Wir sitzen auf einer Bank in einem kleinen Park in der Nähe eines ehemaligen Klosters in Rostock. Die Sonne scheint. Lann Hornscheidt trägt Jeans und Pulli. Auf dem Spielplatz diskutieren zwei Kinder darüber, ob das Wort Motherfucker etwas mit ihrer Mutter zu tun hat. Sprachforschung ... Lann Hornscheidt lacht.

ZEIT Wissen: Wir sollen nicht Frau Hornscheidt zu Ihnen sagen und auch nicht Herr Hornscheidt. Warum möchten Sie das nicht?

Lann Hornscheidt: Ich verstehe mich nicht als weiblich oder männlich, und die Konsequenz daraus ist, dass ich auch keine Ansprache haben möchte, die mich als eines von beidem herstellt. Das ist eine Entscheidung, die ich für mich getroffen habe. Sie hängt auch mit meiner Profession zusammen, meinem lebenslangen Mich-Auseinandersetzen damit, inwiefern Geschlecht konstruiert ist – und was das dann für mich bedeutet.

ZEIT Wissen: Was bedeutet es?

Hornscheidt: Es ist nicht stimmig für mich und jedes Mal ein Schmerz, weil ich mich nicht angesprochen fühle in dieser Welt. Aber das ist ein Eingeständnis von mir selber über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Einfacher wäre es, darüber hinwegzugehen. Es bedarf schon einer gewissen Stärke, da hinzugucken und zu sagen, nee, für mich ist das nicht okay.

ZEIT Wissen: Sie haben diese Bitte auf der Website Ihrer Universität veröffentlicht, dann ging der Sturm los. Was haben die Menschen Ihnen geschickt?

Hornscheidt: Zum Beispiel Fotos von Genitalien, als Beweis dafür, dass diese Personen doch sehr genau wissen, ob sie Männer oder Frauen sind. Diffamierungen über Visualität: Ach ja, so wie Sie aussehen, da ist ja klar, dass Sie sich nicht zuordnen können. Auch viele vermeintlich christliche oder ökonomische Beweisführungen waren darunter: Was würde das die Volkswirtschaft kosten, wenn überall geschlechtsneutrale Schreibweisen eingeführt würden. Und Androhungen von Vergewaltigungen, um mir deutlich zu machen, was für ein Geschlecht ich denn sei, und dass sie mir das schon zeigen würden.

ZEIT Wissen: Sind Sie dagegen vorgegangen?

Hornscheidt: Ich nicht, aber die Uni. Bei alten Naziliedern, die umgedichtet wurden, das waren sehr direkte Mordaufrufe. Aber die Strafanzeige ist im Sande verlaufen, denn die Leute sind ja sehr ängstlich und feige: Je heftiger ihre Anfeindungen, umso verdeckter ist die E-Mail-Adresse.

ZEIT Wissen: Haben Sie auf eine andere Art reagiert?

Hornscheidt: Ich habe eine weitere E-Mail-Adresse eingerichtet und geschrieben, wenn Sie sowieso nur Ihre Aggressionen loswerden wollen, schreiben Sie bitte hierhin: hatemail.an.hornscheidt@gmail.com. Und die Leute halten sich auch daran! Zwei oder drei Mails habe ich noch persönlich bekommen, da hieß es: "Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob das eine Hatemail ist." Das finde ich sehr spannend. Die Leute hatten die Sachen einfach rausgehauen, jetzt mussten sie plötzlich über das Genre ihrer Reaktion nachdenken.

ZEIT Wissen: Die Forderung, Sie keinem Geschlecht zuzuordnen, haben Sie nur für sich gestellt. Es ging also nicht darum, dass das für alle gelten soll. Trotzdem regen sich die Menschen so auf – warum?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/16.

Hornscheidt: Wir nehmen in dieser Gesellschaft selbstverständlich an, dass es zwei Geschlechter gibt, sodass eine Infragestellung dessen höchst irritierend ist. Wir werden von Geburt an so orientiert, lernen das im Kindergarten und in der Schule, und wenn alles gut läuft, identifizieren wir uns damit, sind auch zufrieden und versuchen, die Rolle auszufüllen. Wenn dann eine Person sagt, na ja, vielleicht müsste das gar nicht so sein, fühle ich mich vielleicht in einem Kern, den ich als natürlich empfunden habe, herausgefordert. Ich glaube, die Reaktionen haben viel mehr mit den Leuten selbst zu tun als mit mir.

