Langsam sinken die Stahlpoller des bewaffneten Grenzübergangs in die Fahrbahn hinab. Der VW-Bus rollt in eine Kontrollstation, eng umgeben von schweren Mauern. Zu sehen ist niemand, doch längst scannen britische Soldaten das Auto, linsen durch Sichtschlitze. Zwei Minuten lang passiert nichts. Die Stille ist beängstigend. Dann senken sich die Poller in der Ausfahrt. Ein Tor öffnet sich und entlässt den Wagen samt seinen Passagieren aus dem blutigen Nordirlandkonflikt in die beschauliche Republik Irland.

Tausende Tote hat der Konflikt in jenem Sommer 1992 bereits gefordert. Und dann, sechs Jahre später, fast 30 Jahre nachdem er begann: das Wunder. Im April 1998 schließen die paramilitärischen Verbände sowie die irische und die britische Regierung das Karfreitagsabkommen. Als der Autor Jahre später erneut über die Grenze fährt, erinnert nichts mehr an die traurige Zeit. Die Kontrollstationen sind abgebaut, über Hügeln und grünen Weiden liegt Frieden. Ein Frieden, den lange niemand für möglich gehalten hatte. Und heute? Erscheint der Nordirlandkonflikt unwirklich – wie viele nicht allzu lang vergangene Konflikte. Auch in Angola, Mosambik, Peru, Nicaragua, Kambodscha und Vietnam haben die Menschen ein Leben in Frieden zurückgewonnen.

Woanders wird noch gestorben. Aus dem Nahen Osten erreichen uns täglich Berichte über furchtbar brutale Schlachten. Dazu der Krieg der Drogenkartelle in Mexiko, die Kämpfe in der Ostukraine, der 20-jährige Bürgerkrieg im Ostkongo – man könnte glauben, die Menschheit habe nichts dazugelernt. Hat sie aber. Die Medienbilder dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich im letzten halben Jahrhundert etwas Außergewöhnliches ereignet hat: der sogenannte Lange Frieden. "Die Nachkriegsjahre sind mit Abstand die längste Phase des Friedens zwischen den Großmächten, seit diese vor 500 Jahren entstanden", schreibt Steven Pinker in seinem Werk Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Die epischen Schlachten zwischen den Mächtigen dieses Planeten sind Vergangenheit.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/16.

Zwar muss man sagen, dass der Lange Frieden zuerst ein europäischer ist. Mit wenigen regionalen Ausnahmen gab es seit dem Zweiten Weltkrieg auf diesem Kontinent keinen Krieg mehr. Aber auch auf der restlichen Welt hat sich in dieser Epoche einiges verändert, was hoffen lässt. Dass Menschen trunken vor Kriegsbegeisterung durch die Straßen ziehen wie noch 1914, mutet heute absurd an. Am Vorabend des zweiten Irakkriegs gingen im Februar 2003 weltweit Millionen Menschen für den Frieden auf die Straßen. Auch dass ein Staat einen anderen überfällt und besetzt, um sich zu vergrößern, ist äußerst unwahrscheinlich geworden. Zuletzt versuchte das 1991 der Irak unter Saddam Hussein, seine Soldaten fielen in Kuwait ein. Mit den Vereinten Nationen (UN) hat sich eine internationale Ordnung verfestigt, in der der klassische Krieg als "bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", wie es Carl von Clausewitz 1832 formulierte, nicht mehr akzeptiert wird. Anders als ihr gescheiterter Vorläufer, der Völkerbund, existieren die United Nations nunmehr seit 71 Jahren. Und anders, als viele glauben, sind sie keineswegs ein Papiertiger, sondern haben, oft im Hintergrund, entscheidend daran mitgewirkt, militärische Konflikte zu beenden. Wie zum Beispiel den Iran-Irak-Krieg 1988.

