Wer als Kind in die Welt der Erwachsenen übersetzt, bei dem verändert sich plötzlich alles, und nichts passt mehr zueinander. Und das ist eigentlich großartig: Denn wir zeigen in dieser Lebensphase Fähigkeiten und Eigenschaften, von denen wir uns manche für das spätere Erwachsenenleben bewahren sollten. In der Pubertät erfinden wir uns alle paar Wochen neu: heute Revoluzzer, morgen Philosoph. Wir werden nie wieder eine solche Entdeckungsfreude an den Tag legen. Wir probieren alles Mögliche aus, am häufigsten uns selbst. Und wir kümmern uns sehr viel weniger darum, was andere darüber denken. Als Kind wollten wir noch von allen gemocht werden, als Pubertierender spornen uns irritierte Blicke nur an. Als Erwachsener werden wir dann die Kunst des Kompromisses gelernt haben und sogar zu jenen Menschen freundlich sein, die wir eigentlich gar nicht mögen.

In der Pubertät lernen wir, mutig zu sein. Wir setzen den tapfersten Schritt unseres Lebens: jenen heraus aus dem Urschutz der elterlichen Geborgenheit. Bis dahin waren wir automatisch Teil einer Familie, jetzt können wir uns erstmals ein Leben als Individuum vorstellen. Im selben Atemzug beginnen wir, Autoritäten infrage zu stellen. Wissen unsere Eltern wirklich alles besser? Haben die Lehrer tatsächlich immer recht? In deren Augen erscheint unser Verhalten oft als stures Widersprechen aus Prinzip.

"Das Moment des Widerspenstigen, Rebellischen, des gesteigerten Oppositionsgeistes der Pubertierenden wird in zwei Variationen zum Ausdruck gebracht", sagt Rolf Göppel von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, der mehrere Bücher über die Pubertät geschrieben hat. "Einmal durchaus im Sinne der kritischen Hinterfragung von Prinzipien, Regeln, Standpunkten, also im Sinne einer mutigen und notwendigen offenen Auseinandersetzung mit der Frage, wie gut die bestehenden Ordnungen und Einrichtungen begründet sind." Zum anderen würden Pubertierende auch eine gewisse Lust an der Provokation an den Tag legen, um Grenzen auszutesten, meint Göppel. Wann, wenn nicht jetzt? In diesem angeblich schwierigen Alter kann man noch mit Nachsicht rechnen, egal, ob man seine Umgebung mit seiner schlechten Laune nervt oder tatsächlich etwas anstellt. Als Erwachsener geht man lieber auf Nummer sicher und verhält sich sozial verträglich.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/17.

In der Pubertät lässt man sich von seinen Gefühlen noch völlig ungehemmt mitreißen, von den negativen genauso wie von den positiven. Jedes kleine Verknalltsein wird sofort zur größten Liebe aller Zeiten, bei jedem Liebeskummer sind wir sicher, dass wir ihn nicht überleben werden. Wir können uns über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zutiefst empören und würden am liebsten sofort losstürmen, um sie zu bekämpfen. Wir glauben noch fest an das Gute im Menschen und an die Möglichkeit, die Welt zu verbessern. Erst später beginnt der Kopf, die Ratio, solche Gefühlsaufwallungen vorsorglich runterzupegeln. "Daran kannst du ohnehin nichts ändern", denken wir dann immer öfter. Oder auch: "Wer weiß, ob er es ernst mit dir meint. Lieber vorsichtig sein!"

Was wir aber am allerbesten können, ist Herumalbern. Wir machen uns über Rituale oder Konventionen lustig und kichern umso haltloser, je ernsthafter eine Zeremonie ist. Teils aus Übermut, teils weil wir den Sinn dahinter nicht erkennen können. "Das gehört sich so", ist in diesem Alter eben noch kein ausreichendes Argument. An diese Leichtigkeit des Seins erinnern wir uns sogar als Erwachsene gern zurück.