ZEIT Wissen: Die Leute fühlen sich in ihrer eigenen Identität angegriffen?

Hornscheidt: Ja, und das in einem Moment, in dem es sowieso nicht so einfach ist mit der eigenen Identität. Wir haben gerade das mit der Frauenbewegung verstanden: Okay, auch Frauen können in Aufsichtsräte und Männer in Elternzeit gehen. Aber dass grundsätzlich das Bezugssystem auch schon eine Konstruktion ist, ist dann vielleicht ein Schritt zu viel. Ich glaube, wenn es nicht irgendwo ein Wissen gäbe, dass wir es mit einer Konstruktion zu tun haben, dann würden nicht so viele so heftig reagieren.

"Das Modell Zweierbeziehung ist ein kapitalistischer Markt"

ZEIT Wissen: Geschlecht ist für Sie nichts als eine soziale Kategorie?

Hornscheidt: Es ist eine Erfindung von Sexismus. Bei Rasse würden alle sagen: Die Rasseneinteilung gibt es nur, weil es Rassismus gibt. Keine Person sagt das bei Frauen und Männern, aber diese Unterteilung gibt es auch nur, weil es Sexismus gibt. Dasselbe gilt für Trans. Ich bin ja nicht authentisch Trans, sondern Trans ist in einer Gesellschaft, die die soziale Kategorie Geschlecht so wichtig setzt, eine der wenigen Möglichkeiten jenseits von Weiblichkeit und Männlichkeit.

ZEIT Wissen: Welche Haltung gegenüber Geschlecht würden Sie sich wünschen?

Hornscheidt: Dass wir sehen, wie wirkmächtig diese Kategorie ist, wie machtvoll sie Ausschlüsse, Diskriminierung und Privilegierungen produziert. Dann wird sie sich irgendwann auflösen oder verändern können.

ZEIT Wissen: Glauben Sie, das erleben wir noch?

Hornscheidt: Als soziale Kategorie nicht. Aber ich glaube, es ist eine Frage der Zeit, bis wir bei Geburt kein Geschlecht mehr zugewiesen bekommen. Damit fallen allerdings viele Sicherheiten weg: Da ist mein Herrenskatabend oder meine Frauenvolleyballgruppe, da gehöre ich dazu. Aber auch: Wie werden Statistiken sortiert und Sportwettkämpfe organisiert? Wie sehen Umkleiden in Schulen und Schwimmbädern aus? Deshalb gibt es einen großen gesellschaftlichen Grund, das so zu belassen.

ZEIT Wissen: Welcher Grund steckt dahinter?

Hornscheidt: Zweigeschlechtlichkeit hilft, die Gesellschaft zu ordnen und Sachen vom Staat an die Familie abzugeben. Da passiert ganz viel, an Pflege, Bildung, Fürsorge, Unterstützung. Das ist inzwischen erweitert worden: Homosexuelle dürfen jetzt auch heiraten. Aber das ist keine Aufweichung der Normen, sondern eine Ausweitung der Gruppe, die die Normen lebt.

ZEIT Wissen: Geschlechtlichkeit hat aber doch auch etwas mit Begehren und Sex zu tun.

Hornscheidt: Sexualität, Körperlichkeit und Gefühle sind für uns etwas ganz Ursprüngliches: Ich fühle mich so, und dann muss es auch so sein. Ich liebe nun mal Frauen, oder Männer, also gibt es die auch. Wir glauben, es gibt ein natürliches Empfinden. Aber in einer konstruktivistischen Denkweise gibt es das nicht. Es ist spannend, darüber nachzudenken, was wir glauben, was Lieben ist. Welche Anteile davon vielleicht gesellschaftlich gewollt und konstruiert sind.

ZEIT Wissen: Wie liebt man denn konstruktivistisch?

