Schon was Sie in den nächsten drei Absätzen lesen werden, kann Ihre Kommunikation mit Ihrem Partner, Ihren Freunden und Ihrem Chef grundlegend verbessern. Dazu brauchen Sie jetzt eine gewisse Offenheit. Dass Sie die haben, dafür stehen die Chancen gut: Als Leserin oder Leser des ZEIT Wissen-Magazins sind Sie laut Marktforschung besonders reflektiert und auch bei heiklen Themen eher unvoreingenommen. Daher können auch wir ganz offen mit Ihnen sein. Pegida. Die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" sind ohne Zweifel ein problematischer Verein. Aber an den Sorgen ist ja auch etwas dran. Wie an dieser, geäußert von einer 72-jährigen Pegida-Demonstrantin aus Dresden: "Für uns ist kein Geld da, nicht für Schwimmbäder, nicht für Kultur, aber Millionen werden für Asylanten lockergemacht."

Keine Sorge. Platter Populismus, das sehen wir in Wirklichkeit genauso. Wir wollten nur etwas ausprobieren: die Tricks der Argumentation. Wer sie beherrscht, kann andere empfänglicher machen, sogar für offensichtlichen Quatsch.

Entscheidend sind in diesem Fall drei Kniffe. Zum einen die Reziprozität, so nennen Soziologen und Rhetoriker das Prinzip der Gegenseitigkeit. In unserem Fall war es das Zugeständnis, Pegida sei problematisch. Wer seinem Gegenüber in dessen Meinung entgegenkommt, weckt in ihm die Bereitschaft, auch entgegenzukommen. Es ist ein enorm wichtiges Werkzeug, das man braucht, um Kompromisse zu schließen.

Zweiter Trick: die soziale Bewährtheit (social proof). Wenn Menschen, die man schätzt, sich für etwas interessieren oder entscheiden, dann tut man das selbst auch eher. In unserem kleinen Versuch haben wir die Marktforschung erwähnt und Sie dadurch Teil einer Gruppe "unvoreingenommener" ZEIT-Wissen-Leser werden lassen, die offen sind, auch für heikle Themen. Dritter Trick: Exklusivität. "Daher können auch wir offen zu Ihnen sein." Das Ziel: ein gutes Verhältnis aufbauen. Sie sollten sich privilegiert fühlen und uns erwartungsvoll zugewandt sein. So vorbereitet kommt der Schlag.

Dies ist der vierte Absatz. Wenn alles nach Plan lief, ist ein Zwischenziel unseres Versprechens erreicht: Sie haben einen ersten Eindruck bekommen, welchen oft verdeckten Einflüssen die Kommunikation ausgeliefert ist. Damit sind wir beim nächsten Rat fürs gute Argumentieren: Ein großes Ziel zu haben ist nützlich, aber die Annäherung sollte über kleine Schritte erfolgen. Dies war der erste Schritt.

Okay, erst einmal keine Tricks mehr. Bleiben wir trotzdem bei Pegida. Und geben noch ein paar andere Themen dazu: AfD, Donald Trump, Hausarbeit ("Wer räumt die Spülmaschine ein?"), Stuttgart 21, Russland und Ukraine, Gehaltsverhandlungen ("Mein Gehalt ist zu niedrig!"), Flughafen Berlin-Brandenburg, Veganer gegen Fleischesser, Homöopathie gegen Schulmedizin. Fertig ist der Cocktail an Reizthemen. Ein Cocktail, der übel schmeckt, betrachtet man, wie beleidigend die Auseinandersetzungen geführt werden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/17.

Dabei ist Streiten an sich gut. Der Schweizer Evolutionsbiologe Hugo Mercier von der Université de Neuchâtel sagt sogar, der Mensch sei zum Streiten geboren. Streiten ist ein Weg, um Fehler zu korrigieren, und ein Vehikel des Fortschritts. Zuletzt konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, dass in dieser Hinsicht einiges verloren gegangen ist. Das ist ein Problem, denn Streiten ist wichtig, für eine Demokratie ebenso wie für Beziehungen.

Wenn jemand weiß, wie man richtig streitet, dann ist das Sosan Azad. Die 47-Jährige hat in den vergangenen 15 Jahren intensiv beobachten können, wie ein Streit wächst und wirkt, entsteht und vergeht. So lange arbeitet die Vorsitzende des Bundesverbands Mediation als Streitschlichterin und hat in mehr als tausend Konflikten vermittelt: in Dax-Unternehmen zwischen Vorstandsmitgliedern, in Kitas zwischen 4-Jährigen und an der Admiralbrücke in Berlin-Kreuzberg zwischen Anwohnern und Straßenmusikern. Mal ging es um Geld, mal um Religion. Mal wollte einer recht haben, mal forderte ein anderer, dass ein unbedachtes Wort zurückgenommen wird. In einigen Auseinandersetzungen reichten ein paar Minuten Mediation, in anderen zog sich die Schlichtung über Jahre hin.

"Ein Streit ist wie ein Lebewesen, das immer in Bewegung ist", sagt Sosan Azad. In fast jeder Entwicklungsphase dieses Wesens gibt es eine Reihe an Möglichkeiten, Einfluss darauf zu nehmen: um die eigenen Ziele durchzusetzen, sich zu wehren oder um die wilde Kreatur zu bezwingen.

Die Geburt des Streits

Er: Schön haben wir heute gekocht, war lecker.

Sie: Ja, fand ich auch. Bald wieder!

Er: Wo gehst du hin? Räum bitte erst deinen Teller in die Spülmaschine.

Sie: Mach ich nachher, ich muss erst kurz jemanden anrufen.

Er: Ich will die Spülmaschine aber jetzt anmachen. Es dauert ein paar Sekunden, den Teller in die Spülmaschine zu stellen.

Sie: Wenn es so schnell gemacht ist, warum machst du es dann nicht?

Er: Weil ich nicht einsehe, dein Geschirr wegzuräumen.

Sie: Gestern habe ich deinen Teller auch in die Spülmaschine getan ...

Er: ... weil ich unsere Tochter abholen musste. Das hast du übrigens auch geschickt an mich delegiert, indem du ja angeblich für deine Freundin Johanna da sein musstest.

Sie: Behauptest du damit jetzt, dass ich dich anlüge? Johanna braucht mich wirklich. Ruf sie doch an!

Er: Räumst du jetzt bitte deinen Teller ein? Ich will einfach die Spülmaschine starten.

Sie: So sehr kannst du es ja nicht wollen, sonst hättest du den Teller schon längst abgespült.

Er: Das ist mir zu blöd. Mach du die Küche sauber, wenn du so weit bist. Ich verschwinde.

Ein Streit entsteht, weil es einen Missstand gibt, den mindestens eine der Parteien erkennt. Im Idealfall ist dieser Missstand auch Gegenstand des Streits: Das Paar streitet tatsächlich wegen des Tellers. In den meisten Fällen ist die Sache allerdings komplizierter. "Der Streit ist häufig eine Art Ventil, um etwas zum Ausdruck zu bringen, das mit dem Streitthema nur entfernt zu tun hat", sagt Azad. Vielleicht fühlt er sich von ihr grundsätzlich nicht wertgeschätzt. Vielleicht meint er, dass sie ihn in ihrem Leben hin und her schiebt, wie es ihr gerade passt. An der Frage, wer die Spülmaschine einräumt, entlädt sich der Streit nur.