Fünfte Etage eines Pariser Stadthauses der Belle Époque. Madame empfängt an der Tür: weiße, schulterlange Haare, leuchtend blaue Augen, ungeschminkt, in einem dunkelblauen Polokleid. "Ausgerechnet den heißesten Tag haben Sie sich ausgesucht, um mich zu besuchen. Aber wir werden ein kühles Plätzchen finden", sagt sie. Élisabeth Badinter gehört zu den reichsten Frauen Frankreichs, ist Bestsellerautorin und eine der wichtigsten Feministinnen des Landes. Das kühle Plätzchen wird das Büro ihres Mannes sein: 50 Quadratmeter groß, grüner Teppichboden, bis an die Decke reichende Bücherregale aus dunklem Holz, ein Marmortisch und bodentiefe Fenster, mit Blick auf die Baumwipfel eines Parks.

ZEIT Wissen: Was ist Liebe, Madame Badinter?

Élisabeth Badinter: Liebe ist das Verlangen, mit dem anderen zusammen zu sein, ihn zu beschützen, von ihm beschützt zu werden. Das Verlangen, aus zweien zu einem zu werden.

ZEIT Wissen: Das ist die Liebe eines Liebespaares.

Badinter: Nein, das ist eine ganz allgemeine Definition der Liebe. Natürlich gibt es da Nuancen. Man hat nicht für jeden erotische Gefühle und nicht für jeden freundschaftliche. Aber trotzdem haben all die Formen der Liebe eines gemein: das Bedürfnis, mit dem, den man liebt, zusammen zu sein.

ZEIT Wissen: Wie unterscheidet sich die Mutterliebe?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/16.

Badinter: Auch auf diese Form passt die Beschreibung. Wenn Ihr Kind auf Sie zugelaufen kommt, lächeln Sie. Das fühlt sich ähnlich an, wie wenn Sie auf Ihren Partner warten: ein schönes Gefühl von Wärme. Die Mutterliebe ist vielleicht schwerer beschreibbar, weil sie sich so stark verändert. Was eine Mutter für ihr Neugeborenes empfindet, ist etwas anderes als das, was sie für ihr Kind im Grundschulalter empfindet oder wenn es Teenager ist oder erwachsen.

ZEIT Wissen: Ist eine Mutter stärker mit ihrem Kind verbunden als mit anderen Menschen?

Badinter: Nein, zumindest nicht automatisch. Tatsächlich kann sie häufig aber eine engere Bindung zu dem Kind aufbauen als zu anderen oder als der Vater zum Kind. Das passiert einfach, weil sie mehr Zeit mit dem Kind verbringt und deswegen mehr Möglichkeiten hat, Gefühle zu entwickeln. Es ist aber kulturell bedingt und nicht biologisch, wie es uns häufig suggeriert wird.

ZEIT Wissen: Gibt es die Mutterliebe überhaupt?

Badinter: Erstens gibt es nicht die Mutter, und zweitens gibt es nicht das Kind, deswegen kann es auch nicht die Mutterliebe geben. Genauso wenig wie Mutterinstinkte. Es gibt Mütter, die verschmelzen mit ihrem Kind, andere tun das aber nicht. Deswegen ist die eine keine schlechtere Mutter als die andere. Alle Mütter sind nur mittelmäßige Mütter. Weil sie Frauen, also Menschen sind. Und Menschen müssen nun mal mit dem leben, was ihnen selbst mitgegeben wurde, und sie können auch nur das weitergeben.

ZEIT Wissen: Trotzdem sind Mutter und Kind doch durch die Schwangerschaft auf besondere Weise verbunden.

Badinter: Heutzutage können die Frauen in der Regel selber entscheiden, ob sie ein Kind möchten oder nicht. Diese gewollte Schwangerschaft wird deshalb als etwas sehr Schönes empfunden. Ist es ja auch. Werden die Kinder aber nach der Geburt vertauscht, dann nimmt die Frau das Kind, das man ihr in den Arm gibt, als das ihre an. Weil die Schwangerschaft eben doch keine Bindung zu dem Kind herstellt.

ZEIT Wissen: Okay, dann aber das Stillen.

Badinter: Damit würden Sie sagen, dass eine Frau, die stillt, eine bessere Mutter ist als die Frau, die ihrem Kind die Flasche gibt. Das wollen Sie nicht ernsthaft sagen.

ZEIT Wissen: Es ist zumindest das, was in den Ratgebern steht: Stillen ist gut für die Gesundheit, für die Bindung an die Mutterund die Bindungsfähigkeit des Kindes überhaupt.

Badinter: Ja, ja. Ich weiß. Und dann gibt es da noch das Oxytocin, dieses Wunderhormon, das aus Mutter und Kind eine Einheit macht. Und dann werden die Tiere herangezogen, um den Frauen zu erzählen, wie ihre angeblich natürliche Bindung zum Kind auszusehen hat. Ja, Säugetiere versorgen ihren Nachwuchs mit Muttermilch. Aber wenn bei den Tiermüttern die Zitzen leer sind, dann ist das enge Verhältnis zu ihrem Nachwuchs auch passé. Die Übertragbarkeit des Modells hat ihre Grenzen. Wir sind eben keine Ziegen oder Hunde. Und außerdem ist meiner Meinung nach die Bindung gar nicht das Wichtigste, sondern genau das Gegenteil: die Distanz zwischen den Eltern und ihren Kindern.

ZEIT Wissen: Distanz ist wichtiger als Nähe?