Von November bis Januar geht die Sonne im norwegischen Tromsø nie richtig auf, die Polarnacht hat die 300 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegene Stadt fest im Griff. Danach werden die Tage nur langsam wieder länger, bis die Mitternachtssonne den Himmel erobert und ihn von Mai bis Juli für sich beansprucht; aus sehr dunkel ist es jetzt im Sommer, wo ich meine Erfahrungen niederschreibe, sehr hell geworden. Bald werden die Tage wieder kürzer, bis die Polarnacht zurückkehrt und der Zyklus von vorn beginnt.

Viele Freunde konnten nicht verstehen, wieso ich gerade nach Tromsø ziehen wollte. "Ich könnte niemals dort leben", war der häufigste Satz, den ich zu hören bekam. "Dieser Winter würde mich depressiv machen", fügten viele hinzu, oder: "Ich werde so müde, wenn es draußen dunkel ist." Dabei war es die Polarnacht, die mich überhaupt nach Tromsø zog. Trotz Tromsøs langwährender Dunkelperioden hatten Studien ergeben, dass die Bewohner der Stadt weniger häufig an Winterdepressionen leiden, als die langen Winter und der hohe Breitengrad es vermuten lassen.

Tromsø liegt auf 69 Grad nördlicher Breite – und tatsächlich ist die Häufigkeit der subjektiv wahrgenommenen Depressionen dort im Winter ebenso hoch wie in Montgomery County im amerikanischen Maryland bei 41 Grad nördlicher Breite (was dem Breitengrad Spaniens entspricht). Während Psychologen noch darüber diskutieren, wie man eine Winterdepression am besten identifizieren und diagnostizieren kann, liegt eines auf der Hand: Die Einwohner Nordnorwegens scheinen einen Großteil der winterlichen Verdrießlichkeit vermeiden zu können, die andernorts herrscht – das heißt paradoxerweise: auch in wärmeren, helleren, südlicher gelegenen Regionen.

Zum ersten Mal habe ich von Tromsø gehört, als ich im Anschluss an mein Studium nach einer Forschungsmöglichkeit suchte, bevor ich mich für ein weiterführendes Studium in Sozialer Psychologie bewerben wollte. Ich stolperte über die Forschungsergebnisse von Joar Vittersø, einem Psychologen der Universität Tromsø, der sich mit den Themen Glück, Selbstverwirklichung, Lebensqualität beschäftigte.

Ich erfuhr, dass die Universität von Tromsø die am nördlichsten gelegene Universität der Welt ist. Und dass sie Wissenschaftlern für psychologische Studien ein einzigartiges Forschungsobjekt bietet: die heimische Bevölkerung. Wie schaffen es die Nordnorweger, sich vor den psychologischen Untiefen der kalten Jahreszeit zu schützen? Können diese Strategien identifiziert und möglicherweise andernorts mit demselben Effekt eingesetzt werden? Einige Monate nach unserer ersten Begegnung erklärte sich Vittersø bereit, mich als Mentor bei einem Forschungsprojekt zu begleiten, welches genau diese Frage klären sollte. Ein Jahr später bestieg ich ein Flugzeug in Richtung Norwegen. Die Zeit der Mitternachtssonne war gerade zu Ende gegangen, als ich im August in Tromsø ankam. Nachts wurde der Himmel nur ein, zwei Stunden dunkel, und die Polarnacht lag noch drei Monate entfernt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Saison 1/16.

Tromsø ist eine winzige Insel, in etwa so groß wie Manhattan, sie beherbergt gut 70.000 Einwohner und ist damit die zweitgrößte Stadt nördlich des Polarkreises (die größte ist Murmansk in Russland), der Arktische Rat hat dort seinen Sitz. Es gibt alles, was man braucht: ein Einkaufszentrum, drei große Einkaufsstraßen und einige Kinos, aber nichts "extra" – Tromsø wirkt eher wie ein Vorort als eine Stadt. Von allen Seiten von Bergen und Fjorden umgeben, fühlt es sich außerdem isoliert und wild an.

Tromsø gefiel mir schnell. Es ist eine kleine Stadt, trotzdem gibt es erstaunlich viele Festivals, kulturelle Events und Feierlichkeiten. Auf der größten Flaniermeile der Stadt wimmelt es jeden Tag vor Menschen, außer am Sonntag, wenn die meisten Läden geschlossen sind, dafür aber besonders samstags und nach zwei Uhr morgens am Wochenende.

