Die Stromschläge taten weh. Gefährlich waren sie nicht, aber die Versuchspersonen waren keine Masochisten, sie genossen die Stromstöße nicht. Umso seltsamer, dass sie sich diese selbst zufügten. Freiwillig. Mehrfach. Irgendetwas trieb sie dazu.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

Das Experiment von zwei US-Forschern wirft ein irritierendes Licht auf unsere Psyche. Es zeigt, dass Menschen sich aus purer Neugier selbst Schaden zufügen. So lautet zumindest das Fazit von Christopher K. Hsee und Bowen Ruan. Die beiden hatten Probanden im Labor an Tische gesetzt, auf denen Kugelschreiber lagen. Dort sollten sie angeblich warten, bis das Experiment beginne, hieß es. Zum Zeitvertreib dürften sie mit den Kugelschreibern spielen. Die Forscher sprachen jedoch eine Warnung aus: Vor einigen Stiften müssten sie sich in Acht nehmen. Jene mit rotem Aufkleber würden beim Herausklicken der Mine einen Stromstoß abgeben. Bei denen mit grünem Aufkleber bestünde diese Gefahr nicht. Und dann gebe es noch solche mit gelber Markierung – die seien unberechenbar. Die Forscher wollten herausfinden, welche Kugelschreiber das größte Interesse wecken würden. Dafür verglichen sie zwei Bedingungen: In der einen Gruppe lagen nur grüne und rote Stifte vor den Teilnehmern, in der anderen Gruppe nur gelbe. Das Ergebnis war eindeutig: Die Probanden der Gruppe mit gelben Stiften fassten ihre deutlich häufiger an. Immer wieder nahmen sie einen Stift in die Hand, um ihm sein Geheimnis zu entlocken: Würde er beim Klicken einen Stromstoß abgeben oder nicht? Neugier habe sie dazu getrieben, sagen die Forscher. Es schien gerade die Ungewissheit zu sein, die die Probanden an den gelben Stiften reizte. Wäre es ihnen nur darum gegangen, sich die Langeweile mit kleinen Stromschlägen zu vertreiben, hätten die roten Stifte ähnliches Interesse erfahren müssen. Dem war aber nicht so.

In Folge-Experimenten ließ sich die These bestätigen. Mal sollten Testpersonen auf Knöpfe drücken, um schreckliche oder wohlklingende Geräusche zu hören, mal wurden sie mit ekligen Insektenbildern konfrontiert. Wann immer sie nicht wissen konnten, was passieren würde, drückten sie besonders oft – und riskierten somit lauter unerfreuliche Erlebnisse. Mit der Zeit schlug ihnen das richtig auf die Laune, doch die Neugier war stärker als die Vernunft.

Als "Pandora-Effekt" bezeichnen die Forscher das Phänomen, benannt nach der berüchtigten Pandora aus der griechischen Mythologie: Sie öffnete entgegen ausdrücklicher Warnung die Büchse voller Laster und brachte damit Unheil über die Welt.

Neugier hat fatale Folgen: Finger, die auf Herdplatten glühen. Seitensprünge oder Drogen, die ins Verderben führen. Fragen, deren Antworten man nicht hören möchte. Doch auch, wenn Neugier zuweilen lächerlich macht, wenn grotesk erscheint, was die Probanden in der Studie aufführten: Neugier lässt uns wagemutig sein. Nie wären die großen Entdecker in See gestochen, wären sie nicht der Versuchung des Horizonts erlegen. Nie wäre ein Mensch zum Mond geflogen oder auf den Grund des Meeres getaucht. Ohne Neugier würden wir im Altvertrauten verharren und an Langeweile sterben. Dann schon lieber an einem Stromschlag.