Es hatte eine Weile gedauert, bis sich M. eingestand, dass sie ein Problem hatte. Zu lange, weiß sie heute. Probleme haben, das passte nicht zu ihr, Probleme hatten die anderen. Die gingen zur Psychotherapie, zum Yoga, heulten sich gegenseitig die Ohren voll. Lächerlich. Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz, hatte ihre Mutter immer gesagt, und damit war M. gut durchs Leben gekommen: Sie war erfolgreich im Job, hatte einen tollen Sohn, viele Freunde, eine große und schöne Wohnung, machte aufregende Reisen.

Erst als sie sich an dem einen Tag aus ihrem Büro zur Toilette schlich, absperrte, das Licht ausmachte und auf den Boden sank, um fünf Minuten zu schlafen, als sie am nächsten Tag heimlich in das Büro eines Kollegen ging, der gerade unterwegs war, um auf dessen Sofa für zehn Minuten ein Nickerchen zu machen, und irgendwann begann, abzupassen, wann die anderen zu Mittag aßen, um dann in der Tiefgarage in ihr Auto zu steigen, die Schlafbrille überzuziehen, den Wecker auf 20 Minuten zu stellen und hinterm Steuer in einen kurzen, aber tiefen Schlaf zu fallen – da wurde ihr klar: Irgendetwas stimmte nicht.

Am Abend legte sie ihr Handy neben das Bett, und als sie aufwachte und nicht mehr einschlief, tippte sie die Uhrzeit ein. Nach mehreren Wochen hatte sie eine Liste mit einer Zahl für jede Nacht: 3.13 Uhr. 3.38 Uhr. 4.15 Uhr. M. hatte nie länger als vier Stunden geschlafen.

Ein gesunder Erwachsener schläft in etwa eine von drei Stunden seines Lebens, um die sieben Stunden innerhalb eines Tages. Im Winter etwas mehr als im Sommer und im Alter weniger denn als junger Mensch. Die längste dokumentierte Periode, die ein Mensch ohne Schlaf durchhielt, sind elf Tage, genauer: 264 Stunden. Randy Gardner, damals 17-jährig, stellte diesen Rekord 1965 anlässlich einer Wissenschaftsveranstaltung auf.

Nach ihm versuchten immer wieder andere, länger als er die Augen nicht zu schließen, aber das Guinness Buch nimmt keine Rekorde im Wachbleiben mehr auf – wegen möglicher Gesundheitsschäden. Denn bei dauerhaft zu wenig Schlaf regeneriert sich der Körper nicht. Psychischer Dauerstress und Stoffwechselstörungen sind die Folge, der Körper altert vorzeitig. Im Extremfall stirbt er. Schlaf ist so existenziell wie Essen und Trinken, nicht ohne Grund ist sein Entzug eine Foltermethode. Randy Gardner soll zwar noch am zehnten Tag besser geflippert haben als der ihn begleitende Schlafforscher, ein Arzt diagnostizierte allerdings Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme, am Ende auch Paranoia und Halluzinationen.

Die meisten Menschen mit Schlafproblemen schlafen im Gegensatz zu Randy Gardner zwar, aber nicht genug oder nur schlecht. Sie liegen am Abend, am Morgen oder in der Nacht stundenlang wach. Andere knirschen, zappeln mit den Beinen oder schlafwandeln. Jede dritte Person in Deutschland wacht wie gerädert auf.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/16.

Für M. war Schlaf nie ein Thema gewesen. Als Kind hatte sie sich am Abend aufs Träumen gefreut. Erst die Gute-Nacht-Geschichte, dann das Träumen, so war das immer. Nachts erschienen ihr fantastische Wesen, ihre Träume waren intensiv. Am Morgen erzählte sie diese ihrer Mutter, später beschäftigte sie sich selbst ein wenig mit Traumdeutung, aber nie so, dass es ein großes Ding wurde. Im Studium lernte M. in den Nächten vor den Prüfungen, in anderen tanzte, jobbte, liebte sie – und holte sich danach den Schlaf, den sie brauchte. Ganz normal. Auch der erste Job mit Leistungsdruck, langen Arbeitszeiten, Auslandsreisen: kein Problem. Schlafen funktionierte so gut, dass sie nicht einmal bemerkte, wie es funktionierte. Sie beachtete es einfach nicht.

Meist beginnen Schlafprobleme mit einem konkreten Ereignis: einer schlimmen Diagnose, Liebeskummer, Problemen bei der Arbeit oder in der Familie, Geldsorgen, mit einer Phase der Unruhe. Bei M. kommt der unregelmäßige, leichte Schlaf mit der Geburt ihres Sohnes in ihr Leben. Das regelmäßige Aus-dem-Schlaf-gerissen-Werden durch das strampelnde oder schreiende Wesen neben sich im Bett. Der Druck, alles richtig entscheiden zu wollen. In den ersten Monaten holt sich ihr Körper den fehlenden Schlaf noch, sobald es geht, so wie früher. Babys schlafen zwar nicht unbedingt zu den für Erwachsene üblichen Stunden durch, aber sie schlafen insgesamt viel, um die 16 Stunden. M. schläft mit, wenn sie es nötig hat. Doch als der Alltag wieder voller wird, bleibt keine Zeit mehr für Schlafpausen.

Schlafmangel und Ringe unter den Augen gehören zum Elternsein dazu, denkt sie. Die anderen mit kleinen Kindern kennen das ja auch. Abends, wenn sie den Sohn ins Bett bringt, noch eine Geschichte vorliest, das Licht löscht und er sich an sie schmiegt, schläft M. mit ein. Schreckt dann ein paar Stunden später hoch, noch angezogen, steht auf, um wenigstens ein bisschen was von dem zu erledigen, was am Tag liegen geblieben ist: abspülen, Rechnungen begleichen, private E-Mails, solche Sachen. Zurück im Bett, versucht sie den nächsten Tag zu planen. Besser, damit ihr das nicht wieder passiert.