Ich machte es mir in einer Studenten-WG mit grandiosem Ausblick auf den Fjord und mit drei norwegischen Mitbewohnern gemütlich und begann damit, mich in Tromsø einzuleben. Norwegisch lernte ich nur, um Lebensmittel im Supermarkt identifizieren zu können – fast jeder Norweger spricht Englisch.

Schon bald entwickelte ich eine gewisse Routine: Unter der Woche arbeitete ich an meiner Forschung sowie an Universitätsbewerbungen, die Wochenenden verbrachte ich in der Natur und bei geselligen Koch-Abenden. In den folgenden Monaten schufen Vittersø und ich die Grundlage für unsere Studie, indem wir die Hintergrundanalysen vertieften, die ich vor meinem Umzug nach Tromsø begonnen hatte. Außerdem berieten wir über die Fragen, die wir stellen würden, wir rekrutierten Teilnehmer und testeten die Internet-Plattform, über die wir unsere Umfrage verbreiten wollten.

In Tromsø galt der Winter als etwas, das man genießen konnte und nicht ertragen musste

Während ich mich langsam an meine neue Umgebung gewöhnte, entdeckte ich einen weiteren Vorteil meines Forschungsthemas: Fast jeder, mit dem ich sprach – ob nun bei Alltagsunterhaltungen, auf Partys oder beim Mittagessen mit der Psychologie-Abteilung der Universität –, hatte eine eigene Theorie, warum die Stadt während der Polarnacht so florierte. Einige schworen auf Lebertran, andere erzählten, sie würden bestimmte Lampen verwenden, die das Sonnenlicht imitieren sollen, indem sie morgens langsam immer heller werden. Wieder andere führten ihr winterliches Wohlbefinden auf ihre gute soziale Vernetzung und Einbindung in die Gesellschaft zurück, auf Tromsøs Festival-Reichtum oder ihre täglichen Skiausflüge.

Die meisten Einwohner allerdings fanden ganz einfach, die Polarnacht sei "keine so große Sache". Einige freuten sich gar auf die anstehende Jahreszeit und die mannigfaltigen Ski-Aktivitäten, die diese mit sich bringen würde. Trotzdem dauerte es bis Oktober (zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits einige Monate an dem Projekt gearbeitet), bis mir dämmerte, dass ich vielleicht nicht die richtigen Fragen stellte. Der erleuchtende Moment ereignete sich bei einer Unterhaltung mit meiner Freundin Fern, einer Australierin, die seit fünf Jahren in Tromsø lebte. Sie fragte mich, wie lange ich noch bleiben würde. Und obwohl mein Forschungsaufenthalt offiziell bereits im Mai endete, hoffte ich, noch bis zum Sommer bleiben zu können (Tromsø hat zwei Jahreszeiten: einen langen Winter und einen sehr kurzen Sommer, der zwischen Mai und Juni, der Saison der Mitternachtssonne, quasi über Nacht beginnt).

"Es wäre eine Schande, den Winter zu überstehen, nur um dann die schönste Jahreszeit zu verpassen", sagte ich. Ohne zu zögern, antwortete Fern: "Ich würde den Sommer nicht unbedingt als die schönste Jahreszeit bezeichnen." Ferns Kommentar brachte mich dazu, unseren Studien-Fragebogen mit neu gewonnener Klarheit zu betrachten.

Ich erkannte, dass ich bei meinem ursprünglichen Forschungsantrag mit einer grundlegenden Annahme daneben gelegenen hatte: In Tromsø galt der Winter als etwas, das man genießen konnte und nicht ertragen musste. Meine einheimischen Freunde behaupteten, der Winter würde voller Schnee, Skifahren und Nordlichter und überaus koselig sein, das norwegische Wort für "gemütlich".

Als der November kam, waren Cafés und Restaurants, die heimischen Wohnzimmer und sogar der Arbeitsplatz von Kerzen erleuchtet. Im Laufe der folgenden Monate konnte ich mit eigenen, staunenden Augen sehen, dass die Polarnacht keineswegs absolute Dunkelheit bedeutete, sondern vielmehr eine Zeit voller bunter Farben und weichem, indirektem Licht war. Selbst während der dunkelsten Perioden gab es für einige Stunden etwas Licht, wenn die Sonne eben so unter dem Horizont hervorblinzelte, aber nie richtig aufging. An den längeren "Tagen" der Polarnacht, im November und Januar, ist der Himmel bis zu sechs Stunden von den Farben des Sonnenauf- oder -untergangs erfüllt.