Vor allem aber haben Diplomatie und Konfliktforschung Werkzeuge entwickelt, um Frieden zu schaffen. "Diese Werkzeuge sind das friedliche Gegenstück zu den Werkzeugen des Militärs", sagt Dan Smith, Direktor des Stockholm International Peace Research Institute (Sipri). "Wir wissen heute, was zu tun ist, wenn wir die Gelegenheit bekommen – auch wenn wir gerne noch öfter die Gelegenheit hätten."

Zu den Instrumenten gehören Kommissionen der Versöhnung sowie Verhandlungsrunden, in denen die Konfliktparteien einander auf Augenhöhe begegnen. Die Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Gruppen kann helfen, die Idee des Friedens in den Alltag zu transportieren, und wenn alle Konfliktparteien repräsentiert sind, nützt das beim Aufbau einer Nachkriegsordnung. Diese Werkzeuge haben bereits geholfen, Konflikte zu beenden, wie in Nordirland; sie haben auch geholfen, Bürgerkriege zu verhindern wie in Südafrika, das nach dem offiziellen Ende der Apartheid einem Pulverfass glich.

Selbsternannten Realisten erscheint die Zuversicht, die Welt könnte ein besserer Ort werden, blauäugig. Der Philosoph und Mediziner Giovanni Maio entgegnet ihnen: "Derjenige, der aufgibt, nimmt sich die Freiheit, die Zukunft zu gestalten." Wer die Hoffnung nicht aufgebe, sei der eigentliche Gestalter der Zukunft, sagt er. Weil er nicht an einen unveränderlichen Lauf der Dinge glaube und die Zukunft als prinzipiell offen ansehe.

Wie offen die Zukunft sein kann, zeigt der Lange Frieden. Für Steven Pinker ist er das Ergebnis eines Zivilisationsprozesses, der mit der europäischen Neuzeit einsetzte. Hatten Verstümmelungen, Folter und Krieg zuvor so selbstverständlich zum Leben gehört wie die Jahreszeiten, nahmen bereits ab dem 17. Jahrhundert die Zweifel zu, ob die alltäglich erscheinenden Gräuel vernünftig zu begründen seien. Denker entdeckten den Wert des menschlichen Lebens, das in der christlichen Welt des Mittelalters nichts gegolten hatte, weil die Erlösung der Seele erst nach dem Tod wartete. Der italienische Rechtsphilosoph Cesare Beccaria formulierte 1764 erstmals den Anspruch an die Zivilisation, "das größtmögliche Glück für die größte Zahl von Menschen" zu ermöglichen. Zu diesem Anspruch gehörte für ihn ein humanes Strafrecht, das auf eine entwürdigende, grausame Behandlung verzichtet. Andere Denker jener Zeit begannen, auch den Krieg als irrational darzustellen. Handel sei weitaus geeigneter, Wohlstand zu mehren, als kostspielige und aufwendige Feldzüge, argumentierten der Staatstheoretiker Montesquieu oder Adam Smith, der Begründer der Nationalökonomie.

Heute rächt sich die laxe Politik

Doch nicht nur in den großen Köpfen hatte sich das Denken erneuert, auch in zahlreichen anderen. Dahinter steckte eine epochale Erfindung: der Buchdruck. "Mir scheint der Aufschwung von Lesen und Schreiben der beste Kandidat für einen äußeren Wandel zu sein, der dazu beitrug, die Humanitäre Revolution in Gang zu setzen", schreibt Pinker. Indem die Menschen sich in Romane und Erzählungen vertieften, lernten sie, die Welt auch mit anderen Augen zu sehen – denen ihrer Zeitgenossen, die genauso liebten und litten wie sie. Sich in einen Mitmenschen hineinzuversetzen ist eine Grundvoraussetzung für Empathie.

