Was ist das Geheimnis des gelingenden Lebens? Hartmut Rosa hat die vergangenen zehn Jahre seiner Wissenschaftlerkarriere darüber nachgedacht. Er ist zu einem Ergebnis gekommen, aber anstelle einer Antwort erzählt er erst mal die Geschichte von zwei talentierten Malern, Vincent und Gustav.

Vincent und Gustav nehmen an einem Malwettbewerb teil. Innerhalb von vierzehn Tagen sollen ihre Werke fertig sein, das Thema dürfen sie frei auswählen. "Gustav nimmt die Aufgabe sehr ernst", sagt Rosa. Er besorgt sich eine Staffelei und eine gute Beleuchtung, er macht sich auf die Suche nach einer hochwertigen Leinwand. Außerdem braucht er verschiedene Pinsel für die feinen Linien und die groben Striche. Und einige neue Farben, um alle Zwischentöne perfekt zu treffen. Er wiederholt noch einmal die wichtigsten Maltechniken und macht sich dann auf die Suche nach einem passenden Motiv. Er möchte einerseits den Nerv der Zeit treffen, sich andererseits aber auch nicht anbiedern. Als Gustav schließlich zu malen beginnt, setzt gerade die Dämmerung des vierzehnten Tages ein.

Vincents Geschichte, sagt Rosa, lasse sich viel schneller zusammenfassen: "Er reißt ein Papier von seinem Zeichenblock, holt seinen Wasserfarbkasten, spitzt die Bleistifte, legt seine Lieblings-CD ein und beginnt zu malen." Zunächst ohne Vorstellung, was er malt, aber nach und nach entsteht eine Welt, die ihm stimmig erscheint.

Welcher der beiden Maler ist mit sich und seinem Leben eher im Einklang? Welcher hat mehr Chancen in diesem Wettbewerb? Wer nun auf Vincent tippt, ist Hartmut Rosa schon in die Falle gegangen.

Hartmut Rosa ist Soziologieprofessor an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt, aber er ist noch mehr als das, nämlich eine Art hauptberuflicher Deutschlandversteher, bekannt geworden mit seiner Kritik an der beschleunigten Gesellschaft. Auf dem Kirchentag in Stuttgart diskutierte er im vergangenen Jahr vor vielen Tausend Menschen mit dem Bundespräsidenten. Das Publikum war begeistert, die FAZ schwärmte von einem "intellektuell funkelnden Zwiegespräch". Dieser Mann hat ein neues Buch geschrieben, 800 Seiten dick. Eine Analyse dessen, was alles schiefläuft auf der Suche nach dem gelingenden Leben, wer daran schuld ist und was sich ändern muss. Man kann es lesen als eine Grundsatzkritik am neoliberalen System, aber auch als Herausforderung, seine eigenen Werte neu zu justieren.

Der Ausgangspunkt ist die große Frage: Bist du mit deinem Leben zufrieden? "Wir beantworten das in der Regel mit einem Blick auf unsere Ressourcenlage", sagt Rosa. "Man sagt: Ich habe einen guten Job, ein nettes Haus, eine glückliche und gesunde Familie, es geht mir gut, ich bin zufrieden. Aber wir wissen alle, dass man trotzdem Depressionen haben oder von einem tiefen Gefühl der Leere erfüllt sein kann."

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/16.

An einem Dienstag im April sitzt Hartmut Rosa in seinem Erfurter Büro bei einer Tasse Filterkaffee. Er ist gerade mit dem Zug aus Grafenhausen im Schwarzwald angereist, wo auch sein Vater und seine Schwester leben und wo er an Sonntagen häufig die Kirchenorgel spielt. Der Zug hatte Verspätung, egal. Es ist die erste warme Woche des Jahres, jene Tage Anfang April, an denen Staub aus der Sahara den dunklen Lack des deutschen Fuhrparks verschmuddelt und mal wieder alles mit allem zusammenhängt. Afrika und Deutschland, Panama und Putin, der Burn-out und der Kapitalismus, die Kreativität und die Selbstausbeutung, Vincent und Gustav.

