1. Vorkommen

Mimotso sagen die Eltern des Bara-Volks in Madagaskar, wenn ihre Kinder schmollen, mihindrotsy sagen die Tao auf der taiwanesischen Insel Lan Yu. Ihre Kinder haben gelernt, dass sie auf eine Bestrafung durch eine Autoritätsperson nicht offen aggressiv reagieren dürfen, da ihnen sonst neuer Ärger droht. Deshalb ärgern sie sich nach innen, sind beleidigt und schmollen – so wie Kinder in Irland, Namibia oder Deutschland. Überall dasselbe. Selbst Affen reagierten in einem Experiment beleidigt: Sie hörten auf, mit ihrem Pfleger zu spielen, wenn sie statt einer süßen Traube wie ihre Artgenossen ein schnödes Stück Gurke bekamen.

Enttäuschte Erwartungen, Angriffe auf das Selbstwertgefühl, die Zurückweisung durch eine geschätzte Person: Es gibt viele Auslöser für beleidigtes Verhalten. Keineswegs zwingend, sogar eher selten, geht dem Beleidigtsein eine tatsächliche Beleidigung im Sinne des Strafrechts voraus. Eher wird im Vorübergehen beleidigt, ohne Absicht – ein skeptischer Blick auf die Frisur kann ausreichen. Und ein Bruder, der den Anruf zum Geburtstag vergisst, ahnt gar nicht, was er anrichtet.

Auch ob jemand schnell beleidigt ist, hängt nicht unbedingt mit der Beleidigung zusammen. "Wer ein geringes Selbstwertgefühl hat, reagiert sensibler, wenn er angegriffen wird", sagt der Emotionspsychologe Jörg Merten. "Emotional stabile Personen können gelassener auf Herabsetzungen reagieren, während Instabile mit offensivem Ärger oder mit Rückzug und Depression den Angriff auf ihren Selbstwert zu regulieren versuchen."

2. Merkmale

Schmollköpfe haben rund um den Planeten eins gemeinsam: das große Verstummen. Auf die Frage "Was ist los?" mag noch ein kurzes "Nichts" kommen – dann hört das Gespräch auf, egal in welcher Sprache. Der Beleidigte ist schon auf dem Rückzug. Der Philosoph Alain de Botton beschreibt Schmollen in seinem Buch Der Lauf der Liebe als "eine Mischung von großer Wut und einem ebenso großen Wunsch, nicht mitzuteilen, worüber man so wütend ist". Dass die Betroffenen sich und ihre Gefühle weder erklären können noch wollen, macht den Umgang mit ihnen schwierig.

Eine eindeutige Mimik hat das Beleidigtsein nicht. "Die ganze Bandbreite der Reaktionsmatrix kann zum Vorschein kommen, vor allem Ärger, Trauer und Verachtung", sagt Jörg Merten, der Emotionsausdrücke am Institut für Mimik- und Verhaltensforschung in Saarbrücken untersucht. Die Arme vor der Brust verschränken, den Unterkiefer vorschieben, einen finsteren Blick aufsetzen und die Schulter um 15 bis 20 Grad von seinem Gegenüber abwenden – diese Körpersprache sieht man vor allem bei beleidigten Kindern. Erwachsene zeigen laut Merten eher Ausdrücke der Verachtung, gemischt mit solchen des Ärgers: Ein Mundwinkel ist angespannt und zieht sich leicht nach oben, der Blick wird starr, die Augenbrauen ziehen sich zusammen. Oft ist eine bestimmte Mimik auch gar nicht nötig – wer kommentarlos aus dem Zimmer rauscht, braucht nicht einmal verächtlich zu gucken.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

3. Zweck

Emotionen haben kommunikativen Wert. Die Beleidigten signalisieren Familie, Freunden oder Kollegen, wie sie reagieren sollen, um der Emotion zu entsprechen. Wozu also das Beleidigtsein? Der Psychotherapeut Joseph Berke unterscheidet in seinem Buch Why I Hate You and You Hate Me drei Zwecke des Beleidigtseins. Erstens: Jemand schmollt, um etwas zu bekommen, das er nicht hat oder von dem er glaubt, er habe es nicht. Ein Fußballer zum Beispiel, der (aus garantiert nichtsportlichen Gründen!) vom Trainer aus der Startelf gekickt wurde, will seinen Stammplatz zurück. Durch den bewussten, sehr manipulativen Rückzug will eine schmollende Person ihr Gegenüber dazu bringen, ihr mehr (ihr zustehende!) Aufmerksamkeit zu schenken.