Es klingt ungeheuerlich: Wann immer wir online kommunizieren, eine Suchmaschine nutzen oder ein Video bewerten, werden unsere Eingaben manipuliert. Kein Virenscanner kann uns davor schützen, denn die Manipulation wirkt über die Hardware. Entwickelt wurde sie in den USA, wo auch sonst. Das allerdings ist fast 150 Jahre her und nicht einmal geheim: Es geht um die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur.

Im Jahr 2012 äußerten Wissenschaftler erstmals den Verdacht, die Tastaturbelegung könne einen Einfluss darauf haben, was Wörter und Texte in uns auslösen. Sie nannten das den Qwerty-Effekt, nach den ersten sechs Buchstaben auf der amerikanischen Standardtastatur. Zwei Forscher aus Deutschland und der Schweiz berichten nun, der Effekt reiche noch deutlich weiter: Er bestimme mit, wie gut uns etwa ein Film gefällt und welche Wörter wir nutzen, um das zu beschreiben. Dem Effekt zufolge kommt es darauf an, auf welcher Seite der Tastatur sich die verwendeten Buchstaben befinden. Wörter, die vorrangig aus Buchstaben der rechten Seite bestehen, lösen positivere Gefühle aus als Wörter, in denen die linksseitigen Buchstaben dominieren. Doch sind Tastaturen nicht bloße Mittel zum Zweck? So einfach ist das nicht. Über Jahrtausende wurde Sprache vor allem gesprochen. Viele Wörter erinnern daher klanglich an die Dinge, die sie bezeichnen, wie der "Kuckuck" und das "Summen" der Biene. Mittlerweile aber besteht ein Großteil unserer Kommunikation darin, auf Tastaturen zu tippen, statt zu reden. Natürlich wirkt sich dieser Kulturwandel auf die Sprache aus, alles andere wäre höchst verwunderlich.

Wenn nun nicht mehr Mund, Rachen und Lunge, sondern Finger und Tastatur die entscheidenden Sprachwerkzeuge unserer Gesellschaft sind, wird auch das Spuren hinterlassen. Ob die über die Etablierung von "LOL" (laughing out loud) und "OMG" (oh my God) hinausgehen, das wollten Daniel Casasanto und Kyle Jasmin, ein Psychologe und ein Neurowissenschaftler, prüfen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/16.

Sie vermuteten, dass es einen Unterschied macht, welche Hand beim Tippen eines Wortes stärker beteiligt ist. Um das zu überprüfen, ließen die Forscher ihre Probanden die Bedeutung verschiedenster Wörter einschätzen. Tatsächlich erhielten Wörter, die vor allem aus Buchstaben der rechten Tastaturhälfte bestehen, überdurchschnittlich positive Bewertungen. Die Länge der Wörter und die Häufigkeit der verwendeten Buchstaben in der jeweiligen Sprache konnten die Forscher als Einflussfaktoren ausschließen. Der Qwerty-Effekt war entdeckt. Er zeigte sich im Englischen, im Spanischen und Niederländischen, und er zeigte sich auch bei ausgedachten und besonders stark bei neueren Begriffen.

Das ist eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass die Tastatur-Anordnung ursprünglich erfunden wurde, um die Nutzer auszubremsen. Bei den frühen Schreibmaschinen nämlich verfügten die Buchstaben über Typenhebel, die sich bei schnellem Schreiben oft miteinander verhakten. Der Amerikaner Christopher Latham Sholes setzte im Jahr 1868 also die im Englischen häufig gebrauchten Buchstaben E, T, O, A, N, I möglichst weit voneinander entfernt an und machte das Tippen dadurch mühsamer. Mittlerweile sind die eingebauten Schikanen überflüssig, doch für die lateinische Schrift hat sich Qwerty mit ihren leicht abgewandelten Varianten Qwertz im deutschen und Azerty im französischen Sprachraum längst durchgesetzt.

Rechts ist gut, und links ist schlecht: Das gilt zumindest für die Buchstaben auf der Tastatur.

Was aber macht die Buchstaben der rechten Tastaturhälfte so beliebt? Die Forscher vermuteten, das Tippen mit der rechten Hand sei schlicht angenehmer, die Menschen übertrügen diese positiven Gefühle auf die dazugehörigen Wörter. Um diesen Wohlfühleffekt besser einzugrenzen, führten sie eine zweite Untersuchung durch. Hier zeigte sich: Auch Linkshänder bewerteten rechtslastige Wörter positiver. Da ihr Anteil an der Bevölkerung bei nur rund zehn Prozent liegt, werden sie von der rechtshändigen Mehrheit womöglich schlicht dominiert. Schließlich wird über verschiedene Kulturen hinweg rechts tendenziell mit Gutem ("Das ist mir recht") und links mit Schlechtem ("eine linke Nummer") assoziiert – und zwar von Rechts- und Linkshändern gleichermaßen.