Hornscheidt: In meinem Fall, indem ich mich immer wieder hinterfrage: Was ist mein Verhältnis zu anderen Personen, zu mir selber und zur Welt? Inwiefern ist mein Lieben an Bedingungen geknüpft, an ein Erwarten einer Norm oder Vorstellung, was andere machen sollen.

ZEIT Wissen: Können Sie solche tief verwurzelten Vorstellungen ändern?

Hornscheidt: Ich habe zum Beispiel in meiner Jugend gelernt: Selbstliebe und jegliche Form, an mir selber Interesse zu haben, ist Egoismus. Und Egoismus war das Schlimmste überhaupt. Dem nähere ich mich an, indem ich überlege, aus welchen kulturellen und religiösen Hintergründen heraus das so etwas Negatives gewesen ist – und was eine Form von gesundem Selbstlieben sein könnte. Ich denke ja, dass wir ganz viele Anteile von uns abgeschnitten haben, die wir uns selber geben können. Aber wir glauben stattdessen, dass andere die ersetzen sollen. Das ist eine kapitalistische Logik.

ZEIT Wissen: Warum kapitalistisch?

Hornscheidt: Die kapitalistische Logik ist Abhängigkeit und der Glaube, dass das, was gut ist, was uns uns fühlen lässt, von außen kommt. Wir wollen sogar den Wunsch nach Liebe abgeben. Doch wenn ich mit mir selber gut bin, muss ich nicht die ganze Zeit etwas von außen haben, Anerkennung, Preise, Wahrnehmung.

Apropos Kapitalismus, wir beschließen, im Café nebenan etwas Süßes zu holen. Auf der Karte stehen verschiedene Eiskreationen. Sie heißen "Sanfter Engel", "Süße Verführung", "Klösterliches Eisgeflüster" und "Liebliche Verschmelzung".

ZEIT Wissen: Wenn wir schon über die Macht der Sprache reden: Was steckt hinter solchen Bezeichnungen für Eisbecher?

Hornscheidt: Das gibt es häufig auf Speisekarten: eine Sexualisierung, besonders gerne bei Cocktails. Das soll uns ansprechen, ein Begehren auslösen, das dann über Konsum gestillt werden kann. Von außen also.

Lann Hornscheidt entscheidet sich für ein Stück Rhabarberkuchen mit Sahne.

ZEIT Wissen: Leben Sie selbst in einer Liebesbeziehung?

Hornscheidt: Witzig, dass Sie die Frage im Singular stellen. Ja, ich lebe liebende Beziehungen zu den Personen, die ich als meine Nahbeziehungen verstehe. Sie bilden mein engeres soziales Netzwerk. Mit diesen Personen teile ich mein Leben, stimme mich ab, mache meine Lebensbewegungen im Austausch und beziehe mich auf sie – es ist also ein gegenüber traditionellen Vorstellungen erweitertes Konzept von Liebesbeziehungen.

ZEIT Wissen: Was halten Sie von der Idee der Zweierbeziehung? Ein Auslaufmodell?

Hornscheidt: Sie ist auf jeden Fall ein großer kapitalistischer Markt. Das Modell Zweierbeziehung funktioniert immer wieder als ultimatives Glücksversprechen. Da sich das Glück aber auf Dauer nicht einstellt, entsteht ein Vakuum mit Unzufriedenheit und Gefühlen von Unzulänglichkeit. Dafür gibt es dann einen Markt mit Coaching, Ratgeberliteratur, Therapie, Spielfilmen, Liebesromanen und Diäten – um attraktiver zu werden, um dem Gefühl, nicht zu passen, zu begegnen. Um Defizitgefühle konsumierend zu kompensieren. Das ist wunderbar für kapitalistische Logiken: Die Norm einer glücklichen Zweierbeziehung ist unverbrüchlich, nur wir sind defizitär. Alles das hält Menschen unzufrieden und beschäftigt und bindet so Energien, die auch beispielsweise politisch genutzt werden könnten.

ZEIT Wissen: Was wäre die Lösung?

