Was ist das Geheimnis des gelingenden Lebens? Hartmut Rosa hat die vergangenen zehn Jahre seiner Wissenschaftlerkarriere darüber nachgedacht. Er ist zu einem Ergebnis gekommen, aber anstelle einer Antwort erzählt er erst mal die Geschichte von zwei talentierten Malern, Vincent und Gustav.

Vincent und Gustav nehmen an einem Malwettbewerb teil. Innerhalb von vierzehn Tagen sollen ihre Werke fertig sein, das Thema dürfen sie frei auswählen. "Gustav nimmt die Aufgabe sehr ernst", sagt Rosa. Er besorgt sich eine Staffelei und eine gute Beleuchtung, er macht sich auf die Suche nach einer hochwertigen Leinwand. Außerdem braucht er verschiedene Pinsel für die feinen Linien und die groben Striche. Und einige neue Farben, um alle Zwischentöne perfekt zu treffen. Er wiederholt noch einmal die wichtigsten Maltechniken und macht sich dann auf die Suche nach einem passenden Motiv. Er möchte einerseits den Nerv der Zeit treffen, sich andererseits aber auch nicht anbiedern. Als Gustav schließlich zu malen beginnt, setzt gerade die Dämmerung des vierzehnten Tages ein.

Vincents Geschichte, sagt Rosa, lasse sich viel schneller zusammenfassen: "Er reißt ein Papier von seinem Zeichenblock, holt seinen Wasserfarbkasten, spitzt die Bleistifte, legt seine Lieblings-CD ein und beginnt zu malen." Zunächst ohne Vorstellung, was er malt, aber nach und nach entsteht eine Welt, die ihm stimmig erscheint.

Welcher der beiden Maler ist mit sich und seinem Leben eher im Einklang? Welcher hat mehr Chancen in diesem Wettbewerb? Wer nun auf Vincent tippt, ist Hartmut Rosa schon in die Falle gegangen.

Hartmut Rosa ist Soziologieprofessor an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt, aber er ist noch mehr als das, nämlich eine Art hauptberuflicher Deutschlandversteher, bekannt geworden mit seiner Kritik an der beschleunigten Gesellschaft. Auf dem Kirchentag in Stuttgart diskutierte er im vergangenen Jahr vor vielen Tausend Menschen mit dem Bundespräsidenten. Das Publikum war begeistert, die FAZ schwärmte von einem "intellektuell funkelnden Zwiegespräch". Dieser Mann hat ein neues Buch geschrieben, 800 Seiten dick. Eine Analyse dessen, was alles schiefläuft auf der Suche nach dem gelingenden Leben, wer daran schuld ist und was sich ändern muss. Man kann es lesen als eine Grundsatzkritik am neoliberalen System, aber auch als Herausforderung, seine eigenen Werte neu zu justieren.

Der Ausgangspunkt ist die große Frage: Bist du mit deinem Leben zufrieden? "Wir beantworten das in der Regel mit einem Blick auf unsere Ressourcenlage", sagt Rosa. "Man sagt: Ich habe einen guten Job, ein nettes Haus, eine glückliche und gesunde Familie, es geht mir gut, ich bin zufrieden. Aber wir wissen alle, dass man trotzdem Depressionen haben oder von einem tiefen Gefühl der Leere erfüllt sein kann."

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/16.

An einem Dienstag im April sitzt Hartmut Rosa in seinem Erfurter Büro bei einer Tasse Filterkaffee. Er ist gerade mit dem Zug aus Grafenhausen im Schwarzwald angereist, wo auch sein Vater und seine Schwester leben und wo er an Sonntagen häufig die Kirchenorgel spielt. Der Zug hatte Verspätung, egal. Es ist die erste warme Woche des Jahres, jene Tage Anfang April, an denen Staub aus der Sahara den dunklen Lack des deutschen Fuhrparks verschmuddelt und mal wieder alles mit allem zusammenhängt. Afrika und Deutschland, Panama und Putin, der Burn-out und der Kapitalismus, die Kreativität und die Selbstausbeutung, Vincent und Gustav.

Viele Menschen, sagt Rosa, verhalten sich wie der strategische Maler Gustav. Sie stecken so viel Zeit und Energie in die Anhäufung von Ressourcen, dass sie nicht dazu kommen, sich ihre Wünsche zu erfüllen. Sie kaufen immer mehr E-Books, lesen aber immer weniger. Sie machen viermal pro Woche Achtsamkeitsmeditation oder Fitnesstraining, erleiden dann aber einen Burn-out. Sie haben scheinbar alles, was sie brauchen, fühlen sich aber entfremdet. Sie wollen mehr Zeit mit der Familie verbringen und warten damit bis zur Rente. Sie wollen Neues entdecken, sind aber in Routinen gefangen. Das ist die Diagnose der beschleunigten Gesellschaft.

Rosa sagt: "Gleichgültig, wie kreativ, aktiv und schnell wir in diesem Jahr sind, nächstes Jahr müssen wir uns steigern." Er selbst ist auch betroffen. Nachts guckt er gerne vom Schwarzwald aus ins Universum. Aber je weniger Zeit er dafür hat, desto teurer werden seine Teleskope. Rosa zufolge ist das kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches. Denn auch der verträumte Vincent hat im Malwettbewerb keine Chancen: In einer Welt der Konkurrenz muss er seine Ressourcen steigern, um mithalten zu können. Zwei Pinsel und ein Tuschkasten sind zu wenig, um die Jury von seinem Werk zu überzeugen. Das ist die Pointe dieser Geschichte. Rosa spricht von der Steigerungslogik der Moderne. Andere sagen Wachstumsgesellschaft dazu.

Es gibt da ein großes Missverständnis. Die Suche nach dem guten Leben kreist um ein paar Begriffe, die durchaus ihre Berechtigung hatten. Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung gehören dazu, Autonomie, Authentizität, Achtsamkeit, Flow. Irgendwo drin im Menschen steckt demnach sein innerer Wesenskern, und der kommt am besten durch Selbstverwirklichung zum Vorschein. Man soll sich finden, sich treu bleiben, authentisch und autonom und achtsam sein, dann werden Glück und Erfolg sich schon einstellen.