Viele Menschen, sagt Rosa, verhalten sich wie der strategische Maler Gustav. Sie stecken so viel Zeit und Energie in die Anhäufung von Ressourcen, dass sie nicht dazu kommen, sich ihre Wünsche zu erfüllen. Sie kaufen immer mehr E-Books, lesen aber immer weniger. Sie machen viermal pro Woche Achtsamkeitsmeditation oder Fitnesstraining, erleiden dann aber einen Burn-out. Sie haben scheinbar alles, was sie brauchen, fühlen sich aber entfremdet. Sie wollen mehr Zeit mit der Familie verbringen und warten damit bis zur Rente. Sie wollen Neues entdecken, sind aber in Routinen gefangen. Das ist die Diagnose der beschleunigten Gesellschaft.

Rosa sagt: "Gleichgültig, wie kreativ, aktiv und schnell wir in diesem Jahr sind, nächstes Jahr müssen wir uns steigern." Er selbst ist auch betroffen. Nachts guckt er gerne vom Schwarzwald aus ins Universum. Aber je weniger Zeit er dafür hat, desto teurer werden seine Teleskope. Rosa zufolge ist das kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches. Denn auch der verträumte Vincent hat im Malwettbewerb keine Chancen: In einer Welt der Konkurrenz muss er seine Ressourcen steigern, um mithalten zu können. Zwei Pinsel und ein Tuschkasten sind zu wenig, um die Jury von seinem Werk zu überzeugen. Das ist die Pointe dieser Geschichte. Rosa spricht von der Steigerungslogik der Moderne. Andere sagen Wachstumsgesellschaft dazu.

Es gibt da ein großes Missverständnis. Die Suche nach dem guten Leben kreist um ein paar Begriffe, die durchaus ihre Berechtigung hatten. Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung gehören dazu, Autonomie, Authentizität, Achtsamkeit, Flow. Irgendwo drin im Menschen steckt demnach sein innerer Wesenskern, und der kommt am besten durch Selbstverwirklichung zum Vorschein. Man soll sich finden, sich treu bleiben, authentisch und autonom und achtsam sein, dann werden Glück und Erfolg sich schon einstellen.

Worauf kommt es im guten Leben wirklich an?

Besonders ein Schlüsselbegriff rückte zuletzt ins Zentrum: Kreativität. Der selbstbestimmte Kreative, der im Flow seine Ideen verwirklicht, wurde zum Gegenentwurf des spießigen Angestellten, der um fünf Uhr nachmittags die Stechuhr ansteuert. Kreativ sein hieß Mensch sein. Aber dann kaperte die neoliberale Ideologie das Projekt, und damit begann das Missverständnis.

Der amerikanische Ökonom Richard Florida erfand in den nuller Jahren den Begriff der "kreativen Klasse". Die kreative Klasse sorgt demnach dafür, dass dem Land die Ideen nicht ausgehen. 30 Prozent der Arbeiter und Angestellten gehören dazu, meint Florida. Ärzte, Professorinnen, Ingenieure, Architektinnen, Facharbeiter, Designer, Schauspielerinnen, Künstler. Kreativ sein diente nun nicht mehr nur dem privaten Glück, sondern auch der Innovationskraft des Arbeitgebers. So geht das bis heute. Der Angestellte soll sich permanent neu erfinden. Die freie Mitarbeiterin sowieso.

"Rein menschliche Fähigkeiten wie Kreativität werden stärker gefragt sein", sagte der Telekom-Chef auf der jüngsten Hauptversammlung des Konzerns. Der Audi- Chef lobte vor seinen Aktionären "Know-how, Kreativität und unermüdliches Engagement" der "Menschen bei Audi". Der EnBW-Chef schwärmte von der "Kreativität und Kompetenz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Der Siemens-Chef fragte rhetorisch, wie man "Kreativität, Kollegialität und Eigenverantwortung optimal fördern" könne. So geht das die Aktienkonzerne rauf und runter.

Wie gut, könnte man meinen, das ist eine Win-win-Situation. Der kreative Angestellte steigert nicht nur seine eigene Zufriedenheit, sondern nebenbei auch das Betriebsergebnis. So macht Arbeit Spaß, oder? Die Soziologen sind skeptisch. "Im Grunde ist das alles höchst merkwürdig", schreibt Andreas Reckwitz in seiner Analyse Die Erfindung der Kreativität: Von der Romantik bis zur New-Age-Bewegung sei die Idee der Kreativität auf kulturelle und soziale Nischen beschränkt gewesen. "Kreativität ist als eine Emanzipationshoffnung in Stellung gebracht worden, die den repressiv scheinenden Rationalismus von bürgerlicher Erwerbsarbeit, Familie und Bildung überwinden sollte." Kreativ war die Minderheit. Heute ist Kreativität die Norm.

