Menschen sind wandelnde Kopfkinos. So jedenfalls könnte man das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2010 interpretieren. Psychologen von der Harvard-Universität wollten herausfinden, wie abgelenkt Menschen im Alltag von ihren eigenen Gedanken sind. Also fragten sie 5.000 Freiwillige per Smartphone-App über mehrere Wochen hinweg immer wieder, ob sie gerade mental bei der Sache waren. Das Ergebnis: In 46 Prozent der abgefragten Situationen berichteten die Teilnehmer, sie seien in Gedanken ganz woanders gewesen.

Wo liegt die Quelle für solche spontanen Gedanken? Und wo bleiben sie, wenn sie an unserem inneren Kinosessel vorbeigezogen sind? Zumindest ihre ungefähre Herkunft kennt die Hirnforschung inzwischen: Immer dann, wenn wir nichts tun oder uns langweilen, verstärkt das Default Mode Network des Gehirns seine Aktivität. Die Regionen, die zu diesem Netzwerk gehören, liegen – grob gesagt – hinter der Stirn und über den Ohren. Eine Studie aus dem Jahr 2007, die im Journal Science beschrieben wurde, zeigte erstmals, dass die Aktivität im Default Mode Network an der Produktion von Flausen beteiligt ist, jenen spontanen Gedanken, die so leicht einen Sturzbach innerer Bilder auslösen.

In der Studie hatten Probanden untätig in einem fMRT-Hirnscanner gelegen und per Knopfdruck mitgeteilt, wenn sie sich gerade in irgendwelchen Gedanken verloren hatten. "Diese Gedanken sind zufällig reaktivierte Gedächtnisinhalte", sagt Paul Seli von der Harvard-Universität. Der Psychologe erforscht die Natur abschweifender Gedanken. Die plötzlich eintretenden mentalen Bilder kondensieren anlasslos aus der Wolke spontaner Aktivität im Default Mode Network, so Seli. Wie genau das funktioniere, sei noch unklar. Unterscheiden könne man aber zwischen gewollten und ungewollten spontanen Gedanken. "Wenn wir beispielsweise tagträumen wollen, springt ein weiteres Netzwerk an: das exekutive Kontrollnetzwerk." Dessen Aktivität kennzeichne zielgerichtetes Denken. Es hängt also wesentlich von der relativen Beteiligung dieser beiden Hirn-Netzwerke ab, ob wir uns bei einer Arbeit gerade nicht konzentrieren können, weil wir ungewollt an etwas anderes denken, oder ob wir in der Badewanne entspannt mit unseren spontanen Gedanken jonglieren.

Warum uns die Flausen überhaupt in ihren Bann ziehen, erklärte kürzlich eine Studie im Journal NeuroImage. Forscher aus Vancouver baten Meditationsexperten in einen Hirnscanner. Alle Probanden waren darin geübt, während der Meditation spontane Gedanken sofort zu bemerken. Im Scanner konzentrierten sich die Teilnehmer auf ihren Atem, wie in ihrer normalen Meditation auch, und gaben per Knopfdruck an, sobald sie merkten, dass sich ihre Aufmerksamkeit auf einen zufälligen Gedanken richtete. Ihre Hirnaktivität zeigte dabei etwas Unerwartetes: Sie erhöhte sich vor allem in Regionen, die die Aufmerksamkeit normalerweise auf Umweltreize lenken. Das Gehirn, so die Forscher, nimmt unsere Flausen also so ähnlich wahr wie plötzliche Vorkommnisse in der Umwelt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

Ohne dieses Rampenlicht unserer Aufmerksamkeit würden auch unsere Flausen so schnell aus dem Blickfeld verschwinden wie beispielsweise ein verschrecktes Beutetier. Und wir würden potenziell nützliche spontane Gedanken übersehen. Wie wichtig die Flausenjagd ist, wusste schon Archimedes: Er lag in der Badewanne, als sich ihm das Verhältnis von Volumen und Verdrängung offenbarte – und er fing die Flause aufmerksam ein, noch bevor diese sich wieder im Hintergrundrauschen seines Hirns verlieren konnte.

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