Hornscheidt: Nahbeziehungen zu anderen Menschen sind positiv, wenn wir lernen, unsere Erwartungen an Menschen loszulassen und nicht das Glück in anderen Personen zu suchen. Wenn wir unsere Bedürfnisse reflektieren und gegebenenfalls selber erfüllen, dann können wir uns gegenseitig freudvoll und auch unterstützend begleiten. Damit mache ich wunderschöne Lebenserfahrungen, die auch ganz deutlich Gender-Normen zu Paar-, Liebes- und Familienkonstellationen herausfordern.

"Sprache ist überhaupt nicht egal, sie prägt die Gesellschaft"

ZEIT Wissen: Wie stehen Sie denn zum klassischen Feminismus, der ja auf einer starken Identifizierung als Frau basiert?

Hornscheidt: Ich habe mich lange als feministisch und transfeministisch bezeichnet und würde jetzt am ehesten sagen, ich versuche umfassender antidiskriminierend zu sein. Den klassischen Feminismus erlernen wir zu großen Teilen als einen weißen Heterofeminismus. Auch wenn inzwischen ab und zu Texte von Schwarzen Feministinnen gelesen werden. Aber warum wird das Geschlecht so zentral gesetzt? Ich fände mit unserem heutigen Wissen Antidiskriminierungsstudien zeitgemäßer.

ZEIT Wissen: Trotzdem: Viel Gewalt geht von Männern aus, Frauen sind Opfer. Um Schutzräume für sie zu schaffen, ist es wichtig, Frauen klar abzugrenzen.

Hornscheidt: Es muss Schutzräume geben für Leute, die wegen Genderismus Gewalt erlebt haben. Aber nicht nur für Personen, die bei Geburt Weiblichkeit zugewiesen bekommen haben, sondern auch für die, die Männlichkeit zugewiesen bekommen haben und sich als Frauen verstehen. Die erleben auch unglaubliche Gewalt.

ZEIT Wissen: Gewalt, die so gut wie immer von Männern ausgeübt wird.

Hornscheidt: Ich finde es sehr wichtig, hier zwischen Individuum und sozialen Strukturen zu trennen. Auch wenn Sexismus so wirkmächtig ist, ist ja nicht jeder Mann ein Arschloch, um es mal überspitzt zu sagen. Wie auch nicht alle absichtlich Rassismus ausüben, die etwas Rassistisches sagen. Ich weiß, dass wir in dieser Gesellschaft gelernt haben, dass es normal ist, solche Sachen zu sagen, ohne darüber nachzudenken. Aber wenn wir privilegiert sind, können wir anfangen nachzudenken. Wenn sich also ein Mann fragt, wie er als Mann sein soll, würde ich sagen: Übernehmen Sie die Verantwortung, darüber nachzudenken, wie Sie sich die Welt wünschen, und verhalten Sie sich entsprechend. Und lassen Sie alle anderen Leute auch so sein.

ZEIT Wissen: Wenn man das Spiel mit den Geschlechtern nicht mitmacht, macht das einsam?

Hornscheidt: Wie einsam habe ich mich vielleicht mein Leben lang gefühlt, weil ich nicht anwesend sein konnte? Das wäre eher mein Punkt. Es gibt keinen Roman, der mich anspricht, kein Musikstück. Wenn ich Romane lese, mache ich aus Personen Transpersonen. Ich versuche mir die Welt zu übersetzen und mir dadurch einen Platz darin zu schaffen. In einer Welt, die darauf basiert, dass alles zweigeschlechtlich ist, gibt es natürlich eine grundlegende Einsamkeit, die nur ich überwinden kann. Ich fühle mich sehr viel weniger einsam, seitdem ich das versuche.

ZEIT Wissen: Trotz der Angriffe?

Hornscheidt: Wenn ich von allen geliebt werden will, dann habe ich verloren. Es ist aber auch ein Angebot an die Leute: Hier bin ich, mit allen Zweifeln und Unsicherheiten. Wenn Sie mich jetzt fragen: Was wollen Sie für eine Anrede? – Ich weiß auch keine coole andere Form. Aber es ist ein Versuch, in der Gesellschaft, in der wir sehr festgelegt sind durch soziale Normen, zu sagen: Vielleicht können wir auch jenseits dessen als Person wahrgenommen werden, hinter Geschlecht.

