An einem Sonntagnachmittag im April steht Deutschlands Kreativitätspapst vor der alten Aula der Universität Heidelberg und diskutiert mit der Pressesprecherin über seinen Wikipedia-Eintrag. Es ist der Psychiater und Psychoanalytiker Rainer Matthias Holm-Hadulla, und es geht um die englische Version des Wikipedia-Eintrags, da sind einige Links falsch. Holm-Hadulla möchte wissen, ob die Pressestelle sie korrigieren kann. Zwischendurch nickt er beiläufig den Heidelbergern des öffentlichen Lebens zu, die durch die Flügeltür in den historischen Saal strömen. Man kennt sich. Gleich spielt hier ein Klavierquintett.

Rainer Holm-Hadulla war und ist Gastprofessor an Universitäten in Südamerika, China, Köln und an der Pop-Akademie in Mannheim, das steht in Wikipedia. Wenn der Soziologe Hartmut Rosa so etwas wie der Außenminister für das gelingende Leben ist, unser Mann für die Weltbeziehungen, dann ist der Psychotherapeut Holm-Hadulla der Innenminister, zuständig für das Ich. Er verteidigt die Kreativität gegen ihre Ökonomisierung.

In Heidelberg leitet er seit gut 30 Jahren die Psychosoziale Beratungsstelle der Universität, dort kümmert sich ein Team von Psychologen und Therapeuten um rund 800 Studierende im Jahr. Liebeskummer, Prüfungsangst, Depressionen, Drogenprobleme. Resonanzverlust, würde Hartmut Rosa sagen. Außerdem hat Holm-Hadulla Bücher und Aufsätze geschrieben über Alltagskreativität und außergewöhnliche Kreativität, über Genie und Wahnsinn, über Goethe, Mozart, Picasso und andere Vorzeige-Kreative. Er sagt: "Es gibt eine Inflation des Kreativitätsbegriffs." Und er muss das jetzt ausbaden. Klar, dass er als Experte zur Tagung Zukunftspotenzial Kreativität nach Bad Reichenhall eingeladen wurde, aber selbst in einem Walzwerk sollte er unlängst über Kreativität vortragen.

Paradox ist nur: Je mehr darüber geredet wird, desto weniger wird Kreativität gelebt. Das kreative Denken habe in den vergangenen 20 Jahren abgenommen, sagt Holm-Hadulla und beruft sich auf eine Langzeitstudie, die in den USA vor einigen Jahren für Aufsehen sorgte. Der Vergleich von 272.000 Amerikanern vom Kindergarten- bis ins Erwachsenenalter zwischen 1966 und 2008 hatte gezeigt: Seit 1990 schneiden die Teilnehmer in den üblichen Kreativitätstests der Psychologen zunehmend schlechter ab, obwohl der Intelligenzquotient der Bevölkerung tendenziell ansteigt. Auch viele Krisen der Studenten, die die Heidelberger Psychoberatungsstelle aufsuchen, lassen sich als Kreativitätskrisen interpretieren. Eine "unglaubliche Verengung" beobachtet Holm-Hadulla, viele absolvierten ihr Studium mit einem Tunnelblick. Es sei zwar richtig, dass Kreativität nicht ohne Fleiß zu haben sei. Disziplin, Geduld, Konzentration und Wissen, das gehöre alles dazu. Aber eben nicht nur.

Was man bei all dem Theater um die Kreativität nämlich verlernt hat, ist in Wahrheit der Schlüssel: Wer auf neue Gedanken kommen will, braucht auch das freie Assoziieren, das divergente Denken, das Abschweifen. Random Episodic Silent Thinking (REST) sagen Psychologen dazu. Nichts tun. Löcher in die Luft starren. Tagträumen. Den Gedanken nachhängen. Es ist jener Betriebsmodus des Gehirns, in dem Kommissare in berühmten Krimis ihren Aha-Moment haben. Und Nobelpreisträger ihren Heureka-Moment. "Wenn ihr zu hart arbeitet, werdet ihr immer in dieselbe Richtung gehen", sagte der britische Medizinnobelpreisträger Paul Nurse unlängst vor chinesischen Nachwuchsforschern. "Nur ohne Druck kommt ihr auf neue Gedanken. Wenn ihr wirklich gut sein wollt, dürft ihr nicht zu hart arbeiten."

Manche erleben ihre REST-Momente beim Sport, andere beim Spazierengehen, beim Spielen, beim Aus-dem-Fenster-Gucken oder Busfahren. Aber sie stellen sich immer seltener ein, sagt Rainer Holm-Hadulla, weil man jede Zwischenzeit mit dem Smartphone füllt. "Der ausufernde Mediengebrauch verhindert Originalität." Das ist die Kultur des gesenkten Blicks.

In der Aula der Universität Heidelberg wirkt Holm-Hadulla jetzt wie ein Mensch in Resonanz. Er wiegt den Kopf hin und her, und seine Hand wippt im Takt zu Schumanns Klavierquintett. Draußen sind es 21 Grad, die Magnolien blühen weiß, die Kirschbäume rosa, die Touristen essen Eis, und die Katholiken riechen nach Weihrauch, es ist der erste Sonntag nach Ostern. Ein guter Tag, um auf vielen Ebenen resonant zu sein, zumindest in einer satten Stadt wie Heidelberg. Aber dann unterbricht Holm-Hadulla seine Resonanzerfahrung doch für einen Moment und kritzelt etwas auf seine Eintrittskarte, ein abgewandeltes Schiller-Zitat. Er schreibt: "Der Mensch ist nur da ganz gesund, wo er kreativ ist."

