Gelegentlich genervt sind wir alle mal. Aber warum lassen sich manche Menschen leichter aus der Fassung bringen als andere, geraten sofort in Rage und deuten jede noch so kleine Provokation als Kriegserklärung? Was ist los mit den Immer-Impulsiven, den Dauer-Dünnhäutigen? Neurowissenschaftler führen eine hohe Reizbarkeit mitunter auf physiologische Besonderheiten im Gehirn zurück. "Eine Theorie ist, dass bei sehr leicht reizbaren Menschen die Emotionsregulation gestört ist", sagt die Psychiaterin Ellen Leibenluft vom US-amerikanischen National Institute of Mental Health.

Dieser Prozess lässt sich vereinfachend so beschreiben: Zunächst wird in einem evolutionär sehr alten Teil des Gehirns, der Amygdala, entschieden, ob ein Reiz – etwa eine Beleidigung – emotionalen Wert hat, etwa weil er auf eine Bedrohung hindeutet. Dann wird im präfrontalen Kortex, einer Hirnregion hinter der Stirn, überprüft, ob die Situation wirklich gefährlich ist, ob die erste, spontane Reaktion gerechtfertigt war. Stellt sich dabei heraus, dass doch keine Gefahr besteht, kann der präfrontale Kortex dafür sorgen, dass aufkeimende Gefühlsregungen, Ärger oder Angst, unterdrückt werden.

Dieser Mechanismus scheint bei leicht reizbaren Menschen nicht gut zu funktionieren. Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren legen nahe, dass bei ihnen die Konnektivität zwischen den beiden Hirnarealen schwächer ist. Aber ist die Erklärung tatsächlich so einfach? Ist es allein die Regulation der Emotionen, die reizbaren Menschen schwerfällt? Kann es nicht auch sein, dass sie Reize intensiver wahrnehmen als andere, dass sie wirklich "dünnhäutiger" sind?

Bereits in den 1960er Jahren stellte der Psychologe Hans Jürgen Eysenck die Theorie auf, nach der manche Menschen – er nannte sie Neurotiker – emotional labiler und leichter erregbar seien als andere, weil das Emotionszentrum in ihrem Gehirn eine niedrigere Reizschwelle habe als das von weniger sensiblen Menschen. Wissenschaftlich bewiesen ist das bis heute nicht. "Und selbst wenn wir wüssten, dass im Gehirn von leicht reizbaren Menschen irgendetwas anders läuft, wissen wir nicht, warum das so ist", sagt Jule Specht, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Berliner Humboldt-Universität.

Reizbarkeit wird in der Psychologie als Zeichen für eine starke Ausprägung des Neurotizismus gesehen, der zu den fünf grundlegenden Dimensionen der Persönlichkeit, den Big Five, gezählt wird. Über die biologischen Wurzeln der Big Five rätseln Forscher noch immer. Einerseits sind es die Gene, die die neuronalen Netzwerke in unserem Kopf formen und somit die Architektur unserer Gefühlswelt und Persönlichkeit. Andererseits prägen Erfahrungen unseren Charakter. Specht hat in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass negative Lebensereignisse die Ausprägung des Neurotizismus nachhaltig steigern. "Krankheiten, Trennungen und Trauerfälle können die emotionale Stabilität mindern, und zwar dauerhaft", sagt sie. Ist Reizbarkeit also schlicht ein Indiz dafür, dass einem Menschen viel Schlimmes widerfahren ist?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

"So einfach ist das nicht", sagt der Psychiater Ludger Tebartz van Elst. Eine Charaktereigenschaft werde nicht allein von Genen und Erfahrungen beeinflusst, sondern auch von anderen Facetten der Persönlichkeit. Kreative und intelligente Menschen etwa kämen häufig gut mit ihrer Reizbarkeit zurecht. "Mitunter eignen sie sich so wirkungsvolle Kompensationsstrategien an, dass man ihnen ihre Reizbarkeit gar nicht mehr anmerkt", sagt er. Auch Humor könne Reizbarkeit maskieren oder sogar mindern: "Nichts hilft so effektiv gegen emotionale Erregung wie ein guter Witz."