Der Mensch sei ein Mängelwesen, schrieb der Philosoph Arnold Gehlen 1940. Daraus wurde ein Fortschrittsmythos: Weil seine in der Evolution entwickelten Organe zu schwach sind, versucht er diesen Mangel mittels Technik auszugleichen, um Probleme zu lösen. Dumm nur: Zahlreiche Probleme, denen der Mensch sich gegenübersieht, hat er sich selbst eingebrockt. Also setzt er seine technische Fantasie in Bewegung, um ein Ding zu erfinden, das es besser kann als er. Und immer nagt der Zweifel weiter: Ist das schon gut genug, oder kann man das noch besser machen? Zum Beispiel: Der Korkenzieher

Das Problem

Winzer beginnen im 17. Jahrhundert, ihre Weinflaschen mit einem Korken fest abzudichten, um sie während der Gärung liegend aufstapeln zu können. Anders als herkömmliche Korkverschlüsse, wie sie heute noch etwa bei Whiskyflaschen genutzt werden, lassen sich die Korken nicht mehr per Hand abdrehen. Zuerst behalfen sich die Leute mit einem steel worm, einer Metallspindel, mit der man Gewehrläufe reinigt. Doch die ist unhandlich. Samuel Henshall, ein Pfarrer, lässt schließlich 1795 den ersten "richtigen" Korkenzieher patentieren: einen Holzgriff mit einer Spindel daran, die in den Korken hineingedreht wird.

Ist das schon gut genug?

Kommt darauf an, wie kräftig derjenige ist, der den Korken herausziehen soll. Die Gleitreibung des Korkens im Flaschenhals ist so stark, dass dies eine mühsame Operation ist: Flasche zwischen die Beine oder Füße klemmen und dann mit Kraft nach oben ziehen. Das kann es noch nicht sein, denkt sich Edward Thomason 1802. Er konstruiert ein Gerät, das aus zwei ineinander verschachtelten Gewinden besteht.

Der Vorteil: Hat man die Spindel in den Korken gedreht, braucht man nur weiter im Uhrzeigersinn zu drehen, und die Drehbewegung zieht über das äußere Gewinde den Korken aus der Flasche. Das funktioniert, weil Thomason eine äußere Halterung in Form eines Rings dazugebaut hat, der auf dem Flaschenhals sitzt. Der Ring übernimmt also die Aufgabe der Beine oder Füße. Viel bequemer! 1832 wird der fleißige Erfinder zum Ritter geschlagen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/17.

Ist es jetzt gut genug?

Für Karl Wienke nicht. Es gibt Menschen, die auch im Handgelenk nicht so viel Kraft haben. Die Drehbewegung strengt sie an. Wienke erfindet deshalb 1882 den "Waiter’s Friend", den heute klassischen Kellner-Korkenzieher. Heraus kommt der Korken nun nicht mittels Drehen, sondern über einen Hebel, der sich auf dem Flaschenhals abstützt. Das geht nicht nur mit weniger Kraftaufwand, sondern auch schneller – für Kellner im hektischen Restaurantbetrieb ein echter Gewinn. Interessant ist Wienkes Erfindung, weil sie dem Korkenzieher eine "einfache Maschine" hinzufügt: den Hebel.

Einfache Maschinen sind das Fundament technischer Apparate. Heron von Alexandria systematisierte sie erstmals vor 2.000 Jahren. Der Keil als schiefe Ebene und der Hebel vermindern den Kraftaufwand einer Tätigkeit, das Rad setzt eine Drehbewegung in eine gerade Bewegung um, die Rolle mit Seil wiederum lenkt eine Kraft um. Neville Heeley verbesserte Wienkes Ansatz, indem er zwei Hebel nutzte, die über ein Zahnrad in ein Gewinde greifen – dieser zweiflügelige Korkenzieher ist auch heute noch verbreitet.

Und nun? Endlich fertig?

Der amerikanische Ingenieur Herbert Allen fügte dem mechanischen Korkenzieher noch zwei Erfindungen hinzu: Der "Screwpull" von 1979 verbesserte Edward Thomasons simples Modell von 1802, und der "Selbstzieher" von 1981 verbesserte die Hebel-Korkenzieher. Es bleibt aber dabei: Die nötige Kraft muss der Mensch aufbringen. Muss er das wirklich?

Zwei neue Erfindungen machen damit Schluss. Sie verkörpern das Versprechen des modernen technischen Zeitalters, in dem rein mechanische Geräte als altmodisch gelten. Philips bringt in den achtziger Jahren einen elektrischen Korkenzieher auf den Markt. Nun genügt ein Tastendruck, um die Spindel mithilfe eines Elektromotors zu drehen. Wieder ein neues Küchengerät im Schrank. Das Coravin-Patent von 2010 nutzt die Thermodynamik von Gasen: Eine hohle Nadel bohrt sich durch den Kork in die Flasche, Gas strömt hindurch und erhöht den Luftdruck oberhalb der Flüssigkeit, bis der Korken langsam herausgedrückt wird.

Das ist der Punkt, an dem Lucius Burckhardt lächeln würde. Der 2004 verstorbene Schweizer Designtheoretiker mokierte sich über das Phänomen der "Kontraproduktivität" zeitgenössischen Designs: Irgendwann erreicht die Technik eine Stufe, auf der ein Apparat dem Mängelwesen Mensch nur noch minimalen persönlichen Aufwand abverlangt – dafür den Apparat aber in ein größeres System einbettet, das einen Aufwand anderer Art nach sich zieht. Der Elektrokorkenzieher braucht Strom, der Coravin eine Gaskartusche. Ohne diese Zusätze sind beide Geräte nicht mehr zu gebrauchen. Burckhardt hatte dazu eine klare Meinung: "Wir sollten diejenigen Objekte meiden, die uns dazu zwingen, weitere Zusatzgeräte zu kaufen."