An dieser Stelle treffen sich Innenpolitik und Außenpolitik, Rainer Holm-Hadulla und Hartmut Rosa. Der Psychoanalytiker Holm-Hadulla redet zwar lieber von Selbstwirksamkeit als von Resonanz, das ist der Fachbegriff in der Psychologie, aber die Idee ist ähnlich. Er sagt: "Menschen wachsen nicht, wenn sie nicht gesehen und beantwortet werden." Wer keine Anerkennung bekommt, droht zu verstummen. Und wagt auch nichts Neues mehr.

Grafenhausen, Hartmut Rosas Heimatdorf, liegt am südlichen Rand des Schwarzwalds. Beim Spazierengehen trifft man mehr Kühe als Menschen, es ist ziemlich still. Ein Schild weist den Weg zur Holzbildhauerei Stiegeler.

Der Mann, der in der Werkstatt steht, ist 40 Jahre alt, trägt die Haare lang und die Hemdsärmel kurz, er hat einen zerzausten Kinnbart und ziemlich kräftige Arme. Kein Wunder, er schlägt ja auch den ganzen Tag auf Holzklötze ein. So sieht es zumindest für einen Stadtmenschen aus. Simon Stiegeler formuliert es anders. Er sagt: "Holz ist warm. Es ist geschmeidig. Meine Hände genießen es, Holz zu berühren. Holz hat ein Eigenleben." In seiner Werkstatt fertigt er Skulpturen, Gartenfiguren, Wappen, Krippen, Kreuze und die traditionellen alemannischen Fasnachtsmasken. Am Vormittag hat eine Kundin ihre Maske abgeholt. Sie weinte vor Freude.

Das Geheimnis der Resonanz hat viel mit dieser Holzwerkstatt zu tun. Weniger, weil Simon Stiegeler und Hartmut Rosa befreundet sind und vor langer Zeit Heavy-Metal-CDs austauschten. Vielmehr, weil die Welt eben nicht nur aus Gedanken, Theorien, Wissenschaft und Simulationen besteht, sondern auch aus Dingen, Körpern, Materie und Hand-Werk. Die Beziehung zur Arbeit, wie sie ein Simon Stiegeler vorlebt, ist eine existenzielle Resonanzerfahrung. Hartmut Rosa beschreibt es so: "Zwischen Pflanzen und Gärtner, zwischen Büchern und Gelehrtem, zwischen Brettern und Schreiner, Teig und Bäcker, Geige und Geiger bilden sich Antwortbeziehungen in dem für resonante Weltbeziehungen charakteristischen Sinn heraus." Das Material scheine dem Arbeitenden entgegenzukommen und zu antworten. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks hätte es nicht schöner formulieren können.

"Wir denken durch den Körper", sagt der Philosoph und Motorradmechaniker Matthew Crawford. In seinem Buch Die Wiedergewinnung des Wirklichen erkundet er im Detail die Tätigkeiten eines Kochs, eines Eishockeyspielers, eines Motorradfahrers, eines Orgelbauers, er schwärmt: "In solchen Ökosystemen wird ein realitätsnahes Gedeihen des menschlichen Wesens möglich." Dem Eigensinn der physischen Welt zu begegnen sei eine "Quelle des Vergnügens".

Sind Sie ein glücklicher Mensch, Herr Stiegeler? Der Holzbildhauer von Grafenhausen könnte jetzt seine Ressourcen aufzählen. Seine Frau und die zwei Kinder, dass er den väterlichen Betrieb erfolgreich weiterführt, er könnte seine Hobbys erwähnen, die Volleyballmannschaft, seine Freunde, sein Dorf und das Schwarzwaldhaus der Sinne, das er für Kinder und Touristen mit gestaltet hat. Stiegeler tut das nicht. Er sagt: "Ja, doch. Was ich mache, ist das, was ich mir wünsche. Aber die Suche ist immer da, keine Ahnung, wonach."

Und dann lässt er wieder das Holz sprechen. Er nimmt ein Stück Lindenholz, "sehr weich und trotzdem robust", um daraus eine seiner Figuren zu formen, die er Flügelwesen nennt. Zunächst sägt er den Klotz grob zurecht, dann folgt das sogenannte Anhauen: Mit Beitel und Hammer schlägt er größere Stücke ab, verleiht dem Holz so eine erste Silhouette. Viel ruhiger dann: das Sauberschneiden. Mit dem Schnitzmesser fährt Stiegeler durch das weiche Lindenholz, das schabende Messer hat einen satten Klang. Am liebsten schnitzt er abends, wenn es um ihn herum ruhig und dunkel ist. "Dann bin ich total fixiert", sagt er, "das ist wie Wellness."

Am nächsten Tag, einem Sonntag, spielt der Soziologe Hartmut Rosa im Gottesdienst der evangelischen Kirche von Grafenhausen die Orgel. Er sitzt oben auf der Empore mit dem Rücken zur Gemeinde und intoniert Sound of Silence von Simon & Garfunkel, dann Kirchenlieder. Die Orgel übertönt die Besucher, das Tempo ist schneller, und zwei älteren Damen versagt plötzlich die Stimme, weil die Melodie zu hoch klettert. Was passiert hier gerade? Ist das Resonanzverlust, Entfremdung, das Verstummen der Welt? Die beiden lächeln einander an. Und singen weiter.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.