Er schwanke zwischen Faszination und Unbehagen, gesteht Andreas Reckwitz. Faszination darüber, dass die ehemals gegenkulturelle Hoffnung auf Selbstentfaltung heute zum Mainstream gehöre. Und Unbehagen darüber, dass wir geradezu kreativ sein müssen. Die Hoffnung habe sich verwandelt, "in eine zwanghafte Zerstreuung der Aufmerksamkeit im unendlichen, niemals befriedigenden Zyklus der kreativen Akte". Brainstorming ist jetzt die Standardeinstellung der kleinen Angestellten. Heute schon ein Patent angemeldet? Hartmut Rosa spricht von Kreativitätsverdinglichung. "Im VW-Skandal kann man das gut beobachten. Die Ingenieure waren gezwungen, Vorgaben zu erfüllen, die sie nicht kreativ lösen konnten. Und dann haben sie es auf die krumme Tour gemacht." Von den Rolling Stones geträumt, bei Volkswagen aufgewacht, das ist das Missverständnis.

Hartmut Rosa möchte dieses Missverständnis aufklären. Worauf kommt es im guten Leben wirklich an? Es kommt darauf an, dass wir uns in der Welt aufgehoben und nicht in die Welt geworfen fühlen. Es kommt darauf an, etwas zu geben und etwas zurückzubekommen. So wie eine Stimmgabel, die eine andere Stimmgabel zum Schwingen bringt und von dieser wiederum zum Schwingen angeregt wird. Rosa nennt unseren Draht zur Welt, wenn er zu schwingen beginnt: Resonanz. In einem Satz verdichtet, lautet seine These: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung."

Resonanz heißt in der Akustik, dass zwei schwingungsfähige Körper miteinander in Beziehung treten. "Die Körper bleiben unabhängig", sagt Rosa, "sie sprechen sozusagen mit eigener Stimme und fangen an, aufeinander zu antworten. Sie sind hinreichend offen, um sich berühren zu lassen von den Klangwellen, die vom anderen ausgehen, aber gleichzeitig geschlossen genug, um selber tönen zu können." Er sagt: "Resonanz ist ein menschliches Grundbedürfnis und eine Grundfähigkeit."

Tiefe Freundschaften ermöglichen Resonanzerfahrungen ("Wir sind auf einer Wellenlänge"). Resonanz kann sich auf einer Wanderung einstellen ("Der Berg ruft"), auf einem Konzertabend ("Der Saal knistert"), auch beim Europa-League-Viertelfinale (Jürgen Klopp: "Nach dem 1 : 2 konnte jeder sehen, spüren, riechen, dass hier etwas passiert"). Der Mensch kann mit anderen Menschen resonant sein, mit Dingen, mit der Natur, der Kunst, der Religion. Im Unterschied zu esoterischen Utopien ist der "schwingende Draht" zur Welt eine Metapher, keine Quanten- oder Metaphysik. Außerdem ist Resonanz unverfügbar, unkontrollierbar und nicht im Vorverkauf zu haben. Wer seine Lieblingsmusik in Dauerschleife hört, kann sie bald nicht mehr leiden. Und wer Freitag nach Feierabend ins Theater hetzt oder noch lustlos eine Walking-Einheit abreißt, weil der Schritt- und Kalorienzähler des iPhones es einfordert, hat keine Schwingungsgarantie.

Sicher, in manchen Situationen ist Resonanzerfahrung wahrscheinlicher als in anderen. Dazu gehört der Kanon bürgerlicher Freizeitbeschäftigung, vom Opernbesuch bis zum Wanderurlaub. Aber auch das Heavy-Metal-Festival in Wacken kann eine Resonanzoase sein und selbst ein Ort wie eine Tankstelle, meint Rosa: "Ich kann mich zum Beispiel an Erlebnisse erinnern, die sich dort in meiner Kindheit abgespielt haben. Oder ich kann mit einer Autobahntankstelle eine Sehnsucht verbinden."

Und eine Pegida-Demo? "Pegida ist der Versuch, sich wieder hörbar zu machen mit dem Ruf ›Wir sind das Volk‹", sagt Rosa. "Aber da geht es gar nicht um die eigene Stimme, sondern darum, in einem identitären harmonischen Ganzen zu fusionieren, in einem Volksganzen, und das nenne ich eine leere Echokammer. Alles, was anders ist, soll ferngehalten werden. Das ist ein repulsives Weltverhältnis und kein resonantes."

