Was Barry Manilow alles aushalten muss! Nicht genug, dass ein Kaufhaus in Neuseeland ankündigte, mit seinen Songs jugendliche Störenfriede zu vergraulen. Auch die Wissenschaft hat den Schmusesänger benutzt: für ein Experiment zu Peinlichkeiten. Das war im Jahr 2000, lange nach seinem Megahit Mandy, und zugegebenermaßen hatte Manilow seinen Zenit da bereits überschritten. Aber das hatte er nicht verdient: Die Psychologen Thomas Gilovich, Kenneth Savitsky und Victoria Husted Medvec ließen sein Konterfei auf T-Shirts drucken und kleideten junge Probanden damit ein – um sie in Verlegenheit zu bringen. Manilow hatten sie bewusst gewählt, denn eine Umfrage unter Studenten hatte ergeben, dass ein T-Shirt mit ihm hohes Blamage-Potenzial besitzt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 2/16.

Immerhin, so möchte man Manilow aufmunternd zurufen, verhalf er der Psychologie zu einer bedeutsamen Entdeckung: dem Spotlight-Effekt. Mit dem T-Shirt bekleidet, mussten die Probanden Räume voller Kommilitonen betreten und sich kurz zu ihnen setzen. Hinterher sollten sie einschätzen, wie viele der anderen wohl Notiz von dem Shirt genommen hatten.

Den Probanden muss die Sache ziemlich unangenehm gewesen sein, sie fürchteten, dass fast die Hälfte der Anwesenden Manilow erkannt haben musste. Damit aber lagen sie gehörig daneben. In Wahrheit war nicht einmal jeder Vierte in der Lage, zu sagen, wer auf dem Shirt abgebildet war. Die Probanden hatten die Aufmerksamkeit der anderen massiv überschätzt. Während sie selbst fast im Boden versunken wären, hatten die meisten gar keine Notiz von der vermeintlichen Peinlichkeit genommen.

Ein Phänomen, das Psychologen seither immer wieder gefunden haben. Ob wir auf der Tanzfläche stolpern, in der Kantine etwas fallen lassen oder in der Konferenz etwas Blödes sagen – wir neigen dazu, die Aufmerksamkeit anderer für unsere Fehltritte zu überschätzen. O Gott, alle haben es gesehen! Das kann niemandem entgangen sein!

In unserer eigenen Wahrnehmung stehen wir im Mittelpunkt, und irgendwie scheinen wir anzunehmen, dass auch andere immerzu registrieren, was wir tun. Als wäre ein Scheinwerfer auf uns gerichtet. Das gilt auch für unsere Glanzmomente: Ein Folgeexperiment ergab, dass Menschen in einer Diskussion ihre eigenen Beiträge für bedeutsamer halten als andere Leute. Was für ein genialer Einfall von mir! Jetzt hat sicher jeder gemerkt, wie schlau ich bin! Von wegen. Auch unsere Geistesblitze entgehen der Umwelt öfter, als uns lieb ist. Wir sind für andere einfach nicht so wichtig wie für uns selbst. Es fällt uns schwer, vollends aus der eigenen Perspektive herauszutreten und zu sehen: Die anderen sind mit ihrer Wahrnehmung auch eher bei sich selbst.

Das kann frustrierend sein, aber befreiend zugleich. Wie viele Menschen scheuen sich, vor anderen zu tanzen, zu singen oder Sport zu treiben, aus Angst aufzufallen? Dabei müssten wir uns oft gar keine Gedanken machen, weil wir eben nicht immerzu im Rampenlicht stehen. Das ist so wunderbar, dass man eine Tanzfläche betreten und lauthals singen möchte: "Oh Mandy! You kissed me and stopped me from shaking!"