Die Dunkelheit giert nach dem Tag, Minute für Minute verschlingt sie die Helligkeit an diesem frühen Oktoberabend. Auch die Wärme weicht zurück. Nachdem es im Herbst lange warm und mild geblieben ist, hat der Winter heute mit einem Aufstampfen die Bühne betreten: Über Nacht sind die Temperaturen in Deutschland um zehn Grad Celsius und mehr gefallen. Der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch über die kalte Jahreszeit.

In der Hamburger Redaktion der ZEIT treffen wir uns mit vier ausgewiesenen Winter-Experten, um die kalte Jahreszeit aus verschiedenen fachlichen Perspektiven zu beleuchten und zu verstehen. Da ist der Biologe und Wissenschaftsautor Peter Spork, der sich schon lange mit der Chronobiologie beschäftigt, also der Rolle von Licht und Dunkelheit und dem Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Psychologieprofessorin Gabriele Oettingen, die an der Universität Hamburg und der New York University lehrt und erforscht, wie sich Hindernisse beseitigen und Erschwernisse ertragen lassen. Der Allgemeinmediziner Mathias Petersen, der seit 26 Jahren in seiner Praxis als Hausarzt tätig ist. Und der Kulturwissenschaftler Bernd Brunner, der vor wenigen Stunden aus Istanbul angereist ist. Dort stieg er bei 24 Grad Celsius ins Flugzeug, hier empfingen ihn Temperaturen um 10 Grad Celsius und ein eisiger Wind. Eigentlich hat da nur noch der Schnee gefehlt.

ZEIT Wissen: Herr Brunner, wie war Ihre Begegnung mit den etwas niedrigen Temperaturen eben?

Bernd Brunner: Unangenehm kalt. Ich war natürlich vorbereitet, hatte einen Mantel dabei und andere Schuhe. Aber selbst damit bestätigte sich mir mal wieder: Der Mensch ist nicht für den Winter gemacht. Ein Teil der Weltbevölkerung lebt im weiteren Umfeld des Äquators – überall dort kennen die Menschen keinen Alltag mit dem Winter, so wie wir ihn hier in Mitteleuropa jedes Jahr erleben. In Ländern wie Deutschland oder Kanada können wir nur leben, weil wir enorme Mengen Energie investieren, um uns vor dem Winter zu schützen und dagegen anzukämpfen. Das geht schon beim Häuserbau und dem Einsatz von diversen isolierenden und wärmenden Materialien los.

Mathias Petersen: Dass der Winter nicht gerade die ideale Jahreszeit ist für den Menschen, bekomme ich auch in meiner Praxis zu spüren. Da kommen deutlich mehr Patienten. Für uns Ärzte sind Dezember, Januar und Februar die Monate, wo es am meisten zu tun gibt.

ZEIT Wissen: Und weswegen kommen die Leute meistens?

Petersen: Von denjenigen Patienten, die wegen akuter Probleme kommen, sind tatsächlich die meisten aufgrund grippaler Infekte da. Das reicht vom einfachen Schnupfen bis zur Lungenentzündung. Vor allem für chronisch Kranke kann eine Erkältung lebensgefährlich werden, daher sind sie auch mehr gefährdet im Winter.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Saison 1/16.

ZEIT Wissen: Macht es denn überhaupt Sinn, wegen einer Erkältung zum Arzt zu gehen?

Petersen: Natürlich, jeder, der zu mir kommt, hat ein Anliegen, dem ich gerecht zu werden versuche. Der eine ist schon auf dem Weg zur Gesundung und braucht nur eine Krankmeldung. Der andere kommt mit Hals- und Ohrenschmerzen, ich untersuche ihn und sage, was er tun soll, um wieder fit zu werden.

ZEIT Wissen: Sind Sie mit Ihrer langjährigen Erfahrung der Meinung, dass viele der Erkrankungen im Winter sich irgendwie vermeiden lassen? Und wenn ja, wie?

Petersen: Das ist natürlich in höchstem Maße subjektiv. Aber meine Erfahrung ist, dass ein Mensch, der im Moment gerade glücklich ist, viel besser klarkommt mit Erkältungen. Den sehe ich dann meistens auch nicht in meiner Praxis. Einen anderen Aspekt hingegen konnte man in Studien vielfach nachweisen: die Bedeutung der Tröpfcheninfektion. Ich finde es höchst problematisch, dass wir in Deutschland nicht so wie die Japaner uns und auch unsere Mitmenschen schützen, indem wir zum Beispiel einen Mundschutz tragen. Da wird man zwar schräg angeguckt, wenn man so unterwegs ist, aber es wäre vernünftig, wenn das alle tun würden.

ZEIT Wissen: Würden Sie selbst so einen Mundschutz auch anziehen?

Petersen: Ich bin eigentlich fast nie krank. In den jetzt 26 Jahren habe ich zwei Tage in der Praxis wegen Krankheit gefehlt. Also können Sie daraus schließen, dass ich glücklich bin.