Halb im Scherz hat Hartmut Rosa den "Leuchtende-Augen-Index" als Maß für die Resonanz vorgeschlagen: "Das, was wir meinen, wenn wir davon reden, dass eine Begegnung jemandes Augen zum Leuchten gebracht habe, ist eine empirische Realität und keine esoterische Fantasie." Resonanz wirke sich auf Hautwiderstand, Atmung, Körperspannung, Herzfrequenz und mehr aus. Das habe mit Glücksgefühlen zu tun, es gehe aber nicht nur um subjektive Befindlichkeiten. Sondern um die politische Frage, wie eine Welt beschaffen sein muss, damit wir uns in ihr aufgehoben fühlen.

So leitet Rosa aus seiner Theorie die Forderung ab, dass jeder Mensch ein existenzsicherndes Grundeinkommen erhalten sollte. Man müsste dann nicht dauernd um die nächste Tariferhöhung kämpfen. Und damit ist er wieder bei den beiden Malern, Gustav und Vincent: Ein Grundeinkommen, sagt Rosa, würde den Menschen erlauben, "von der auf Ressourcensicherung zielenden Gustav-Strategie der Lebensführung auf eine resonanzsensible Vincent-Strategie umzustellen."

Hartmut Rosa graut allerdings davor, dass er nun als Resonanz-Guru durch die Medien gereicht wird, er war ja zuvor schon der Entschleunigungs-Guru, so hat ihn die FAZ genannt. Er sieht die Erfolgsratgeber schon vor sich: "Machen Sie Ihr Leben resonant!", "10 Tipps für ein resonantes Leben". Er wird dazu nichts sagen. Aber wer sich auf Rosas Kategorien einlässt, der kann einen anderen Blick auf sich und die Welt gewinnen. Und die Frage nach dem gelingenden Leben noch mal neu formulieren. Auf Resonantisch: Hast du einen Draht zur Welt? Bist du noch kreativ, oder lebst du schon resonant? Wer oder was hindert dich an Resonanzerfahrungen?

Die Kultur des gesenkten Blicks

An einem Sonntagnachmittag im April steht Deutschlands Kreativitätspapst vor der alten Aula der Universität Heidelberg und diskutiert mit der Pressesprecherin über seinen Wikipedia-Eintrag. Es ist der Psychiater und Psychoanalytiker Rainer Matthias Holm-Hadulla, und es geht um die englische Version des Wikipedia-Eintrags, da sind einige Links falsch. Holm-Hadulla möchte wissen, ob die Pressestelle sie korrigieren kann. Zwischendurch nickt er beiläufig den Heidelbergern des öffentlichen Lebens zu, die durch die Flügeltür in den historischen Saal strömen. Man kennt sich. Gleich spielt hier ein Klavierquintett.

Rainer Holm-Hadulla war und ist Gastprofessor an Universitäten in Südamerika, China, Köln und an der Pop-Akademie in Mannheim, das steht in Wikipedia. Wenn der Soziologe Hartmut Rosa so etwas wie der Außenminister für das gelingende Leben ist, unser Mann für die Weltbeziehungen, dann ist der Psychotherapeut Holm-Hadulla der Innenminister, zuständig für das Ich. Er verteidigt die Kreativität gegen ihre Ökonomisierung.

In Heidelberg leitet er seit gut 30 Jahren die Psychosoziale Beratungsstelle der Universität, dort kümmert sich ein Team von Psychologen und Therapeuten um rund 800 Studierende im Jahr. Liebeskummer, Prüfungsangst, Depressionen, Drogenprobleme. Resonanzverlust, würde Hartmut Rosa sagen. Außerdem hat Holm-Hadulla Bücher und Aufsätze geschrieben über Alltagskreativität und außergewöhnliche Kreativität, über Genie und Wahnsinn, über Goethe, Mozart, Picasso und andere Vorzeige-Kreative. Er sagt: "Es gibt eine Inflation des Kreativitätsbegriffs." Und er muss das jetzt ausbaden. Klar, dass er als Experte zur Tagung Zukunftspotenzial Kreativität nach Bad Reichenhall eingeladen wurde, aber selbst in einem Walzwerk sollte er unlängst über Kreativität vortragen.

