Steven Laureys ist vielen Menschen an der Schwelle zum Tod begegnet, im Leben eines Komaforschers bleibt das nicht aus. Einen Patienten wie John Taylor allerdings hat er bis heute nur ein einziges Mal kennengelernt. "Steven, könntest du bitte schnell nach unten kommen", hatte Laureys’ Sekretärin am Telefon gesagt, "dieser Patient erzählt mir, er wäre tot."

John Taylor, der eigentlich anders heißt, war aus England in Begleitung einer Krankenschwester angereist und wartete in der Neurologie des Universitätskrankenhauses Lüttich auf einen Arzt. Er hatte schlechte Zähne, aber sonst schien er kein ungewöhnlicher Patient zu sein. Er konnte gehen, er redete auch. Er war offensichtlich am Leben. Er sagte: "Ich bin hier, um zu beweisen, dass ich tot bin."

Es gibt ein Foto von John Taylor, aufgenommen vier Jahre nach dieser Begegnung, das zeigt einen 57-Jährigen mit Bartstoppeln und zusammengekniffenen Augen, er blickt ernst in die Kamera und sieht nicht glücklich aus, aber vielleicht ist das Einbildung, jedenfalls hatte er neun Jahre zuvor versucht, sich umzubringen. Mit einem Föhn in der Badewanne. Die Sicherung war rausgesprungen, und Taylor hatte überlebt, doch von diesem Moment an war er vom Gegenteil überzeugt.

Er hörte auf, sich die Zähne zu putzen. Er verbrachte Stunden und Tage auf dem Friedhof, bis die Polizei ihn wieder nach Hause brachte. Er empfand keinen Genuss mehr beim Rauchen. Er hatte keinen Appetit mehr, sein Bruder drängte ihn zu essen. Den Ärzten erklärte er, ihre Tabletten würden nichts helfen. Sie schickten ihn zu Steven Laureys, einem der bekanntesten Bewusstseinsforscher in Europa. Im Herbst 2009 standen sich die beiden gegenüber.

"Ihr Herz schlägt, und Sie atmen", sagte Laureys zu Taylor, er könne gar nicht tot sein. "Mein Gehirn ist tot", antwortete Taylor, es sei damals in der Badewanne frittiert worden. Er hatte es schon Laureys’ Kollegen an der University of Exeter erklärt: "My brain is dead, but my mind is alive." Mein Gehirn ist tot, aber mein Geist ist lebendig. Taylor ließ sich nicht vom Gegenteil überzeugen. Er simulierte nicht und schien wirklich zu leiden, zugleich trug er sein vermeintliches Zombie-Schicksal mit Fassung. Steven Laureys tat das, wofür er berühmt ist. Er schickte Taylor durch den Maschinenpark der Coma Science Group, um sein Bewusstsein zu erkunden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/17.

An einem Dienstag im Dezember sitzt Steven Laureys in seinem Büro an der Universitätsklinik Lüttich und erzählt die Geschichte vom bizarrsten Patienten seiner Forscherlaufbahn. Laureys ist ein Arzt wie aus einer Fernsehserie, groß, mit welligem Haar und Dreitagebart, die Hemdsärmel aufgekrempelt, Termine im Hochfrequenztakt. Nur ein Happy End erlebt er selten. Aus ganz Europa lassen Ärzte bewusstlose Patienten nach Lüttich bringen. Eine Woche lang durchleuchten die Komaforscher deren Gehirn, immer von Dienstag bis Dienstag. Für diesen Nachmittag erwartet Laureys den nächsten. John Taylor hatte damals nicht das Bewusstsein gefehlt, aber das Selbst-Bewusstsein. Was geht im Kopf eines Menschen vor, der sich für tot hält?

Es ist ein Menschheitsrätsel, das Steven Laureys umtreibt. Das Rätsel des "Ich". Wie verbindet das Gehirn das Chaos von Sinneswahrnehmungen, Erinnerungen, Wünschen, Emotionen und Körpersignalen zu einem stabilen Selbst-Bewusstsein? Ein Mensch verändert sich im Laufe der Zeit, er wird erwachsen, verliebt sich und zerstreitet sich mit anderen, der Körper altert, und er spürt trotzdem – normalerweise – eine zeitlich und räumlich zusammenhängende Identität. Vom Früher-Ich bis zum Heute-Ich. Das Ich gehört zu einem Körper, setzt Handlungen und Gedanken in Gang und kann sogar über sich selbst nachdenken.

Sokrates: "Erkenne dich selbst." René Descartes: "Ich denke, also bin ich." Friedrich Nietzsche: "Was gibt mir das Recht, von einem Ich als Gedankenursache zu reden?" Albert Camus: "Ich werde mir selbst immer fremd bleiben." So geht das seit Jahrhunderten. Jetzt neu: die Hirnforschung.

Das Gehirn ist eine Dauerbaustelle, ständig entstehen neue Verbindungen, Erfahrungen werden im Gedächtnis abgespeichert, Erinnerungen verblassen. Die Einheit des Selbst scheint währenddessen erstaunlich robust. Gibt es im Gehirn einen Identitätskern, der ein Leben lang unverändert bleibt? Diese Sicht auf das Selbst wird gerne als Perlen-Perspektive bezeichnet. Der Körper ist in diesem Bild die Muschelschale, das Gehirn das Muschelfleisch, die Perle wäre der Ich-Kern. Und Steven Laureys ist dann wohl ein Perlentaucher.

Neben der Espressomaschine hat er ein Foto von sich und Papst Johannes Paul II. aufgestellt. Auch mit dem Dalai Lama hat er schon diskutiert. Leben und Sterben, Körper, Geist und Seele, solche Sachen. Steven Laureys, geboren an Heiligabend 1968 im katholischen Leuven, sagt: "Ich bin Atheist." Er glaubt weder an Gott noch an Wiedergeburt. Er glaubt an die Wissenschaft, sagt aber auch: "Wir dürfen nicht arrogant sein. Niemand versteht wirklich das Bewusstsein." Sie arbeiten dran.

Was würde ein Mensch über sich und die Welt herausfinden, wenn ein böser Dämon ihm die Sinne vernebelte, sodass er weder den Himmel noch die Erde, noch Gegenstände, Menschen oder irgendetwas anderes wahrnehmen könnte? Darüber spekulierte vor knapp 400 Jahren René Descartes in einem Gedankenexperiment. Müsste, wer gar nichts mehr wahrnimmt, nicht auch an der eigenen Existenz zweifeln? Nein, schrieb Descartes, der Dämon "täusche mich, soviel er kann, niemals wird er jedoch fertigbringen, dass ich nichts bin, solange ich denke, dass ich etwas sei". Ich denke, also bin ich.