Mir war nun klar, dass meine ursprüngliche Umfrage von meiner eigenen kulturell-bedingten Perspektive gefärbt gewesen war: In New Jersey, in den Staaten, wo ich aufgewachsen bin, freut sich niemand auf den Winter, ich inklusive. Erfahrungsgemäß versuchen die Menschen, einfach nur die Dunkelheit des Winters zu überstehen, während sie auf hellere, fröhlichere Jahreszeiten warten. In Tromsø hingegen schien die Polarnacht ein besonderes Potenzial zur geistigen und emotionalen Entfaltung zu bieten.

Etwa um diese Zeit flog ich wegen einer Konferenz und eines Besuchs der Stanford University zurück in die USA. In Stanford traf ich die Psychologie-Professorin Alia Crum. Crum beschäftigte sich in ihrer Forschung mit subjektiven Selbstbildern, mit mindsets, die sie als "Filter" definiert, "durch die Informationen wahrgenommen, organisiert und interpretiert werden". Als wir uns über ihre Forschung und meine Studien in Norwegen unterhielten, merkte Crum an, das solcherart Selbstbilder auch eine Rolle bei der positiven Einstellung der Einwohner von Tromsø zum Winter spielen könnten.

Alia Crums Forschungen basieren auf den Erkenntnissen der Psychologin Carol Dweck, die sich ebenfalls mit dem psychologischen Konzept von mindsets beschäftigte. In ihrem Buch Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt analysiert Dweck, wie ein dynamisches Selbstbild – der Glaube daran, dass Intelligenz und Talent Eigenschaften sind, die durch anhaltende Bemühungen trainiert werden können – größeren Erfolg bringt als ein statisches Selbstbild, also der Glaube daran, dass individuelle Qualitäten angeboren und unveränderlich sind. Menschen mit einem statischen Selbstbild, schreibt sie, verstünden Feedback meist nicht als Möglichkeit, etwas zu lernen, und fühlten sich von Kritik häufig persönlich angegriffen. Diejenigen hingegen, die ein dynamisches Selbstbild besitzen, seien eher gewillt, aus ihren Fehlern zu lernen, Risiken einzugehen und sich selbst zu verbessern. Dweck postulierte, es sei durchaus möglich, von einem statischen zu einem dynamischen Selbstbild zu wechseln – ein mittlerweile weitgehend akzeptierter Gedanke.

Alia Crums Arbeit beinhaltet auch die Untersuchung, inwieweit das Selbstbild nicht nur Leistung und Erfolg beeinflusst, sondern auch die Gesundheit. In einer ihrer Studien konnte sie nachweisen, dass Menschen, die Stress als antreibend (also nicht als einschränkend) empfanden, niedrigere Level des Stresshormons Cortisol aufwiesen. Eine Gewichtsreduktion und eine Besserung der Blutdruckwerte konnte in einer anderen Studie bei Hotelangestellten beobachtet werden, die das Reinigen der Zimmer als gutes körperliches Training betrachteten und nicht nur schlicht als Arbeit. Alia Crums Ergebnisse zeigen, dass solche "Selbstbilder" nicht nur statisch oder dynamisch sind, sondern auch konstruktiv oder destruktiv sein können. Dies brachte mich auf die Frage: Können wir eine positive oder negative Denkweise über den Winter messen? Und hat das Selbstbild der Einwohner von Tromsø vielleicht etwas mit ihrer Zufriedenheit während der Polarnacht zu tun?

Mit der richtigen Einstellung ist es ganz leicht, die Polarnacht zu lieben

Auf der Basis von Crums stress mindset measure, einem Fragebogen, der zur Bestimmung der Einstellung gegenüber Stress erstellt worden war, entwickelten Vittersø und ich eine wintertime mindset scale, eine "Wie hältst du es mit dem Winter?"-Skala quasi. Anhand der zehn Abstufungen umfassenden Tabelle konnten Befragte angeben, wie sehr sie Aussagen zustimmen wie "Es gibt viele Aspekte am Winter, an denen man sich erfreuen kann" oder "Ich finde die Wintermonate dunkel und deprimierend".