Paradox ist nur: Je mehr darüber geredet wird, desto weniger wird Kreativität gelebt. Das kreative Denken habe in den vergangenen 20 Jahren abgenommen, sagt Holm-Hadulla und beruft sich auf eine Langzeitstudie, die in den USA vor einigen Jahren für Aufsehen sorgte. Der Vergleich von 272.000 Amerikanern vom Kindergarten- bis ins Erwachsenenalter zwischen 1966 und 2008 hatte gezeigt: Seit 1990 schneiden die Teilnehmer in den üblichen Kreativitätstests der Psychologen zunehmend schlechter ab, obwohl der Intelligenzquotient der Bevölkerung tendenziell ansteigt. Auch viele Krisen der Studenten, die die Heidelberger Psychoberatungsstelle aufsuchen, lassen sich als Kreativitätskrisen interpretieren. Eine "unglaubliche Verengung" beobachtet Holm-Hadulla, viele absolvierten ihr Studium mit einem Tunnelblick. Es sei zwar richtig, dass Kreativität nicht ohne Fleiß zu haben sei. Disziplin, Geduld, Konzentration und Wissen, das gehöre alles dazu. Aber eben nicht nur.

Was man bei all dem Theater um die Kreativität nämlich verlernt hat, ist in Wahrheit der Schlüssel: Wer auf neue Gedanken kommen will, braucht auch das freie Assoziieren, das divergente Denken, das Abschweifen. Random Episodic Silent Thinking (REST) sagen Psychologen dazu. Nichts tun. Löcher in die Luft starren. Tagträumen. Den Gedanken nachhängen. Es ist jener Betriebsmodus des Gehirns, in dem Kommissare in berühmten Krimis ihren Aha-Moment haben. Und Nobelpreisträger ihren Heureka-Moment. "Wenn ihr zu hart arbeitet, werdet ihr immer in dieselbe Richtung gehen", sagte der britische Medizinnobelpreisträger Paul Nurse unlängst vor chinesischen Nachwuchsforschern. "Nur ohne Druck kommt ihr auf neue Gedanken. Wenn ihr wirklich gut sein wollt, dürft ihr nicht zu hart arbeiten."

Manche erleben ihre REST-Momente beim Sport, andere beim Spazierengehen, beim Spielen, beim Aus-dem-Fenster-Gucken oder Busfahren. Aber sie stellen sich immer seltener ein, sagt Rainer Holm-Hadulla, weil man jede Zwischenzeit mit dem Smartphone füllt. "Der ausufernde Mediengebrauch verhindert Originalität." Das ist die Kultur des gesenkten Blicks.

In der Aula der Universität Heidelberg wirkt Holm-Hadulla jetzt wie ein Mensch in Resonanz. Er wiegt den Kopf hin und her, und seine Hand wippt im Takt zu Schumanns Klavierquintett. Draußen sind es 21 Grad, die Magnolien blühen weiß, die Kirschbäume rosa, die Touristen essen Eis, und die Katholiken riechen nach Weihrauch, es ist der erste Sonntag nach Ostern. Ein guter Tag, um auf vielen Ebenen resonant zu sein, zumindest in einer satten Stadt wie Heidelberg. Aber dann unterbricht Holm-Hadulla seine Resonanzerfahrung doch für einen Moment und kritzelt etwas auf seine Eintrittskarte, ein abgewandeltes Schiller-Zitat. Er schreibt: "Der Mensch ist nur da ganz gesund, wo er kreativ ist."

An dieser Stelle treffen sich Innenpolitik und Außenpolitik, Rainer Holm-Hadulla und Hartmut Rosa. Der Psychoanalytiker Holm-Hadulla redet zwar lieber von Selbstwirksamkeit als von Resonanz, das ist der Fachbegriff in der Psychologie, aber die Idee ist ähnlich. Er sagt: "Menschen wachsen nicht, wenn sie nicht gesehen und beantwortet werden." Wer keine Anerkennung bekommt, droht zu verstummen. Und wagt auch nichts Neues mehr.

Grafenhausen, Hartmut Rosas Heimatdorf, liegt am südlichen Rand des Schwarzwalds. Beim Spazierengehen trifft man mehr Kühe als Menschen, es ist ziemlich still. Ein Schild weist den Weg zur Holzbildhauerei Stiegeler.