ZEIT Wissen: Was ist Sprache für Sie?

Hornscheidt: Eine Handlungsform, ein Ausdrucksmittel, das sich kontinuierlich verändert und bewegt. Sprache spielt überall eine Rolle, selbst in naturwissenschaftlicher Forschung. Die wird ja auch sprachlich vermittelt. Auch unsere Vorstellung von Zeit, dass wir glauben, es gibt Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, ist durch Sprache geprägt. Sie ist für mich ein ganz zentrales Moment von Mensch- und Miteinandersein.

ZEIT Wissen: Haben Sie ein Beispiel dafür, wie Sprache Diskriminierung transportiert?

Hornscheidt: An der Humboldt-Universität hängen Bildern von berühmten weißen Männern im Flur, wie in jeder Universität, und bei einigen von ihnen steht: "Musste Deutschland verlassen, weil sein Vater Jude war." Er musste Deutschland aber nicht verlassen, weil sein Vater Jude war, sondern weil Deutschland antisemitisch ist. Der nationalsozialistische Begriff "Judenproblem" drückt eine rassistische Perspektive aus, "Antisemitismusproblem" nicht. Auch ob ich heute sage, wir haben ein Flüchtlingsproblem oder wir haben ein Rassismusproblem, ist ein total großer Unterschied. Soziale Kategorien sind immer Folgen von Diskriminierung.

ZEIT Wissen: Was ist mit dem Schweigen?

Hornscheidt: Das gilt für mich auch als eine Sprachhandlung. Nichtbenennen von Privilegien zum Beispiel, aber auch: Welche Personen schweigen oder sind gar nicht anwesend und können daher nichts sagen? Was wäre das Thema aus deren Perspektive? Dieses Schweigen kann ich versuchen zu hören.

ZEIT Wissen: Die meisten Menschen denken nicht über die Wirkung des Sprechens nach. Ist das ignorant?

Hornscheidt: Nee, es kommt nur den herrschenden Normen sehr entgegen. Sich so bewusst und reflektiert mit Sprache zu beschäftigen, machen nicht viele. Ich darf das, es ist meine Profession. Und es ist wunderschön, mit Leuten darüber zu reden, was passiert, wenn sie sprechen.

ZEIT Wissen: Wir haben Ihnen vor dem Gespräch den Artikel "Das Geheimnis der Resonanz" gegeben. Ein typischer Text für unser Magazin, was ist Ihnen daran aufgefallen?

Hornscheidt: Die Beispiele in dem Text sind alle männlich, Vincent, Gustav und alle Experten. Es ist eine rein männliche Welt. Und eine Welt, in der Mittelklasse die Normalität darstellt. Akademische Menschen sind womöglich die Zielgruppe Ihres Magazins, aber es wird so getan, als wären alle Menschen so.

ZEIT Wissen: Können Sie ein Beispiel nennen?

Hornscheidt: Wenn da steht: "Jede Person strebt nicht nur nach Haus und Auto ..." – dieses Streben gilt in Wirklichkeit nur für eine sehr privilegierte Gruppe. Oder dass Menschen erst nach der Rente anfangen, über etwas nachzudenken; viele Menschen bekommen gar keine Rente. Damit ich mich mit dem Artikel identifizieren kann, muss ich einen Job haben, ein Auto, eine Aussicht auf Rente, eine Frau. Oder da steht auch: Resonanz ist ein menschliches Grundbedürfnis. Fragen Sie mal eine Person, die geflüchtet ist, die hat andere Grundbedürfnisse.

ZEIT Wissen: Einverstanden. Was haben Sie sonst noch gefunden?

Hornscheidt: Es gibt einige androgendernde Formen, wie "der selbstbestimmte Kreative". An einer Stelle ist eine Aufzählung von Berufsgruppen: Schauspielerinnen, Professorinnen, Ingenieure, da kommen beide Geschlechter vor, an anderen Stellen aber nicht. Das wirkt dann fast verstärkend, sind dort dann tatsächlich nur Männer gemeint? An einer Stelle heißt es "der Angestellte macht es soundso, die freie Mitarbeiterin sowieso", da entsteht das Gefühl, aha, spielt jetzt hier das Geschlecht eine Rolle? Denn häufig sind ja tatsächlich Männer fest angestellt und Frauen nicht.