238 zufällig ausgewählte erwachsene Norwegerinnen und Norweger beantworteten unsere Online-Umfrage. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass der wintertime mindset, die Einstellung zum Winter also, tatsächlich die geistige Gesundheit und das Wohlbefinden der Einwohner Nordnorwegens beeinflussen. Die Werte der wintertime mindset scale bestätigten die Ergebnisse anderer Tests, die das Wohlempfinden zu messen versuchen. Zum Beispiel die "Zufriedenheit mit dem eigenen Leben"-Skala (satisfaction with life scale), mit der die generelle Lebenszufriedenheit gemessen wird. Oder dem personal growth composite, einem Fragebogen, der die Offenheit gegenüber neuen Herausforderungen misst. In anderen Worten: Die Menschen mit einem positiven Verhältnis dem Winter gegenüber waren häufig dieselben, die mit ihrem Leben sehr zufrieden waren und sich selbst verwirklichten.

Wir fanden außerdem heraus, dass der winter time mindset in Norwegen sich signifikant mit dem Breitengrad veränderte: Je weiter nördlich die Menschen lebten, desto positiver waren sie dem Winter gegenüber eingestellt. Das ist sehr interessant, denn hier geht es um so etwas wie den nicht gerade kleinen Unterschied zwischen den Kälte-Mimosen in Florida und den skiverrückten Nordamerikanern an der Grenze zu Kanada.

Die Befragten aus dem südlichen Teil Norwegens durchleben auch kalte, dunkle, lange Winter – aber sie haben keine Polarnacht und auch keine Mitternachtssonne. Die Südnorweger erleben ebenso einen Winter, sie stehen ihm nur nicht so positiv gegenüber wie ihre nördlichen Landsleute.

Und es stimmt: Der Winter in Tromsø kann absolut einzigartig sein. Tromsø bietet einen der weltweit spektakulärsten Ausblicke auf die Polarlichter, umgeben von Bergen und natürlichen Pfaden, die zum Skifahren einladen, und eine Gemeinschaft, die weiß, dass Leben nicht nur aus Arbeit besteht.

Ich bin davon überzeugt, dass dieses kulturelle Selbstbild von Tromsø eine Rolle für das winterliche Wohlbefinden seiner Bewohner spielt. Ich selbst ließ mich von dem positiven wintertime mindset anstecken, als meine Freundin Fern sich weigerte, die Polarnacht mørketid, die "dunkle Zeit", zu nennen. Fern zog stattdessen den alternativen Spitznamen der Polarnacht vor: nämlich die "blaue Zeit", ein Ausdruck, der die Farbenpracht dieser Periode hervorhebt. (Viele Menschen, die dem Winter gegenüber positiv eingestellt sind, nutzen trotzdem den Ausdruck "dunkle Zeit", aber Ferns Kommentar zeigt, dass sie den Winter nun bewusst als etwas Schönes sieht.)

Von nun an konnte ich nicht anders, als den sanften blauen Schimmer zu bewundern, der sich über alles legte, und ich bemühte mich, dieses Licht als gemütlich und nicht als dunkel zu betrachten. Anstatt sich mit einem kollektiven Gemurre über das kalte Wetter und den Schnee zu begrüßen, wie es in den USA üblich ist, kamen meine norwegischen Freunde auf Skiern oder zu Fuß durch den Schnee zu unseren Verabredungen, erfrischt und belebt durch die eisige Kälte. Durch sie inspiriert, wickelte auch ich mich in mehrere Lagen sehr warmer Kleidung, sodass ich selbst an den kältesten Tagen Zeit draußen verbringen konnte.

Soweit ich weiß, waren Vittersø und ich die Ersten, die den wintertime mindset untersucht haben, und wir alle sind vertraut mit dem Mantra, dass Korrelation nicht gleich Kausalität bedeutet, dass also nicht automatisch etwas, das plausibel erscheint, auch stimmen muss. Deshalb können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob eine positive Wintereinstellung die Ursache dafür ist, dass Menschen mit ihrem Leben zufriedener sind, oder anders herum – nur, dass diese zwei Dinge miteinander zusammenhängen. Es bedeutet auch nicht, dass Menschen, die an einer klinischen Winterdepression leiden, durch eine bloße Änderung ihrer Denkweise geheilt werden könnten. Da geht es um mehr als nur um schlechte Laune wegen trüben Wetters.

Dennoch: Unsere Forschungsergebnisse – und dazu meine persönliche Erfahrung – zeigen, dass das Selbstbild das eigene Wohlbefinden beeinflussen kann. Mein persönliches Experiment zum wintertime mindset jedenfalls hat mich davon überzeugt: Mit der richtigen Einstellung ist es ganz leicht, die Polarnacht zu lieben.

Dieser Text ist ein übersetzter Nachdruck aus dem Magazin "Atlantic" aus dem Jahr 2015.

Übersetzung: Insa Schiffmann