Wir sitzen auf einer Bank in einem kleinen Park in der Nähe eines ehemaligen Klosters in Rostock. Die Sonne scheint. Lann Hornscheidt trägt Jeans und Pulli. Auf dem Spielplatz diskutieren zwei Kinder darüber, ob das Wort Motherfucker etwas mit ihrer Mutter zu tun hat. Sprachforschung ... Lann Hornscheidt lacht.

ZEIT Wissen: Wir sollen nicht Frau Hornscheidt zu Ihnen sagen und auch nicht Herr Hornscheidt. Warum möchten Sie das nicht?

Lann Hornscheidt: Ich verstehe mich nicht als weiblich oder männlich, und die Konsequenz daraus ist, dass ich auch keine Ansprache haben möchte, die mich als eines von beidem herstellt. Das ist eine Entscheidung, die ich für mich getroffen habe. Sie hängt auch mit meiner Profession zusammen, meinem lebenslangen Mich-Auseinandersetzen damit, inwiefern Geschlecht konstruiert ist – und was das dann für mich bedeutet.

ZEIT Wissen: Was bedeutet es?

Hornscheidt: Es ist nicht stimmig für mich und jedes Mal ein Schmerz, weil ich mich nicht angesprochen fühle in dieser Welt. Aber das ist ein Eingeständnis von mir selber über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Einfacher wäre es, darüber hinwegzugehen. Es bedarf schon einer gewissen Stärke, da hinzugucken und zu sagen, nee, für mich ist das nicht okay.

ZEIT Wissen: Sie haben diese Bitte auf der Website Ihrer Universität veröffentlicht, dann ging der Sturm los. Was haben die Menschen Ihnen geschickt?

Hornscheidt: Zum Beispiel Fotos von Genitalien, als Beweis dafür, dass diese Personen doch sehr genau wissen, ob sie Männer oder Frauen sind. Diffamierungen über Visualität: Ach ja, so wie Sie aussehen, da ist ja klar, dass Sie sich nicht zuordnen können. Auch viele vermeintlich christliche oder ökonomische Beweisführungen waren darunter: Was würde das die Volkswirtschaft kosten, wenn überall geschlechtsneutrale Schreibweisen eingeführt würden. Und Androhungen von Vergewaltigungen, um mir deutlich zu machen, was für ein Geschlecht ich denn sei, und dass sie mir das schon zeigen würden.

ZEIT Wissen: Sind Sie dagegen vorgegangen?

Hornscheidt: Ich nicht, aber die Uni. Bei alten Naziliedern, die umgedichtet wurden, das waren sehr direkte Mordaufrufe. Aber die Strafanzeige ist im Sande verlaufen, denn die Leute sind ja sehr ängstlich und feige: Je heftiger ihre Anfeindungen, umso verdeckter ist die E-Mail-Adresse.

ZEIT Wissen: Haben Sie auf eine andere Art reagiert?

Hornscheidt: Ich habe eine weitere E-Mail-Adresse eingerichtet und geschrieben, wenn Sie sowieso nur Ihre Aggressionen loswerden wollen, schreiben Sie bitte hierhin: hatemail.an.hornscheidt@gmail.com. Und die Leute halten sich auch daran! Zwei oder drei Mails habe ich noch persönlich bekommen, da hieß es: "Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob das eine Hatemail ist." Das finde ich sehr spannend. Die Leute hatten die Sachen einfach rausgehauen, jetzt mussten sie plötzlich über das Genre ihrer Reaktion nachdenken.

ZEIT Wissen: Die Forderung, Sie keinem Geschlecht zuzuordnen, haben Sie nur für sich gestellt. Es ging also nicht darum, dass das für alle gelten soll. Trotzdem regen sich die Menschen so auf – warum?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/16.

Hornscheidt: Wir nehmen in dieser Gesellschaft selbstverständlich an, dass es zwei Geschlechter gibt, sodass eine Infragestellung dessen höchst irritierend ist. Wir werden von Geburt an so orientiert, lernen das im Kindergarten und in der Schule, und wenn alles gut läuft, identifizieren wir uns damit, sind auch zufrieden und versuchen, die Rolle auszufüllen. Wenn dann eine Person sagt, na ja, vielleicht müsste das gar nicht so sein, fühle ich mich vielleicht in einem Kern, den ich als natürlich empfunden habe, herausgefordert. Ich glaube, die Reaktionen haben viel mehr mit den Leuten selbst zu tun als mit mir.

ZEIT Wissen: Die Leute fühlen sich in ihrer eigenen Identität angegriffen?

Hornscheidt: Ja, und das in einem Moment, in dem es sowieso nicht so einfach ist mit der eigenen Identität. Wir haben gerade das mit der Frauenbewegung verstanden: Okay, auch Frauen können in Aufsichtsräte und Männer in Elternzeit gehen. Aber dass grundsätzlich das Bezugssystem auch schon eine Konstruktion ist, ist dann vielleicht ein Schritt zu viel. Ich glaube, wenn es nicht irgendwo ein Wissen gäbe, dass wir es mit einer Konstruktion zu tun haben, dann würden nicht so viele so heftig reagieren.