Den entscheidenden Schritt hin zur Möglichkeit eines langen Friedens tat 1794 Immanuel Kant. Der Königsberger Philosoph lotete in seiner Schrift Zum ewigen Frieden zum ersten Mal systematisch aus, welche Voraussetzungen dieser hat. Der entscheidende Gedanke darin: Ein republikanischer Staat – heute würde man Demokratie sagen – ist die wichtigste Vorkehrung gegen die Kriegslust. Kriegslust ging in der Geschichte immer von Despoten und Alleinherrschern aus. Wenn all die Menschen, die seit je den Krieg tragen und ertragen mussten, über ihn entscheiden können, so Kant, werden sie sich dagegen entscheiden. Ein zweiter wichtiger Gedanke: Ein Friedensschluss sollte so ausgewogen sein, dass auf keiner Seite Rachegelüste entstehen können. Wie recht Kant damit hatte, zeigte später der Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg. Es heißt, dass auch die Verbitterung über die harten Auflagen dieses Vertrages die Verlierer, die Deutschen, in die Hände Hitlers getrieben habe. Und damit in den nächsten Krieg. Und das, obwohl bereits der Erste Weltkrieg und der sinnlose Tod von Millionen einen Schock ausgelöst hatten, der den Krieg als unmoralisch, abstoßend und unzivilisiert erscheinen ließ.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich der Common Sense gefestigt, dass Krieg abstoßend und barbarisch ist. Die Forschung hat eine weitere Erkenntnis hinzugewonnen. "Dauerhafter Weltfrieden ist nicht mehr vorstellbar als Rückkehr zu einem ursprünglichen Zustand der Menschheit und der menschlichen Natur", fasst sie der Mannheimer Politikwissenschaftler und Historiker Egbert Jahn zusammen. Jean-Jacques Rousseau, ein weiterer Geistesriese der Aufklärung, hatte noch geglaubt, der Mensch sei von Natur aus friedlich und erst von der Zivilisation zum kriegerischen Barbaren verdorben worden. Anthropologen, Primatenforscher, Historiker haben diesen Glauben widerlegt: Der Mensch ist zwar nicht "böse", neigt aber in Gruppen zu Gewalt gegen andere. Der Frieden als das Ende aller Kriege muss also erst noch erfunden werden.

Viele, von Helfern bis zu Diplomaten, haben sich in den letzten Jahrzehnten der Suche nach dieser Erfindung verschrieben. Haben sich durch Rückschläge, wenn doch wieder die Granaten donnerten und die Maschinengewehre ratterten, nicht entmutigen lassen. Sind zuversichtlich geblieben, dass Vernunft und Empathie die Oberhand gewinnen werden. Hartnäckig zeichnen sie weiter an den Umrissen dessen, was einmal Kants ewiger Frieden werden könnte.

Dass die Heere verschiedener Nationen gegeneinander antreten wie in Handyspielen, ist unwahrscheinlicher geworden. Der Krieg verändert jedoch seit einiger Zeit sein Gesicht: hin zu vertrackten innerstaatlichen Kämpfen, in denen wie in Syrien Guerillagruppen und Kampfeinheiten fremder Staaten mitmischen. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatte die Zahl der Bürgerkriege zunächst abgenommen. "Seit 2010 gibt es aber eine merkliche Verschlechterung", stellt Sipri-Direktor Dan Smith fest. Es sei im Moment schwer einzuschätzen, ob diese Verschlechterung eine neue, ungute Entwicklung einleite oder nur eine Unterbrechung auf dem Weg zu einer friedlicheren Welt sei.

Zeit für eine Bestandsaufnahme: Was sind die Hindernisse auf dem Weg zum Frieden? Eines der größten ist der internationale Waffenhandel. Wenn etwa in den Ruinen von Aleppo geschossen wird, sind womöglich auch Waffen aus deutscher Bauart dabei. "G3-Gewehre werden Sie selbst bei der Hisbollah finden", sagt Max Mutschler vom Bonn International Center for Conversion. Das liegt nicht nur daran, dass bundesdeutsche Rüstungsunternehmen noch immer ein Drittel ihrer Produkte in den Nahen Osten exportieren. Heute rächt sich auch die laxe Politik früherer Jahrzehnte. In den sechziger Jahren vergab die damalige Bundesregierung Produktionslizenzen für das Sturmgewehr G3 an den Iran und Saudi-Arabien, die es seitdem nachbauen dürfen. Und Frankreich lieferte in den Siebzigern Hubschrauber und Panzerabwehrraketen nach Syrien, mit denen das Assad-Regime heute auch die eigene Bevölkerung angreift.

