Giorgos Vichas lächelt müde unter dunklen Augenringen. "Wissen Sie, wie lang die Wartezeit für einen Krebspatienten ist, der sofort eine Tomografie bräuchte? Einen Monat. Bei Strahlentherapie sind es sogar zwei Monate." Vichas spricht nicht über ein Dritte-Welt-Land, aus dem er nach einem langen, anstrengenden Flug zurückgekehrt ist. Er redet von Athen. Von Griechenland. Von der Wiege Europas.

Zurückgekehrt ist er am Morgen tatsächlich. Am Tag zuvor hat er in Nordgriechenland, in Katerini, mit anderen Ärzten eine Hilfslieferung Medikamente aus Italien in Empfang genommen. Hat dort auch Helfer von Ärzte ohne Grenzen getroffen, um die Situation in griechischen Flüchtlingslagern zu besprechen. Die Lieferung ist aber nur nebenbei für Flüchtlinge bestimmt. Sie soll vor allem griechischen Bürgern helfen, die keine Krankenversicherung mehr haben. Das sind, im sechsten Jahr der Krise, fast ein Drittel der griechischen Bevölkerung. Wer mehr als zwölf Monate arbeitslos ist, verliert seine staatliche Krankenversicherung.

Seit fünf Jahren kämpft Vichas, 55, gegen die Folgen der Krise. Will sie nicht akzeptieren. Will auch nicht warten, bis die Politik etwas zum Besseren wendet. Er versucht, das Schlimmste zu verhindern. Tagsüber arbeitet er als Kardiologe an einem öffentlichen Krankenhaus in Athen. Nach Schichtende fährt er quer durch die Stadt nach Ellinikó, einem Stadtteil im Süden, um dann vier, fünf Stunden lang Kranke zu untersuchen, die in die Hauptstädtische Sozialklinik Ellinikó (MKIE) kommen. Unentgeltlich. So wie rund 100 weitere Ärzte und 200 Helfer, die die Sozialklinik seit Jahren betreiben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/16.

Im Mai 2011, als der Kollaps der griechischen Wirtschaft eingesetzt hatte, als die Arbeitslosigkeit stieg und immer mehr Kranke keine Behandlung mehr bekamen, fasste Vichas den Entschluss, dass er etwas tun müsse. "Aber ich wusste nicht, wie. Ich dachte, ich müsse viel Geld in die Hand nehmen." Dann traf er im September des Jahres Mikis Theodorakis. Der damals 86-jährige Komponist und Volksheld gab eines seiner seltenen, aber verlässlich umjubelten Konzerte in Ellinikó, unweit des alten Athener Flughafens, der seit Jahren verfällt. Vichas kam nach dem Konzert mit Theodorakis ins Gespräch. "Du als Arzt musst etwas für die Menschen machen", redete der ihm ins Gewissen. Er solle sich doch umschauen, in Ellinikó stünden genug Gebäude leer. Am nächsten Tag ging Vichas zum Bezirksbürgermeister, sie einigten sich auf ein kleines Haus am Rande des Flughafengeländes – die Sozialklinik war geboren.

Mit vier Kollegen und sieben Helfern fing der gebürtige Athener an, die Station aufzubauen, in der sich heute eine Zahnarztpraxis, ein HNO-Behandlungszimmer und ein Raum für Herzuntersuchungen befindet. "50.000 Fälle haben wir hier bereits behandelt", sagt Vichas. Tausend Patienten kommen in einem durchschnittlichen Monat in die Poliklinik am Ende der Metro-Linie 2. Sie alle haben kein Geld, um den sehr hohen Eigenanteil für Medikamente zu bezahlen oder sich in die Obhut einer privaten Klinik zu begeben. Die öffentlichen Krankenhäuser wiederum, die traditionell die Funktion eines Hausarztes erfüllten, sind kaputtgespart worden und arbeiten im permanenten Notbetrieb.

"Ich sehe keine Lösung für die Situation", sagt Vichas. Andere würden sich jetzt in Rage reden. Er jedoch fährt mit freundlich-sanfter Stimme fort, um in nüchternen Zahlen die humanitäre Katastrophe zu beschreiben, die sich im Südosten der EU infolge von einem halben Dutzend Sparpaketen verschiedener Regierungen entwickelt hat, auf Druck der "Troika" aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds. Das griechische Gesundheitsbudget: von 2009 bis 2015 um die Hälfte gekürzt. Die Ausgaben für öffentliche Krankenhäuser: fielen von 2,9 Milliarden Euro auf eine Milliarde für das Fiskaljahr 2017. Die Säuglingssterblichkeit: stieg von 2,6 Prozent vor der Krise auf vier Prozent. Die Bevölkerungsentwicklung: zum ersten Mal negativ. "In den nächsten 20 Jahren würde die Bevölkerung um 30 Prozent schrumpfen, wenn die Entwicklung anhalten sollte", sagt Vichas.

›Du als Arzt musst etwas für die Menschen machen‹, hat der griechische Volksheld Mikis Theodorakis ihm gesagt

Das größte Problem: Es gibt in den öffentlichen Krankenhäusern kaum noch Medikamente. Patienten müssen sie sich selbst besorgen. Jedoch: Die drei Millionen Unversicherten können das nicht. Deshalb haben Vichas und seine Mitstreiter die Sozialklinik auch zum größten Verteilzentrum für Medikamentenspenden aus ganz Europa gemacht. Im Lagerraum neben dem Behandlungszimmer stapeln sich Arzneimittel aller Art bis unter die Decke. In der MKIE nennen sie den Raum "die Apotheke". An Tischen sitzen Freiwillige, prüfen die Packungen, vergleichen ausländische mit griechischen Präparaten und beschriften sie, damit nichts durcheinandergerät.

Wie viele Packungen passieren die Apotheke im Monat, Dr. Vichas? Er beugt sich zur Tür und ruft: "Vassiliki!" Ruft es noch einmal. Dann steckt eine ältere Frau den Kopf durch die Tür. Die beiden wechseln einige Worte auf Griechisch, und Vassiliki Iliopoulou, die Leiterin der Apotheke, lacht laut und herzerfrischend. "Rund 100.000 Packungen im Monat", übersetzt Vichas. 100.000?! "Ja!", sagt Iliopoulou und lacht noch einmal. Ein Lachen, das überraschend positiv klingt. Ein Lachen aus dem Kraftzentrum einer beispiellosen Solidarität, die überall in Griechenland entstanden ist.