Der Mensch hat Haare, bevor er auf die Welt kommt. In der zehnten Schwangerschaftswoche entwickeln sich bereits die Haarkeime, bis zum achten Monat wächst dem Embryo ein feiner Flaum. Am Tag der Geburt hat der Mensch pro Quadratzentimeter Haut rund 1.100 Follikel, aus denen Haare wachsen – doppelt so viele wie als Teenager, etwa viermal so viele wie als Erwachsener. Die meisten Kopfhaare haben übrigens Blonde.

Das Haar des Menschen ist eine Weiterentwicklung der Fisch- und Reptilienschuppen, von seiner Struktur und Form her ist es eng verwandt mit Schafswolle. Es besteht aus Abschnitten von Faserstrukturprotein, dem Haarkeratin. Dessen Moleküle hängen wie eine Kette aneinander, verklebt durch Schwefelbrücken. Der Durchmesser des Haares liegt bei rund 60 Mikrometern bei westeuropäischem und bis zu 125 Mikrometern bei asiatischem Haar. Am dicksten sind Haare in der Pubertät, danach nimmt der Durchmesser ab. Die Rinde des Haares – die Cuticula – besteht aus dachziegelartigen Zellen von rund 40 Mikrometern Dicke, den Schuppen. Die Oberfläche der Cuticula reflektiert einen Teil des auftreffenden Lichts, der Rest dringt ins Innere, wird dort teils absorbiert, teils gebrochen, teils wird das Licht zurückgeworfen. So entsteht Glanz.

Mit einer Geschwindigkeit von 0,3 Millimetern pro Tag schiebt sich das Haar aus dem Körper. Dabei wird es eingefärbt. Die jeweilige Farbe ergibt sich aus dem Mischungsverhältnis und der Intensität der Pigmentstoffe Eumelanin (Farbtöne von braun bis schwarz) und Phäomelanin (überwiegt in blonden und roten Haaren). Haare sind entweder pigmentiert oder weiß, die Illusion grauer Haare entsteht aus einem Mix von weißen und farbigen Haaren. Bis zu acht Jahre lang wächst ein Haar, dann stellt das produzierende Haarfollikel seine Arbeit ein, und das Haar fällt aus. Auf der Kopfhaut befinden sich bis zu 90 Prozent aller Haare in der Wachstumsphase, rund zehn Prozent der Follikel ruhen.

Ob jemand gelocktes oder glattes Haar hat, hängt von mehreren Faktoren ab. Von der inneren Struktur der Haare zum Beispiel (krauses Haar hat mehr Schwefelbrücken), aber auch vom Winkel, in dem sie aus dem Kopf herauswachsen. Vertikal bedeutet: eher glatt. Schräg heißt: eher lockig. Ebenso eine Rolle spielt die Form der Follikel. Sind sie rund, produzieren sie glatte Haare, je ovaler sie sind, desto lockiger wird das Haar.


Physikalisch gesehen ist jedes Haar ein elastischer Körper, das heißt: Es lässt sich durch Kraft verformen, und wenn die Kraft verschwindet, gewinnt es seine ursprüngliche Form zurück. Das ist praktisch – außer beim Versuch, Locken zu glätten. Zudem ist das Haar elastisch dehnbar, die Keratinkette kann auseinandergezogen werden. Natürlich nur, bis sie irgendwann reißt (wobei zuvor meist das Follikel sein Haar nicht mehr halten kann und es loslassen muss).

Haare entwickeln außerdem gerne ein Eigenleben: Elektrostatische Entladungen lassen das Kopfhaar in alle Richtungen abstehen. Besonders lebendig zeigt sich dabei frisch gewaschenes, glattes Haar. Gewellte oder lockige Haare sind stärker miteinander verflochten, sodass sie nicht so leicht Antennen bilden. Beim Kämmen ist der nötige Kraftaufwand bei glatten nassen Haaren größer als bei trockenem Haar, bei krausem Haar ist es umgekehrt. Überraschend: Im lockigen Haar gibt es nur halb so viele Knoten wie in glatten Haaren. Der Biophysiker Jean-Baptiste Masson von der französischen École polytechnique hat dazu in Friseursalons geforscht und Modellrechnungen durchgeführt. Er erklärt sich die Verknotungswahrscheinlichkeit durch den Winkel, mit dem Haare aufeinandertreffen – und der sei bei glatten Haaren im Durchschnitt größer, das Resultat: mehr Knoten.

Weniger gut erforscht sind komplexe Haarsysteme: Frisuren. Ein beliebtes Objekt ist der Pferdeschwanz. Da hat sich der Cambridge-Physiker Raymond Goldstein der Frage genähert, wann ein Zopf welche Form annimmt. Seine Gleichung berücksichtigt Elastizität und Lockigkeit sowie etwas, das der Forscher Rapunzel-Zahl nennt – das Verhältnis von Schwerkraft und Haarlänge. Haarforschungen wie diese werden unter anderem für Animationsfilme und Videospiele genutzt. In den neuen Spielen mit Lara Croft zum Beispiel wird jede ihrer Haarsträhnen als Kette mit Dutzenden Gliedern einzeln berechnet – und sieht so viel natürlicher aus.