Mediation, bevor der Krieg ausbricht

Ein Grund zur Resignation ist dies jedoch nicht: "Wir haben mit dem Vertrag über den Waffenhandel, dem ATT, zum ersten Mal in der Geschichte ein völkerrechtliches Regelwerk, das die Ambition hat, den internationalen Waffenhandel zu regulieren", sagt Mutschler. Der ATT trat, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, 2014 in Kraft. Er soll Waffenexporte und -importe transparent machen und sicherstellen, dass keine Waffen für Menschenrechtsverletzungen genutzt werden. 134 Staaten haben den Vertrag unterzeichnet, 87 haben ihn ratifiziert und wenden ihn an. Auch wenn die Bestimmungen noch "sehr vage formuliert" sind, wie Mutschler anmerkt, und es noch keine Institution gibt, die die Einhaltung kontrolliert, ist er bemerkenswert: Es waren Nichtregierungsorganisationen, die ihn anregten. Längst sind es nicht mehr nur Staaten, die den Weg zu mehr Frieden prägen.

Im Hintergrund gibt es ein weiteres Erbe des Kalten Krieges, das derzeit kaum noch die Gemüter beunruhigt: nukleare Waffen. "Während des Kalten Krieges war die Gefahr eines Atomkriegs tatsächlich akut und die Situation für Europa weitaus schlimmer", sagt Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg. Ausruhen dürfe man sich darauf aber nicht. Einen Atomkrieg "aus Versehen" hält Neuneck immer noch für möglich. Zudem haben die Spannungen zwischen Russland und der Nato wieder zugenommen. Die beiden halten zusammen 95 Prozent aller nuklearen Sprengköpfe. Und: "Alle großen Atommächte modernisieren zurzeit ihre nuklearen Waffensysteme", sagt Neuneck. "Man muss die Parteien dringend durch präventive Diplomatie wieder an einen Tisch bekommen." Neuneck ist Mitglied der Deep Cuts Commission, zu der je sieben renommierte Nuklearwaffen-Experten aus den USA, aus Deutschland und Russland gehören. Seit drei Jahren versucht die Kommission, die Nato und Russland von einer nuklearen Abrüstung zu überzeugen. Eine ihrer Empfehlungen: wieder so etwas wie ein Rotes Telefon einzurichten, zwischen Washington, Moskau und dem Nato-Hauptquartier.

Die neuen innerstaatlichen Kriege können nicht militärisch gelöst werden

Diplomatie erscheint vielen Menschen als unverbindliches Geschwätz. Angesichts des langen Leidens in Syrien erschallt immer wieder der Ruf: "Tut doch etwas!" Gemeint ist oft: Schickt Truppen in die Wüste. Jochen Hippler vom Institut für Entwicklung und Frieden findet solche Rufe "hilflos und ärgerlich". Es gehe nicht darum, irgendetwas zu tun, sondern etwas, das tatsächlich helfe. "Die neuen innerstaatlichen Kriege können nicht militärisch gelöst werden", sagt Hippler. Der Krieg müsse aus den Köpfen raus. Für Hippler führt kein Weg daran vorbei, dass in einem Konfliktgebiet ein von der Bevölkerung akzeptierter Staat neu aufgebaut werden muss. Und in dem sollte nicht nur die Verwaltung funktionieren – "der Staat darf von der Bevölkerung vor allem nicht als Räuberbande wahrgenommen werden, die sich bereichert", so Hippler. Eine parlamentarische Demokratie nach westlichem Vorbild muss es nicht zwingend sein.