Der Mann, der in der Werkstatt steht, ist 40 Jahre alt, trägt die Haare lang und die Hemdsärmel kurz, er hat einen zerzausten Kinnbart und ziemlich kräftige Arme. Kein Wunder, er schlägt ja auch den ganzen Tag auf Holzklötze ein. So sieht es zumindest für einen Stadtmenschen aus. Simon Stiegeler formuliert es anders. Er sagt: "Holz ist warm. Es ist geschmeidig. Meine Hände genießen es, Holz zu berühren. Holz hat ein Eigenleben." In seiner Werkstatt fertigt er Skulpturen, Gartenfiguren, Wappen, Krippen, Kreuze und die traditionellen alemannischen Fasnachtsmasken. Am Vormittag hat eine Kundin ihre Maske abgeholt. Sie weinte vor Freude.

Das Geheimnis der Resonanz hat viel mit dieser Holzwerkstatt zu tun. Weniger, weil Simon Stiegeler und Hartmut Rosa befreundet sind und vor langer Zeit Heavy-Metal-CDs austauschten. Vielmehr, weil die Welt eben nicht nur aus Gedanken, Theorien, Wissenschaft und Simulationen besteht, sondern auch aus Dingen, Körpern, Materie und Hand-Werk. Die Beziehung zur Arbeit, wie sie ein Simon Stiegeler vorlebt, ist eine existenzielle Resonanzerfahrung. Hartmut Rosa beschreibt es so: "Zwischen Pflanzen und Gärtner, zwischen Büchern und Gelehrtem, zwischen Brettern und Schreiner, Teig und Bäcker, Geige und Geiger bilden sich Antwortbeziehungen in dem für resonante Weltbeziehungen charakteristischen Sinn heraus." Das Material scheine dem Arbeitenden entgegenzukommen und zu antworten. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks hätte es nicht schöner formulieren können.

"Wir denken durch den Körper", sagt der Philosoph und Motorradmechaniker Matthew Crawford. In seinem Buch Die Wiedergewinnung des Wirklichen erkundet er im Detail die Tätigkeiten eines Kochs, eines Eishockeyspielers, eines Motorradfahrers, eines Orgelbauers, er schwärmt: "In solchen Ökosystemen wird ein realitätsnahes Gedeihen des menschlichen Wesens möglich." Dem Eigensinn der physischen Welt zu begegnen sei eine "Quelle des Vergnügens".

Sind Sie ein glücklicher Mensch, Herr Stiegeler? Der Holzbildhauer von Grafenhausen könnte jetzt seine Ressourcen aufzählen. Seine Frau und die zwei Kinder, dass er den väterlichen Betrieb erfolgreich weiterführt, er könnte seine Hobbys erwähnen, die Volleyballmannschaft, seine Freunde, sein Dorf und das Schwarzwaldhaus der Sinne, das er für Kinder und Touristen mit gestaltet hat. Stiegeler tut das nicht. Er sagt: "Ja, doch. Was ich mache, ist das, was ich mir wünsche. Aber die Suche ist immer da, keine Ahnung, wonach."

Und dann lässt er wieder das Holz sprechen. Er nimmt ein Stück Lindenholz, "sehr weich und trotzdem robust", um daraus eine seiner Figuren zu formen, die er Flügelwesen nennt. Zunächst sägt er den Klotz grob zurecht, dann folgt das sogenannte Anhauen: Mit Beitel und Hammer schlägt er größere Stücke ab, verleiht dem Holz so eine erste Silhouette. Viel ruhiger dann: das Sauberschneiden. Mit dem Schnitzmesser fährt Stiegeler durch das weiche Lindenholz, das schabende Messer hat einen satten Klang. Am liebsten schnitzt er abends, wenn es um ihn herum ruhig und dunkel ist. "Dann bin ich total fixiert", sagt er, "das ist wie Wellness."

Am nächsten Tag, einem Sonntag, spielt der Soziologe Hartmut Rosa im Gottesdienst der evangelischen Kirche von Grafenhausen die Orgel. Er sitzt oben auf der Empore mit dem Rücken zur Gemeinde und intoniert Sound of Silence von Simon & Garfunkel, dann Kirchenlieder. Die Orgel übertönt die Besucher, das Tempo ist schneller, und zwei älteren Damen versagt plötzlich die Stimme, weil die Melodie zu hoch klettert. Was passiert hier gerade? Ist das Resonanzverlust, Entfremdung, das Verstummen der Welt? Die beiden lächeln einander an. Und singen weiter.

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