Am 8. November erschütterte ein politisches Erdbeben die Welt: Die US-Bürger wählten Donald Trump zu ihrem nächsten Präsidenten. Einen Mann, der Hass geschürt hat, der polarisiert wie kein anderer, der Einwanderer beschimpft, Frauen verspottet. Doch seine Parolen kamen an. Warum?

Einen Hinweis gab die Politikwissenschaftlerin Kathy Cramer schon eine Woche vor der Wahl in der Washington Post. Kramer berichtete von ihren Untersuchungen im ländlichen Raum des Bundesstaats Wisconsin, wo sie seit dem Jahr 2007 Gespräche mit jenen Menschen geführt hatte, die sich nichts sehnlicher wünschten als eine Abrechnung mit "denen da oben". Sie wurde Zeugin einer Verbitterung, die sich über lange Zeit aufgebaut hatte. Die Befragten beschrieben dieses Gefühl sinngemäß so: "Ich tue das, von dem man mir beigebracht hat, dass es nötig ist, um ein guter Amerikaner zu sein und voranzukommen. Aber ich erhalte dafür nicht das, was man mir versprochen hat." Die Grundstimmung bringt Kramer auf die Kurzformel: "Ich bin ein Opfer der Ungerechtigkeit, ich bekomme nicht meinen fairen Anteil."

Spätestens seit dem 8. November 2016 kann man diese Frage nicht mehr ignorieren: Ist unsere Gesellschaft wirklich gerecht? Viele Menschen, auch in Europa, antworten darauf mit Nein.

Aus der Wirtschaftsstatistik lässt sich diese Verbitterung nicht herauslesen. Wisconsin zum Beispiel hat eine Arbeitslosenquote von nur vier Prozent. Weder die USA noch Deutschland sind von der Finanzkrise annähernd so gebeutelt worden wie Griechenland oder Spanien. Schaut man auf den Index für soziale Gerechtigkeit (Social Justice Index), den die Bertelsmann Stiftung berechnet, geht es in Deutschland aufwärts. Der Index bewertet sinkende Armut, Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt sowie Nichtdiskriminierung, Gesundheit und Generationengerechtigkeit auf einer Skala von 1 bis 10. Der EU-Durchschnitt liegt bei 5,6 Punkten, Schweden steht mit 7,5 Punkten an der Spitze. In Deutschland ist der Index seit 2008 um 0,5 auf 6,6 Punkte gestiegen, was zu einem achtbaren siebten Platz unter den 27 EU-Staaten führt.

Doch auch hierzulande nimmt der Verdruss zu: Im letzten Sozialstaatssurvey der Bundesregierung (Befragungszeitraum 2005 bis 2008) waren drei Viertel der Bundesbürger der Meinung, die soziale Gerechtigkeit habe abgenommen. 2001 hatten dies nur 46 Prozent so gesehen. Gefragt, ob sie ihren "gerechten Anteil" erhalten, verneinten dies 2008 immerhin 44 Prozent der Bürger in Westdeutschland, 1982 waren es nur 27 Prozent gewesen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/17.

Wie kann das sein? "Die gefühlte Wirklichkeit der Bevölkerung bildet eine eigenständige Dimension der Realität", hat der Soziologe Wolfgang Glatzer einmal schön formuliert. Glatzer und andere Sozialforscher weisen allerdings seit Jahren darauf hin, dass man diese gefühlte Wirklichkeit – und damit auch die gefühlte Ungerechtigkeit – ebenso ernst nehmen muss.

Wahrnehmung - Ist die Welt genau so ungleich, wie wir denken? © Foto: Die ZEIT

Seit Jahrtausenden verehren Menschen Helden, die die Reichen schmähen oder ihnen Geld abnehmen und es verteilen, wie Robin Hood. Im 20. Jahrhundert wird eine Comicfigur wie Batman zum Helden, der auf eigene Faust für Gerechtigkeit sorgt. In der Realität verhelfen die Wähler immer wieder Politikern zur Macht, die den Helden der Gerechtigkeit nacheifern: Sie wählen einen Salvador Allende 1970 in Chile – und manchmal, so widersinnig es erscheint, auch einen Donald Trump.

Was ist soziale Gerechtigkeit? Was ist Gerechtigkeit? Seit 2500 Jahren versuchen sich Philosophen an Antworten. Aristoteles führte als Erster den Gedanken einer gerechten Verteilung von Ressourcen ein. Heute prägen zwei Lager die Debatte. Das eine sagt, soziale Gerechtigkeit im Sinne von Verteilungsgerechtigkeit sei eine Illusion. Die Ökonomen Milton Friedman und Friedrich August von Hayek etwa lehnten das Ansinnen, der Staat solle Gerechtigkeit herstellen, rundweg ab. Gerecht war für sie allein das, was der Markt hergibt. Wer seine Arbeitskraft oder ein Produkt verkauft, bekommt genau den Preis, den Angebot und Nachfrage erlauben. Punkt.

Das zweite Lager versucht seit dem 19. Jahrhundert, Prinzipien der Gerechtigkeit zu formulieren. Die Philosophen des Utilitarismus kamen auf die Formel vom "größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl" an Menschen. Wenn die Gesellschaft darauf hinarbeitet, dass es immer mehr Menschen besser geht, wenn sie also versucht, den Kuchen größer zu machen, profitieren am Ende alle davon, so die Idee. Der größer werdende Kuchen der Moderne ist das wachsende Bruttoinlandsprodukt.