Endlich Ruhe! Endlich mal nichts zu tun haben, kein Stress, keine Pflichten, ganz nach Belieben die Gedanken schweifen lassen dürfen. Und was tun die Leute? Sie verabreichen sich Stromschläge. Das musste der Sozialpsychologe Timothy Wilson von der University of Virginia beobachten, als er seinen Probanden, viel beschäftigten College-Studenten, die Handys abnahm und sie in den denkbar einfachsten und ruhigsten Versuchsaufbau setzte: auf einen Stuhl in einem leeren Raum.

Die Versuchspersonen sollten einfach nur eine Viertelstunde in Ruhe sitzen – und bekamen auch noch Geld dafür. Eine angenehme Situation, möchte man meinen. Aber für sie war es eine Qual. "Wir haben gesehen, dass es die meisten Menschen nicht genießen, 'einfach nur zu denken', und es klar vorziehen, etwas anderes zu tun zu haben", resümierte Wilson. Also gab er ihnen etwas zu tun. Auf Knopfdruck konnten sie sich selbst Elektroschocks verpassen. Wilson erwartete nicht ernsthaft, dass sie diese Optionen wählen würden, doch er wurde wieder überrascht: Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen setzten sich freiwillig unter Strom. "Offenbar war es so unangenehm, einfach für 15 Minuten mit seinen eigenen Gedanken allein zu sein, dass viele Teilnehmer den Drang verspürten, sich selbst Elektroschocks zu verabreichen", sagt Wilson.

Warum fiel es ihnen so schwer, die Ruhe auszuhalten? Sehnen wir uns in einer hektischen Welt nicht genau danach? In der Tat, Menschen brauchen Ruhe. Das Gehirn hat ein physiologisch messbares Ruhebedürfnis. Aber es ist eine Kunst, Ruhe zu finden, vor sich selbst und vor den anderen – eine Kunst, die wohl nicht nur die Studenten in Virginia neu lernen müssen. "Handy aus und Tür zu" reicht offenbar nicht.

Was suchen wir überhaupt, wenn wir uns nach Ruhe sehnen? Da werden vielleicht Fantasien wach von stillen Berggipfeln oder einem Palmenstrand, an den sanft die Brandung rauscht. Kein Lärm, kein Gelaber, kein Müssen, kein Sollen, einfach mal abschalten. Aber wo ist der Aus-Knopf?

Solange ein Mensch am Leben ist, herrscht niemals Funkstille in seinem Gehirn, nicht einmal im tiefsten Schlaf. Mit dem Energieverbrauch einer 20-Watt-Glühbirne werkelt unser Zentralorgan unablässig dahin, von der Wiege bis zum Grab. Irgendetwas ist immer los zwischen unseren Ohren – es kommt nur drauf an, was. Neurophysiologisch gesehen seien wir in Ruhe, "wenn die Hirnsysteme, die uns vorantreiben, herunterfahren", sagt der österreichische Neuropsychologe Niels Birbaumer, der an der Universität Tübingen und am Wyss Center for Bio- and Neuroengineering in Genf forscht. Wenn also jene Systeme schweigen, "die zielstrebig nach vorne blicken, die uns suchen lassen, die uns belohnen und bestrafen". Wenn sie Ruhe geben, ist der Kopf frei von willentlicher Anspannung. Das bedeutet nicht unbedingt Leere im Kopf. Im Gegenteil, der vom Wollen befreite Kopf hat Raum für Gedankenspiele. Aber die Gedanken sind nicht mehr auf ein Ziel gerichtet. Sie weisen in keine Richtung mehr.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/17.

In diesen Zustand geraten viele Menschen regelmäßig von selbst, wenn sie in ihr Nachmittagstief fallen. Morgens noch, spätestens nach dem ersten Kaffee, sind sie voller Tatendrang. Sie wollen gar keine Ruhe haben, sie wollen etwas zustande bringen. Nach einigen Stunden jedoch regelt die innere Uhr das Energieniveau herunter. Das Ruhebedürfnis mancher Menschen wird so mächtig, dass sie gar nicht anders können, als sich zu einem Nickerchen hinzulegen. Und auch jenen, die wach bleiben, fällt es schwer, sich zu konzentrieren. Die Aufmerksamkeit schweift ab. Die Gedanken beginnen zu wandern. Die Zeit der Tagträume beginnt. "Tagträume" – dieser Begriff taucht selten in den Fachzeitschriften auf. Psychologen sprechen eher von "aufgabenunabhängigem Denken" (task-unrelated thought). Man denkt ohne Zweck. Das ist der Zustand, den man Ruhe nennen kann. Man will nichts, strebt nach nichts, freut sich auf nichts, fürchtet nichts, ist von keinem Bedürfnis getrieben. Die Stressreaktionen, die mit zielgerichtetem Denken verbunden sind, klingen ab.

Als Forscher in den 1970er Jahren begannen, sich näher mit diesem Zustand, den wohl jeder kennt, zu beschäftigen, benutzten sie eine simple Technik namens thought sampling. Sie statteten Probanden mit Funkempfängern aus, piepsten sie zu verschiedenen Zeiten an und fragten sie, was ihnen gerade durch den Kopf gehe. Solche Studien zeigten stets, dass Menschen sich in so gut wie allen erdenklichen Situationen mentale Auszeiten nehmen und ins Tagträumen abgleiten.

Der englische Psychologe Jonathan Smallwood hat gemessen, dass wir zehn bis 20 Prozent unserer Zeit mit Tagträumerei verbringen. Meist wandert die Aufmerksamkeit von irgendeiner Beschäftigung – ein Buch lesen, eine Mail schreiben, dem Partner zuhören – in die Ferne. Der Ausdruck "tagträumen" trifft es gut: Die Vorstellungen kommen oft wie aus dem Nichts ins Bewusstsein, wie die Träume der Nacht. Psychologen wissen seit Langem, dass uns im Abstand von 90 Minuten besonders lebhafte Tagträume kommen, entsprechend dem Rhythmus des besonders traumreichen REM-Schlafs während der Nacht – und manche Forscher glauben, dass Tag- und Nachtträume nur verschiedene Schattierungen des gleichen Zustands sind.