In einem Lied des österreichischen Kabarettisten Josef Hader gibt es einen tapferen Philodendron, der von Sonne, Wind und Schmetterlingen träumt und darum von den anderen Topfpflanzen als Spinner belächelt wird. Doch eines Tages nimmt der Philodendron seinen Topf unter den Arm und zieht nach draußen zu Bienen, Kuhfladen und Regenwürmern.

Würden Zimmerpflanzen, wenn sie könnten, es dem Philodendron gleichtun und ihre Töpfe verlassen, da sie ein freies Leben auf der Blumenwiese der bequemen All-inclusive-Zimmerexistenz vorziehen? Dazu müssten Pflanzen zunächst einmal registrieren, dass es Pflanzen, die woanders wachsen, besser geht als ihnen selbst. "Aber wir wissen nicht, ob es pflanzliche 'Glückssignale' gibt, sie würden ihnen wahrscheinlich keinen Nutzen bringen", sagt Uwe Drüge vom Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau in Erfurt, wo Wissenschaftler an Topfblumen forschen.

Dem Philodendron würde es nichts nützen, wenn er wahrnehmen könnte, dass es bessere Standorte als seinen gibt, denn er könnte ja nicht hinlaufen. Als Pflanze ist er ein sesshafter Organismus. Pflanzen bewegen sich wachsend fort. "Und zwar dorthin, wo die Lebensbedingungen für sie passend sind", sagt Annette Hohe, Professorin für Zierpflanzenanbau an der Fachhochschule Erfurt. "Also wachsen Zierpflanzen nicht nach draußen, dort könnten sie nicht überleben. Sie brauchen das tropische Klima des Raumes. Sie wachsen Richtung Licht." Und das wirkt vielleicht so, als ob sie raus in die Natur wollten. "Wir nehmen ihnen ein Stück Freiheit", sagt Eckhard George, Wissenschaftlicher Direktor am Leibniz-Institut. Wir isolieren sie in einer künstlichen Umgebung, verhindern Sex (keine Insekten), gießen und düngen sie oft nicht, dann wieder zu viel. "Kein Tier würde eine solche Zufallsversorgung aushalten", sagt Karl-Josef Dietz, Pflanzenphysiologe an der Universität Bielefeld, "Pflanzen leisten Erstaunliches." Sie sind Meister der Anpassung. Bei Trockenheit bilden sie längere Wurzeln oder machen die Schließstellen der Blätter dicht, um sie vor dem Austrocknen zu schützen, gegen Fressfeinde bilden sie Bitterstoffe. Solche Anpassungsmechanismen setzen eine sensible Wahrnehmung von Reizen voraus.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

Außer den fünf Sinnen des Menschen besitzen Pflanzen noch mindestens 15 weitere, die der italienische Pflanzenforscher Stefano Mancuso in seinen Büchern beschreibt. Wie komplex Pflanzen sind, weiß man noch gar nicht so lange. Die Pflanzenneurobiologie hat inzwischen nachgewiesen, dass sie sich orientieren und regenerieren, dass sie ruhen, interagieren und sogar lernfähig sind.

Ihre Sinnesgaben ermöglichen es den Pflanzen, miteinander zu kommunizieren: über chemische Moleküle, die sie an Luft oder Wasser abgeben und die von anderen Pflanzen wahrgenommen werden. Ihre Wurzeln bilden unterirdische Netzwerke, in denen Informationen über die Umwelt zirkulieren – über möglichen Stress durch Bakterien, Schädlinge oder Hitze.

"Pflanzen registrieren also, wenn Nachbarn Stress haben. Das ist nützlich, dann können sie sich auf die Belastung rechtzeitig vorbereiten", sagt der Zierpflanzenforscher Uwe Drüge. Aber nicht jede Stressäußerung ist als Leiden zu interpretieren. "Wenn Pflanzen auf Stress reagieren oder Stress kommunizieren, dürfen wir das nicht vermenschlichen und mit Schmerz oder 'Schreien' gleichsetzen", sagt George. "Wir wissen nichts über ihr Schmerzempfinden." Pflanzen haben kein Gehirn, kein zentrales Nervensystem, weder Synapsen noch Schmerzrezeptoren. Haben sie also auch kein Bewusstsein, keine Sehnsucht? Will man ihnen möglichst gute Lebensbedingungen bieten, rät George zu großen Gefäßen, in denen Pflanzen gemeinsam wachsen.