Eine Box, eine Ratte, ein Hebel. Drückt die Ratte den Hebel, stimuliert ein Stromimpuls über eine winzige Elektrode eine Struktur in der Mitte ihres Gehirns. Ihr gefällt das so sehr, dass sie den Hebel immer wieder ansteuert. Die Forscher wissen nun: Sie haben das Belohnungszentrum des Gehirns entdeckt; durch dessen Stimulation erlebt die Ratte einen Glücksrausch nach dem anderen.

Der Mensch hat keinen Schalter, den er einfach umlegen kann, um glücklich zu sein. Gott sei Dank, könnte man sagen, denn die Ratten, die im Experiment der fünfziger Jahre ihr Glück selbst in der Pfote hatten, starben beinahe: Vor lauter Glücksgefühlen vergaßen sie, zu fressen und zu trinken.

Etwas kommt dem Prinzip Glücksrausch auf Knopfdruck jedoch erstaunlich nahe: der Like-Button in sozialen Netzwerken. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass uns Likes genauso glücklich stimmen wie ein Offline-Lob. Im Arbeitsbereich Biologische Psychologie und Kognitive Neurowissenschaft untersucht Dar Meshi an der Freien Universität Berlin die Parallelen zwischen Online- und Offline-Verhalten. In einem Experiment zeichnete Meshi bei Probanden die Aktivierungsmuster ihres Belohnungszentrums auf, wenn der Versuchsleiter sie lobte. Dieses Muster stellte er in Zusammenhang mit der Facebook-Nutzung der Probanden. Dar Meshi fand heraus: Die Probanden, deren Hirne stark auf das Lob reagierten, nutzen soziale Netzwerke besonders intensiv.

Das Belohnungszentrum, der Nucleus accumbens, ist ein cleverer Mechanismus der Evolution: Es versetzt uns in einen körpereigenen Rausch von Glück und Stärke, wenn wir etwas tun, das dem eigenen Überleben und dem Erhalt der Art nützlich ist. Bei Menschen verhelfen Essen, Sex, Geld und soziale Reputation zu Glücksgefühlen. Durch die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin lernt das Gehirn: Das fühlt sich gut an, mehr davon!

Soziale Anerkennung wirkt somit wie eine Droge, für die wir fast alles tun würden. Das Problem: Das Gehirn gewöhnt sich schnell an das positive Feedback. Ein Like, noch eins und noch eins – dadurch passiert bei routinierten Postern nicht viel. Erst wenn die eigenen Erwartungen übertroffen werden, kommen die Neuronen in Schwung. 40, 50, 60 Klicks – das fühlt sich nicht schlecht an. Aber geht noch mehr? 80, 90, 100. Ja! Klingeling, das Belohnungszentrum springt an: Happy Face :-).

Damit ihre Erwartungen an Likes und Followern regelmäßig übertroffen werden, müssen die Nutzer immer bessere Inhalte abliefern. Darum werden Selbstinszenierungen in sozialen Netzwerken professioneller, Selfies waghalsiger. (Inzwischen sterben jährlich wesentlich mehr Menschen weltweit bei dem Versuch, ein Foto von sich zu schießen, als bei Hai-Angriffen. Daran wird auch kaum das inzwischen an vielen Orten geltende Selfie-Stick-Verbot etwas ändern.)

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

Die Wissenschaft interessiert sich immer mehr für die Frage, wie sich der Mensch im Netz darstellt. Fakt ist: Während wir in Offline-Gesprächen in nur rund 60 Prozent der Gesprächsinformationen Persönliches offenbaren, sind in sozialen Netzwerken 80 Prozent unserer geteilten Inhalte auf uns selbst bezogen. Besonders bemerkenswert ist der Grund für die Ego-Eskalation im Netz: Es liegt an der Größe des Publikums, das wir über die Online-Plattformen erreichen. Die Kommunikationswissenschaftler Alixandra Barrasch und Jonah Berger von der Universität Pennsylvania fanden heraus: Je mehr Menschen uns zuhören, desto eher sprechen wir über uns selbst. Die Forscher erklären das mit der natürlichen Egozentrik des Menschen, durch die wir Schwierigkeiten hätten, uns in die Rolle von anderen zu versetzen. Ohne dass uns jemand durch seine unmittelbare Anwesenheit darauf hinweist, dass er unsere Aufmerksamkeit sucht oder Rat braucht, gehen wir den Aufwand, die Perspektive zu wechseln, nicht ein, so die These der Forscher. Empirische Belege dafür sammelten Barrasch und Berger in sechs Experimenten mit jeweils rund 150 Teilnehmern. In ihrer Studie unterschieden sie zwischen Broadcasting -Situationen, in denen die Probanden Informationen mit einem großen Publikum teilten, und Narrowcasting -Situationen, Unterhaltungen zwischen zwei Personen.

Es bestätigte sich: Erst im Zweiergespräch legten die Probanden den Fokus jeweils auf ihr Gegenüber. Dieser Perspektivwechsel sorgte dann dafür, dass sie – anstatt über sich zu reden – Informationen mitteilten, die dem Gesprächspartner nützlich zu sein schienen. In größeren Gesprächsgruppen hingegen schlüpften die Versuchsteilnehmer nicht nur in die Ego-Perspektive, sondern vermieden auch Informationen, die sie selbst schlecht dastehen ließen. Sie stellten Situationen zudem besser dar, indem sie weniger negative Formulierungen wie hässlich, nervig oder übel benutzten.