Für die britische Psychotherapeutin Gabrielle Rifkind sind weitere Eigenschaften friedensstiftend: Geduld haben, zuhören können, Empathie. Anfang der nuller Jahre wurde sie Mitglied der Oxford Research Group und vermittelte zum Beispiel im Konflikt zwischen der palästinensischen Hamas und Israel. Sie setzt auf Erfahrungen aus der zwischenmenschlichen Mediation und ist überzeugt, dass diese sich auch auf verfeindete Gruppen und Staaten anwenden lassen. "Um einen Konflikt zu knacken, ist es wichtig, herauszufinden, wie verschiedene Gruppen seine Entstehung begreifen, welcher Natur er ist", sagt Rifkind, "und zu verstehen, dass jede Seite eine andere Geschichte erzählt."

Viele Taliban in Afghanistan beispielsweise sind Kriegswaisen, die nach dem Tod ihrer Eltern in Koranschulen aufgezogen wurden. Dort hatten sie so gut wie keinen Kontakt zu Frauen. "Das wiederum begünstigte einen Hass auf und Angst vor Frauen", sagt Rifkind. In der dritten Generation noch könnten kriegsbedingte Traumatisierungen nachwirken. Klassische politische Verhandlungen lösen diese kaum auf. Rifkind plädiert für ein ganz neues Friedensinstrument: eine United Nations Mediation Unit. Die bestünde aus kleinen, flexiblen Teams, die hinter den Kulissen der Weltpolitik psychotherapeutische Arbeit leisten und die ganz dicken Brocken auf dem Weg zum Frieden beiseiteräumen.

Dabei müssen die Mediatoren auch dafür sorgen, dass sich Misstrauen und Hass der Konfliktparteien eingrenzen lassen. Wie das praktisch aussehen kann, zeigen die nordirischen Friedensverhandlungen in den neunziger Jahren. In deren Verlauf flogen die Delegationen der proirischen Sinn Féin und der probritischen Unionisten nach Südafrika, um vom dortigen Versöhnungsprozess zu lernen. Wie die Komitees dort Menschenrechtsverletzungen aufarbeiteten, Opfer rehabilitierten, aber auch über Amnestien für Täter entschieden. Die negativen Emotionen glühten derzeit noch derart, dass es unmöglich war, die beiden Delegationen auch nur im selben Hotelaufzug fahren zu lassen. Sie wurden also in unterschiedlichen Hotels untergebracht und mit getrennten Bussen zu den gemeinsamen Terminen gebracht. Erst allmählich näherten sie sich so weit, dass sie sich schließlich auf das Karfreitagsabkommen einigten.

Im Idealfall startet eine solche Mediation, bevor ein Konflikt ausbricht. In der Ukraine hätte man damit schon vor fünf Jahren beginnen sollen, sagt Rifkind. Auch der Krieg in Syrien hätte nicht ausbrechen müssen, wenn ein internationales Frühwarnsystem nach den ersten Unruhen 2011 eine Vermittlung empfohlen hätte.

Die Menschheit hat viele Lektionen gelernt

Ein Instrument dafür hätte die Spieltheorie sein können. Sie fragt: Um welchen Preis könnten die Konfliktparteien bereit sein, Frieden zu akzeptieren oder einen Krieg zu beginnen? Welche Strategie würde dazu am besten passen? Spieltheoretiker bringen die verschiedenen Optionen in eine Reihenfolge und stellen sie paarweise in Beziehung zueinander, um den wahrscheinlichsten Ausgang der Krise zu ermitteln. Der Ökonom Jack Hirshleifer hat dies einmal für die Krise von 1938 getan, als Hitler-Deutschland sich das Sudetenland einverleiben wollte und Großbritannien schließlich nachgab. Sie gilt als Schlüsselmoment auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg. Viele Historiker haben sich gefragt, ob dieser verhindert worden wäre, wenn der britische Premier Chamberlain und sein französischer Kollege Daladier standhaft geblieben wären. Hirshleifer kam zu dem Ergebnis, dass in vier von fünf Szenarien Widerstand gegen Hitler besser gewesen wäre als die Appeasement-Politik der Alliierten.