ZEIT Wissen: Was könnten wir tun?

Hornscheidt: Zum Beispiel bei diesen allgemeinen Sachen wie Chef und Angestellte einfach einmal entgegen der typischen Machtaufteilung die Geschlechter drehen, um dann zu merken, wie sich die Bilder verändern.

ZEIT Wissen: Aber vielleicht geht es in dem Text um etwas ganz anderes, und das Thema Geschlecht und Macht drängt sich dann auf.

Hornscheidt: Das ist ja witzig, Sie haben genau die umgekehrte Perspektive von mir. Sagen Sie mir einen Bereich, wo das Thema keine Rolle spielt. Wenn ich davon ausgehe, dass Sexismus und Rassismus strukturelle Diskriminierungen sind, dann spielt es überall eine Rolle. In manchen Bereichen ist es uns bewusster als in anderen, aber es ist die ganze Zeit da.

ZEIT Wissen: Kann man das über Sprache lösen?

Hornscheidt: Manche Leute sagen zu mir: Können wir nicht eine neue Sprache erfinden ohne Geschlecht, dann haben wir kein Problem mehr. Ich sage denen: Geschlecht ist bei uns extrem wichtig, es gibt jetzt nicht die Möglichkeit, zu sagen, das spiele keine Rolle. Gerade sind wir gesellschaftlich an einem Punkt, an dem wir gucken müssen, wo und wie es überall präsent ist, um die Absurdität deutlich zu machen. Nur wenn wir das tun, können wir hoffentlich an den Punkt kommen, es irgendwann wegzulassen.

ZEIT Wissen: Aber es herrscht eine starke Ablehnung, sich in die Sprache hineinreden zu lassen.

Hornscheidt: Wir haben die gesellschaftliche Übereinkunft, Sprache sei einfach so gegeben.

ZEIT Wissen: Können wir Sprache bewusst ändern?

Hornscheidt: Wenn es in der Gesellschaft das Bedürfnis gibt, Sachen anders auszudrücken, dann entstehen sofort neue Ausdrucksweisen. Im Schwedischen ist das innerhalb kürzester passiert. "Er" und "sie" heißen im Schwedischen han und hon. Aus der Transbewegung kam das dritte Pronomen hen – das gab es nicht, das ist also nichts, was gewachsen ist. Hen tauchte erst in einem Kinderbuch auf, dann gab es eine große öffentliche Tageszeitungsdiskussion darum, schließlich ist es vom Sprachrat aufgenommen worden, und es ist jetzt eine der Hauptformen – auch in Schulbüchern.

ZEIT Wissen: Ginge das im Deutschen auch?

Hornscheidt: Ich denke, das wäre kein Problem. Wenn es heißt, das sei so kompliziert, hängt das auch damit zusammen, dass die gesellschaftliche Realität eben tatsächlich ein bisschen komplexer ist, als wir das wollen. Es ist natürlich viel schöner, zu sagen, androgendernde Formen meinen alle. Aber alle Untersuchungen zeigen: Steht da "Leser", werden männliche Bilder und Konzepte aufgerufen, auch wenn ich vorher drei feministische Texte gelesen habe. Sprache ist überhaupt nicht egal, sie prägt die Gesellschaft.

ZEIT Wissen: Sie haben vorgeschlagen, Sie Professx zu nennen. Wäre diese x-Form die Lösung?

Hornscheidt: Das werde ich oft gefragt. Nein! Es war eine Idee, und ich benutze die Form auch nicht mehr, sondern stattdessen: Professecs. Ecs ist eine Abkürzung von exit gender – Gender verlassen. Aber das wird sich weiter verändern, so wie mein Empfinden und die Gesellschaft und die Bedürfnisse, die es gibt. Es gibt nicht die eine richtige Form.

ZEIT Wissen: Das ist beruhigend.

