Wer wissen will, wo die Ultraschall- und die Bluetooth-Zahnbürste, die schwingende Interdentalbürste und der Xylit-Kaugummi ihren Ursprung haben, wer die Umwege auf dem Pfad der Mundhygiene sehen will, die Menschen gingen, bis sie bei den heutigen Apps ankamen, die ihnen die exakte persönliche Zahnputzdauer ermitteln – der muss sich in die Tiefen des Sächsischen Burgenlandes begeben. In Zschadraß, einem kleinen Ort auf halbem Weg zwischen Leipzig und Dresden, betreibt Andreas Haesler das Dentalhistorische Museum. Es ist eine der größten Sammlungen zur Geschichte der Zahnmedizin auf der ganzen Welt: 500 000 Exponate aus rund 2300 Jahren.

Am Eingang steht eine Holzfigur im rosa Gewand und mit Heiligenschein über dem blonden Haar, sie hält in der linken Hand eine überdimensionierte Kneifzange, darin steckt ein riesiger Zahn. "Das ist die heilige Apollonia, die Schutzheilige der Zahnärzte und die Beschützerin vor Zahnschmerzen", sagt Andreas Haesler. Apollonia steht in einem Raum mit bizarren Zahnarztstühlen und alten Zahnbohrern, ein Zimmer weiter: Zahnstocher aus Fischgräten und Hühnerknochen, Elfenbeinzahnbürsten und aufwendig verzierte Amulette, an denen Zahnstocher neben Ohrlöffel und Pinzette hängen, wie sie die alten Ägypter und Babylonier trugen. Es gibt in diesem Museum den längsten je dokumentierten Eckzahn (fünf Zentimeter) zu bestaunen, eine rote Koralle, wie sie zermahlen zum Abschmirgeln der Zähne genutzt wurde, und Flakons für Kinderurin zum Spülen des Mundes. In einer der Vitrinen des Museums steht ein in Leder gebundenes Lehrbuch zur Zahnmedizin. Die Geschichte, die das Buch und die anderen Stücke des Museums erzählen, reicht bis in die Anfänge der Menschheit zurück.

Evolutionsbiologen schreiben den Zähnen eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Säugetiere und damit auch des Menschen zu: Vor 270 Millionen Jahren lebten auf der Erde reptilienartige Geschöpfe, die Cynodontia, deren Körpertemperatur sich der Umgebung anpasste. Als sie anfingen, mit ihren Zähnen zu kauen, konnten sie mehr Energie aus der Nahrung herausziehen. Sie nutzten diese Energie, um ihre Körpertemperatur auch unabhängig von der sie umgebenden Hitze oder Kälte stabiler zu halten – die wechselwarmen Tiere entwickelten sich zu Säugetieren. Aber die Zähne dienten nicht nur dem Kauen, bis heute nutzen Lebewesen sie auch als Werkzeug und Waffe. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti beschrieb die Zähne als das "auffälligste Instrument der Macht, das der Mensch und auch sehr viele Tiere an sich tragen". Ein Zahnarzt könnte es nicht schöner formulieren: "Die Reihe, in der sie angeordnet sind, ihre leuchtende Kette, ist mit nichts anderem, was sonst zu einem Körper gehört und an ihm in Aktion gesehen wird, zu vergleichen. Das Material der Zähne ist verschieden von den übrigen augenfälligen Bestandteilen des Körpers. Sie sind glatt, sie sind hart, sie geben nicht nach."

Zugleich ist der Mund eines der sensibelsten Organe. Im Gehirn beschäftigen sich so viele Nervenzellen mit der Verarbeitung von Reizen, die über Lippen, Zunge und Zahnfleisch aufgenommen werden, wie sonst beim Menschen nur für die Fingerspitzen zuständig sind. Jedes kleinste Haar, das versehentlich in den Mund gelangt, wird sofort aufgespürt. Die Zähne sind die empfindlichste Stelle unseres Körpers – und die härteste. Zahnschmelz ist härter als Knochen. Wenn der Mund Essen befühlt, schmeckt, kaut und schluckt, wirken dabei 26 fein aufeinander abgestimmte Muskelpaare zusammen. 12.000 Liter Luft strömen jeden Tag durch Mund und Nase.

Durch den Mund werden wir ein zweites Mal geboren.
Hartmut Böhme, Kulturtheoretiker

Der Mund ist nicht nur für den Stoffwechsel, das Essen, Trinken und Atmen da, er ist auch das sozialste unserer Organe. Wir küssen und lachen mit ihm, beißen und schreien. Er drückt Lust, Trauer und Aggression aus. Und schließlich sprechen wir mit ihm, verbal und non-verbal durch all die kleinen Regungen und Zuckungen der Mundwinkel. Erst der Mund, sagt Hartmut Böhme, mache uns zu sozialen Wesen. Böhme forscht zu Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte und ist emeritierter Professor der Humboldt-Universität zu Berlin. Zusammen mit mehreren Zahnärzten hat er zwei Bücher geschrieben, Das Orale und Das Dentale, die den Mund von allen Seiten der Wissenschaft betrachten. Er sagt: "Die soziokulturelle Geburt geschieht erst durch unseren Mund." Mit dem Mund erschließe sich der Säugling die Welt, "er erlutscht sie". Dabei nehme das kleine Kind, wenn es ein Objekt im Mund habe, gleichzeitig sich selbst und das körperfremde Objekt wahr – die Grundlage dafür, später zwischen sich selbst und der Welt zu unterscheiden. Die Urerfahrung eines Ich-Bewusstseins. "Durch den Mund werden wir ein zweites Mal geboren", sagt Böhme.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/17.

Wer die Sammlung in Zschadraß betrachtet, sieht, dass den Menschen noch eine weitere Besonderheit des Mundes bewusst war: Er muss gepflegt werden, um gesund zu bleiben, und zwar akribischer als alles andere am Körper. Von jeher haben sie ihn gespült, geschrubbt und ausgeschabt. "Die Geschichte der Mundpflege ist so alt wie der Mensch selbst", sagt Dominik Groß, Professor für Medizingeschichte an der RWTH Aachen. Allerdings: Engagement und Ergebnis waren im Laufe der Geschichte sehr unterschiedlich – und abhängig von technischen Innovationen. Ein Vorgänger der Zahnbürste war das Stöckchen vom Zahnbürstenbaum (Salvadora persica). Man kaute so lange auf den Zweigen herum, bis man sich mit den ausgefransten Enden die Zähne scheuern konnte. Mohammed formulierte Regeln für den Gebrauch des Kauhölzchens und soll selbst ein begeisterter Nutzer gewesen sein.

Auch Mundspülungen werden seit Jahrtausenden gemacht. Stuart Fischerman, der an der Hebrew University in Jerusalem Zahnmedizin lehrt, beschreibt in einer Abhandlung zur Geschichte der Mundhygiene die Praxis, bei entzündetem Zahnfleisch den Mund mit Kinderurin zu spülen. Sie soll 2700 Jahre vor Christus in China empfohlen worden sein. Auch zerstoßener Bimsstein oder Natronpulver nutzten Menschen zur Reinigung. Die erste Zahnbürste soll in China erfunden worden sein, mit Borsten vom Schwein oder aus Pferdehaar und einem Stiel aus Knochen. Aber die Haare waren zu weich, die Schweineborsten zu hart und nicht abgerundet, das Zahnfleisch litt. Erst Jahrhunderte später gelang der Durchbruch: Die erste Kunstfaser, das Nylon, wurde 1935 erfunden. Nylonborsten konnten nach Bedarf geformt und abgerundet werden. Die Zahnbürste war geboren.