"Hin und wieder lohnt es sich, einen Konflikt spieltheoretisch zu modellieren", sagt der Bonner Spieltheoretiker Benny Moldovanu. Insgesamt aber sei die Welt zu komplex, um sich darauf verlassen zu können. Hirshleifers Analyse ergibt im Nachhinein Sinn; dass sie 1938 mit den Informationen, die die Alliierten hatten, möglich gewesen wäre, ist zu bezweifeln. Auch wenn Spieltheoretiker immer wieder als Sicherheitsberater wirken – eine Formel, einen Algorithmus für den Frieden haben auch sie nicht.

Anthropologie und Hirnforschung können allerdings bei der Frage helfen, wie aggressiven, gar kriegsbereiten Potentaten zu begegnen wäre: Macht führt dazu, dass der Körper mehr Testosteron und Dopamin ausschüttet, hat Ian Robertson, Psychologe am Trinity College Dublin, festgestellt. Er untersucht das Phänomen der Macht seit Jahren. "Macht auszuüben wirkt auf dieselbe Hirnregion wie Kokain. Und sie macht genauso süchtig", sagt Robertson. Das verändert die Wahrnehmung bei den Mächtigen mit autoritären Charakterzügen: Ihr Ego wird größer, dessen Verletzlichkeit allerdings auch. "Das Schlimmste, was Sie machen können, ist deshalb, aggressive Machthaber zu beschwichtigen. Sie müssen sie mit Bestimmtheit zurückweisen und Einschränkungen androhen, denn sie verachten jede Form von Schwäche", sagt er. Verkneifen sollte man sich zudem Hohn und Spott, um die fragilen Egos der Potentaten nicht zu impulsiven, irrationalen Taten zu verleiten. Ob Staatslenker das Zeug zum Despoten und Kriegstreiber haben, lässt sich laut Robertson mit einer Persönlichkeitsanalyse herausfinden. Nichtautoritäre Charaktere lassen in Reden Zweifel durchscheinen, benutzen verneinende Formulierungen wie "sollte nicht". Autoritären Charakteren sind solche Relativierungen fremd. "Trump zum Beispiel", sagt Robertson, "ist absolut anfällig dafür, ein Diktator zu werden."

Die Aussicht auf einen US-Präsidenten Donald Trump mag beunruhigend sein, der Krieg im Nahen Osten unerträglich, der jüngste Atomtest Nordkoreas beängstigend. Und doch stehen wir am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mit leeren Händen da. Die Menschheit sehnt sich nicht nur nach Frieden, sie hat auch viele Lektionen gelernt, wie Frieden gestiftet werden kann. 1969 sang John Lennon Give Peace a Chance – es ist diese Hoffnung, die Menschen antreibt, das scheinbar Unmögliche zu wagen. Die inmitten des kriegerischen Wahnsinns von Syrien oder dem Ostkongo unermüdlich versuchen, einen Waffenstillstand zu vermitteln, erbitterte Gegner miteinander ins Gespräch zu bringen. Nicht nur in den Hinterzimmern der Weltpolitik, sondern direkt in den Städten und Dörfern, in denen der Krieg noch tobt. "Ich bewundere diese Menschen", sagt Sipri-Direktor Dan Smith. Vielleicht ist es an der Zeit, gerade ihnen, die nie den Friedensnobelpreis bekommen werden, Denkmäler zu setzen. Ein "Denkmal des unbekannten Friedensarbeiters" würde uns jeden Tag daran erinnern, dass Frieden möglich ist – und es gute Gründe gibt, zuversichtlich zu sein.