Hornscheidt: Wir sind ja soziale Wesen, fähig zu reagieren. Mit Ihnen rede ich anders als in einem anderen Gespräch.

ZEIT Wissen: Könnte gerade heute die Sprachforschung nicht mehr tun für Integration, für gutes Zusammenleben?

Hornscheidt: Das müsste total zentral sein. Aber in den Sprachwissenschaften kommt das Thema leider so gut wie nicht vor. Da wird gesagt, das ist Soziologie. Und die Soziologie sagt, Sprache interessiert uns nicht. Große Teile der Linguistik haben sich verabschiedet von der geisteswissenschaftlichen Richtung, da werden jetzt beispielsweise automatisierte Spracherkennungsprogramme geschaffen.

ZEIT Wissen: Wenn Sie einen Workshop veranstalten dürften über den Umgang mit Sprache, und alle Leute, die Sie einladen, müssten kommen, wen würden Sie einladen?

Hornscheidt: Ich würde am liebsten, und das mache ich auch, mit Leuten arbeiten, die Lust haben auf Veränderung. Ich halte überhaupt nichts davon, zu sagen, das müssen Sie jetzt anders machen! Ich halte nichts von Diskussionen, in denen eine Person redet und redet, und die andere sagt: ja, aber, ja, aber. Weil es da kein Stehenlassen von Erfahrungen gibt. Ich glaube nicht daran, dass ich einen aufgezwungenen Workshop mit Angela Merkel mache, und dann redet Merkel endlich anders, und dann wird die ganze Welt anders. Wenn aber Merkel kommt, weil sie Interesse hat, dann wird ihr der Workshop etwas bringen, und dann ändert sich auch ein Stückchen Welt.

ZEIT Wissen: Sie hoffen also, dass die Veränderung aus den Nischen in die Macht durchsickert?

Hornscheidt: Natürlich sickern Sachen ein und verändern irgendwann etwas. Das ist etwas anderes, als wenn ich der Person sage, du musst das jetzt so oder so machen. Wenn Sie mich fragen, wie Sie etwas ausdrücken sollen, sage ich: Wie wollen Sie es ausdrücken? Sie können handeln, indem Sie die Sprache benutzen. Und das Schöne ist, Sie können es kontinuierlich machen. Ob Sie reden oder nicht reden, Sie handeln. Und das ist soziale Veränderung.

ZEIT Wissen: Haben Sie das Gefühl, Sie werden sichtbar durch Ihre Sprache?

Hornscheidt: Immer wieder und immer wieder begrenzt, fragil, brüchig. Ich habe nicht das Gefühl, ich kann das komplett ausdrücken, was in mir ist. Worte sind immer nur der Versuch einer Annäherung. Ich lese Romane, weil ich noch immer hoffe, es gibt einen stimmigen Ausdruck für das, was ich empfinde und bisher nicht ausdrücken konnte. Oder ich erfinde selber neue Wörter, gestalte Sprache, wage neue Wortungen, probiere aus.

ZEIT Wissen: Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Hornscheidt: Ja. Ich habe gerade meinen 50. Geburtstag gefeiert, und ich habe das gute Gefühl: Wenn ich jetzt sterben würde – ich bin wirklich anwesend gewesen. Das war manchmal hart erkämpft, aber ich bin mit mir in Kontakt gewesen und mit anderen Leuten. Ich kann schöne Sachen machen, schöne Sachen denken, habe gute Beziehungen, jetzt, nachdem ich Ihren Artikel gelesen habe, würde ich es – sehr privilegiert, wie ich bin! – Resonanz nennen. Ich lebe mein Leben, und ich würde es wieder genauso wählen, mit allen Herausforderungen. Ich will nicht Theater spielen oder performen, ich habe ein sehr großes Bedürfnis nach Anwesenheit. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht weil es mich am glücklichsten macht.

ZEIT Wissen: Bekommen Sie auch positive Reaktionen aus der Öffentlichkeit?

Hornscheidt: O ja, natürlich, ich bekomme sehr berührende Zuschriften von Menschen, die mir lange Briefe oder Mails zu ihrem Leben schreiben und sich bedanken, weil sie sich zum ersten Mal angesprochen fühlen.