Viertausendsechshundert. So viele Arten von Mikroorganismen fand der Geologe Helge Trond Torsvik in einem Gramm Walderde, das er per DNA-Sequenz-Analyse untersucht hatte. Das sind mehrere Millionen Bakterien, Viren, Algen, Pilze und Einzeller. Und nicht alle sind schlecht für den Menschen. Mycobacterium vaccae zum Beispiel – vaccae , lateinisch "von der Kuh" – wurde erstmals in Kuhdung gefunden und könnte wirken wie ein Antidepressivum. Das hat die Onkologin Mary O’Brien zufällig entdeckt, als sie das Bakterium Krebspatienten verabreichte. Zwar verlangsamte es nicht wie erhofft das Tumorwachstum, doch die Patienten mit dem Kuhbakterium schätzten ihre Lebensqualität besser ein als die einer Kontrollgruppe. Dreck kann also gut sein für den Menschen. Kein Wunder, enthält doch sein Körper mehr Bakterien als eigene Zellen. Viel Dreck macht er zudem selbst, schließlich besteht Hausstaub zu einem nicht kleinen Teil aus Mensch, aus Hautschuppen nämlich.

Dreck ist also Definitionssache, "Materie am falschen Ort", wie Brecht geschrieben hat. Mit dem Boom der Meister Proppers und Sagrotans im 20. Jahrhundert ist der richtige Ort für die meisten Westeuropäer: in der Natur. Im Haus soll alles nicht nur sauber sein, sondern auch rein. Ob das gut ist, wird allerdings seit 1989 angezweifelt. Da formulierte der Epidemologe David Strachan seine Hygiene-Hypothese. Die besagt, dass sich der enorme Anstieg von Allergien in den Industrienationen seit den 1950ern mit den gleichzeitig ständig verbesserten Hygienebedingungen erklären lässt. Mit der Abnahme der Infektionskrankheiten reduzierte sich die Vielfalt an Mikroorganismen, die den Menschen jahrhundertelang umgeben hatten. Das Immunsystem, besonders das von Kindern, gerate so aus dem Gleichgewicht und reagiere übertrieben auf eigentlich Harmloses wie Pollen, Milben, Gräser. Inzwischen leidet fast jeder fünfte Deutsche an einer allergischen Erkrankung.

Mehrere Studien geben Strachan recht: Kinder, die öfter mit Dreck in Berührung kommen und zum Beispiel unter Bazillen schleudernden Altersgenossen in der Kita, mit wurmigen Haustieren oder am besten auf einem Bauernhof zwischen Kuhstall und Mistgabel aufwachsen, haben seltener Allergien und Asthma als vergleichsweise keimfrei aufwachsende Kinder. Zuletzt zeigte eine Langzeitstudie, dass bereits ein paar Gramm Dreck der Gesundheit förderlich sein können: Für 1.037 Teilnehmer der Studie wurde erhoben, wer im Kindergartenalter an seinen schmutzigen Fingernägeln gekaut oder am Daumen gelutscht hatte. Bei Allergietests, denen sich die Studienteilnehmer später jeweils im Alter von 13 und 30 Jahren unterziehen mussten, stellte sich heraus: Von den Daumenlutschern und Nägelkauern hatten insgesamt weniger eine Allergie entwickelt als von denjenigen, die diese Angewohnheiten als Kind nicht gehabt hatten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/17.

Bleibt die Fünf-Sekunden-Regel: Essbares, das erst vor wenigen Sekunden auf den Boden gefallen ist, kann man ohne Bedenken verspeisen. Forscher haben das überprüft. Sie sagen: Bakterien ist es egal, ob man Lebensmittel nach drei Sekunden oder drei Tagen aufhebt, sie belagern es sofort. Entscheidend ist, welche und wie viele Bakterien sich auf der Absturzstelle befinden, ob das Essbare klebrig oder eher trocken (Bakterien finden trocken besser), ob der Boden glatt oder teppichartig ist (Bakterien lieben glatte Oberflächen). In einer Studie gaben Forscher an: Befinden sich weniger als 50 Keime pro Quadratzentimeter auf dem heruntergefallenen Lebensmittel, ist es vermutlich noch genießbar. Am besten legt man sich für solche Fälle also ein Mikroskop zu.

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