Wer dicke Hagelkörner auf den Kopf kriegt, hat anschließend Beulen. Kein Zweifel, das Wetter hat in diesem Fall die Gesundheit beeinflusst. Doch wer sich als wetterfühlig bezeichnet, hat subtilere Effekte im Sinn. Migräne als Folge des Alpenföhns zum Beispiel. Rheuma und schmerzende Narben aufgrund einer Kältefront. Herzprobleme bei Gewitter.

Jeder Zweite sieht laut einer Umfrage des Deutschen Wetterdienstes (DWD) einen Zusammenhang zwischen der Wetterlage und der eigenen Gesundheit, mehr Frauen (57 Prozent) als Männer (42 Prozent), mehr Ältere als Jüngere. Für die Betroffenen sind die Beschwerden real. Wissenschaftler aber rätseln: Welche Wirkmechanismen gibt es wirklich zwischen Witterung und Gesundheit?

Unbestritten ist, dass Pollen und Ozon abhängig von der Wetterlage Allergiker beeinträchtigen. Und auch dass Kälte, Hitze, schwüle Luft und intensive Sonnenstrahlung das Herz-Kreislauf-System belasten. Der Körper muss dann mehr Energie aufwenden, um die Temperatur zu regulieren. Umstritten ist dagegen der Einfluss von Luftdruckschwankungen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

Einige Forscher fanden einen Zusammenhang von Tiefdruckgebieten und dem Einsetzen von Wehen in der Schwangerschaft. Andere stellten fest, dass in München zehn Prozent weniger Rettungseinsätze gefahren werden, wenn der Luftdruck nachmittags innerhalb von einer Stunde rasch ansteigt. Dann sind da noch die periodischen Druckschwankungen, bei denen der Luftdruck im Rhythmus von einigen Minuten minimal schwankt, sogenannte Schwerewellen. Eine Studie mit 200 Personen zeigte, dass das Wohlbefinden umso schlechter war, je stärker diese Schwingungen waren.

Der Atmosphärenphysiker Hans Richner von der ETH Zürich hat zusammen mit Medizinern 40 Jahre lang die Wetterfühligkeit erforscht. Er habe Respekt vor der Qualität einzelner Studien, sagt er. Aber: "Wer Dutzende Wetterdaten mit Dutzenden Gesundheitsparametern vergleicht, wird immer irgendeinen Effekt finden." Richners Team hat die Daten von 39.000 Herzinfarkten in vier Regionen der Schweiz durchforstet und nach einem Einfluss der Witterung gesucht. Die Forscher wurden fündig. Doch in der einen Region schien Tiefdruck einen Infarkt zu begünstigen, in der anderen ein Hoch. Und Schwüle schien mal eine positive Wirkung zu haben, mal eine negative.

Bei vielen beobachteten Effekten handle es sich um "Scheinkausalitäten", sagt Richner. "Der Umsatz an Himbeereis und die Häufigkeit von Sonnenbrand sind hoch korreliert. Trotzdem kommt niemand auf die Idee, zu sagen, vom Eisessen bekomme man einen Sonnenbrand." So ähnlich verhält es sich wohl auch mit der Schwerewellen-Studie, Richners Doktorarbeit. Die Wellen treten vor allem bei schlechtem Wetter auf. "Es scheint, dass sich die Mehrzahl der Personen bei gutem Wetter einfach besser fühlt als bei schlechtem", sagt der Professor. Und wenn Wehen wirklich vermehrt bei Tiefdruck einsetzen, müssten Schwangere schon aufpassen, sobald sie 400 Höhenmeter einen Berg hinauffahren. Die Druckdifferenz entspricht den typischen Unterschieden zwischen Hoch- und Tiefdruckgebiet.

Richner ist heute davon überzeugt, dass Wetterfühligkeit oft mehr mit psychologischen Effekten als mit dem Wetter zu tun hat. Zum Beispiel mit dem Nocebo-Effekt: "Wenn Biowetter-Prognosen den Menschen einreden, dass sie bei Kälte Gelenkschmerzen bekommen, dann werden Studien genau diesen Effekt auch finden. Das ist ein sich selbst erhaltendes System."