Draußen tobt die Welt, und hier drinnen? Ein Zimmer in einer therapeutischen Praxis in Berlin, zwei Stühle stehen sich gegenüber. Blumensträuße und eine große Pflanze sollen dem Raum die Schwere nehmen. Hier drinnen soll es um den Menschen gehen, nur um den Menschen und seine Sorgen, nicht um das lärmende Getöse draußen, nicht um die Ängste der Zeit. Geht das? Der Ort, an dem ein Terrorist vor wenigen Wochen mit seinem Lkw elf Menschen in den Tod gerissen hat, der Breitscheidplatz, liegt keine zwei Kilometer entfernt von der Berliner Praxis.

Nein, das geht nicht. "In den letzten Wochen und Monaten hat sich meine Arbeit mit den Patienten stark verändert", sagt die Therapeutin. Aber anders, als man zunächst meinen könnte. Es geht nicht darum, dass sich ihre Patienten Sorgen machen würden wegen der Flüchtlingssituation (alles dazu lesen Sie auf diesen Seiten) oder dass sie Ängste hätten vor einem terroristischen Angriff. Diese konkrete Welt bleibt scheinbar draußen. Aber da sind die Ängste, die auf diesem Stuhl Platz nehmen, ihr gegenüber, viel mehr als sonst. "Bei vielen Leuten kommen jetzt Dinge hoch, die lange geschlummert haben. Richtige Traumata, die plötzlich ausbrechen. Manche fragen mich: Warum geht das denn jetzt los?" Es sind Ängste aus der Kindheit, ewig verdrängte Ereignisse von früher, die präsent werden. "Es scheint so zu sein", sagt die Berliner Therapeutin, "dass das allgemeine Klima der Unsicherheit, das unsere Gesellschaft gerade beschäftigt, bei Menschen sehr persönliche, eigene Ängste hervorholt, die immer da waren, aber jetzt Alarm schlagen."

Ängste tauchen gerne da auf, wo man sie nicht erwartet. Sie sind nur schwer zu berechnen und zu kategorisieren. Angst ist etwas anderes als Furcht. Furcht ist konkret, man fürchtet sich vor einem wilden Tier, vor dem Scheitern in einer Prüfung, vor einer Operation. Angst ist allgemein – und wirkt oft irrational. Eine Einteilung in große und kleine Ängste bringt nichts, auch nicht in sinnlose Ängste und sinnvolle. Was soll es schon für einen Sinn machen, wenn jemand beispielsweise nicht in der Lage ist, über eine Brücke zu gehen, weil er wahnsinnig Angst davor hat, obwohl es eine ganz normale, sichere Brücke ist?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/17.

Manchmal sind Ängste nicht einmal leicht zu erkennen. Matthias war 41, als er eines Nachts aufwachte und nicht wusste, was los war. Er spürte einen Druck in der Brust; als er aufstand, spürte er Schwindelgefühle. Er dachte: Ein Herzinfarkt? Ein Schlaganfall? Er rief den Notarzt. Kam ins Krankenhaus, aus dem er zwei Tage später entlassen wurde. Als körperlich gesund. Die Ärzte zuckten mit den Schultern: Ihnen fehlt nichts, auf Wiedersehen. Es war eine Krankenschwester, die ihn zur Seite nahm: Sie hatten eine Panikattacke, das kann wiederkommen, wahrscheinlich sogar. Suchen Sie sich mal einen guten Psychologen.

Wie bitte, dachte Matthias: Panikattacke, ich? Matthias arbeitet bei einer großen Münchner Versicherung, ist dort so etwas wie ein Star, der Fachmann für Risikoanalysen jeder Art, er verdient knapp 200.000 Euro im Jahr und hatte ein Angebot auf dem Tisch von der Konkurrenz in den USA, der Job würde noch mehr Geld und Denver bedeuten. Privat war er auch nicht unglücklich, im Gegenteil, dachte er: Er hatte noch keine Familie, auch keine feste Beziehung, aber ausreichend Liebschaften, neulich war sogar mal ein Mann darunter gewesen, warum nicht? Im Großen und Ganzen ist doch alles in Ordnung, dachte Matthias. Also beschloss der Meister der Risikoanalyse, den einen Vorfall in der Nacht zu ignorieren.

Das nächste Mal erwischte es ihn nur einige Tage später beim Einparken seines Wagens. Er hatte gerade noch mit seinem Chef telefoniert, das Gespräch war ein wenig kompliziert gewesen, aber macht nichts, kommt eben vor. In zwei Stunden sollte er nach Hause fahren zu seinen Eltern, sie lebten in derselben Stadt, und er hatte noch kein Geschenk für seinen Vater, der Geburtstag hatte. Und im Radio, das brannte sich bei ihm ein, lief gerade ein alter Beatles-Song. Yesterday. All my troubles seemed so far away. Plötzlich bekam er Probleme mit dem Atmen. Er dachte, er wird ohnmächtig, er dachte, er wird verrückt. Er stieg aus dem Wagen. Ein paar Minuten. Dann ging es wieder, er dachte, es ging wieder. Doch dann musste er anfangen zu weinen. Die Passanten schauten ihn an. Es war ihm peinlich. Er setzte sich wieder ins Auto. Und weinte weiter. Eine Stunde lang.

Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen: unter Panikattacken, generalisierten Ängsten oder diversen Phobien, die sie dazu bringen, bestimmte Situationen zu meiden oder sich schlimmstenfalls von der Umgebung völlig zurückzuziehen. Experten sind sich einig, dass es jeden treffen kann, jeder vierte Deutsche muss in seinem Leben damit rechnen. Bei dem einen kommt die Angst früher, bei dem anderen später.