Kosmos Krankenhaus und spricht zuweilen im Geiste zu einer geheimnisvollen Fremden – jener Frau, von der er seine neue Leber zu haben glaubt. "Alles war genau so und auch ganz anders", steht zu Beginn des Buches. Diese Geschichte zu schreiben, sagt Wagner, habe ihm die Möglichkeit gegeben, überhaupt erst über das sprechen zu können, was er vor und nach der Transplantation erlebt hat.

ZEIT Wissen: Herr Wagner, würden Sie heute noch leben, wenn es diese Operation und diese neue Leber nicht gegeben hätte?

David Wagner: Die Operation ist neun Jahre her. Und ich kann sagen, mit meiner Leber hätte ich diese neun Jahre nicht mehr gehabt. Vielleicht hätte ich noch ein halbes Jahr oder ein Jahr weitergelebt. So genau weiß man das nicht. Es ist für mich immer noch ein Wunder und ein seltsames Gefühl zu wissen, dass ich eigentlich nicht mehr da wäre, nun aber doch noch hier sein darf. Ich denke jeden Tag daran.

ZEIT Wissen: Sie waren seit dem Kindesalter krank. Eine Autoimmunerkrankung führte dazu, dass Ihr Körper die Leber angegriffen hat.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 2/16.

Wagner: Ich habe lange mit einer geringen Leberleistung gelebt, dann aber sackte die Leistung immer weiter ab. Irgendwann wurde ich gar nicht mehr richtig wach, sondern hing selbstvergiftet, enzephalopatisch herum.

ZEIT Wissen: Sie denken jeden Tag an die neue Leber – liegt das an den Medikamenten, die Sie täglich nehmen müssen, um das Immunsystem in Schach zu halten?

Wagner: Diese Medikamente nehme ich mehr oder weniger automatisch, morgens und abends. Das ist Routine. Medikamente habe ich auch vorher eingenommen. Nein, es ist etwas anderes. Wenn ich nur daliege oder mich im Bett drehe, denke ich an meine neue Leber. Dieses Gefühl, irgendwie mit einem oder einer anderen zusammenzusein, das kommt mir immer wieder.

Ich kann meine Leber ja nicht spüren. Es gibt keine Nervenzellen in der Leber, es gibt auch keine um die Leber herum. Dich aber kann ich spüren, du bist da. Wir kennen uns nicht und kennen uns doch, ich träume deine Träume, du hast die Traumchemie ja mitgebracht. (…) Wir haben uns gefunden. Und haben uns verpasst, bleiben jetzt aber zusammen. Und leben noch ein bisschen, du durch mich und ich durch dich.
David Wagner, "Leben"

ZEIT Wissen: Wie sehr hat diese Frage Sie beschäftigt: Wer war dieser Mensch, dessen Leber ich in mir trage?

Wagner: Schon sehr. Natürlich könnte ich denken – und so denken ja manche Patienten und Mediziner –, da wird ein neues Ersatzteil eingebaut und dann funktioniere ich wieder.