Am Abend eines wunderschönen Tages Anfang Mai 1905 spazierte Albert Einstein mit seinem Freund Michele Besso durch Bern. Sie diskutierten über das Wesen von Raum und Zeit und den unerhörten Gedanken des Physikerkollegen Ernst Mach, dass Geist und Materie in Wirklichkeit eins seien. Mit einem Kopf voller Ideen setzte Einstein sich zu Hause, während Frau und Baby schliefen, an den Tisch und kritzelte los. Irgendwie war ihm auf diesem Gang gelungen, was er später "den Schritt" nannte: ein neues Verständnis der Grundbegriffe der Physik. Am nächsten Morgen begrüßte er Besso, mit dem er ein Büro im Patentamt teilte, mit dem Ruf: "Ich habe mein Problem gelöst!"

So begann das Wunderjahr der Physik, in dem Einstein mit vier Aufsätzen, von denen ihm jeder einzelne zur Unsterblichkeit gereicht hätte, seine Disziplin quasi neu erfand: mit einem Spaziergang. Schon möglich, dass Einstein es auch geschafft hätte, wenn er damals in Bern die Tram genommen hätte, statt zu gehen. Sehr wahrscheinlich aber hat die Bewegung des Gehens auch seine Gedanken in Bewegung gebracht. Albert Einstein war besonders schlau, er ist zeit seines Lebens gern gegangen, und vermutlich hängt beides zusammen.

Das Beispiel Albert Einstein gibt einen Hinweis darauf, wie genau beides zusammenhängen könnte. Das Gehirn des berühmtesten Physikers seit Isaac Newton wurde nach seinem Tod in feine Scheiben geschnitten, konserviert und fotografiert. Immer wieder haben es Wissenschaftler seither untersucht, um hinter das Geheimnis des Genies zu kommen. Vor ein paar Jahren nahmen die Anthropologin Dean Falk und ihr Team von der Florida State University die Fotos von Einsteins Denkorgan näher unter die Lupe und fanden etwas, das sie für "einen Schlüssel zu seiner hohen Intelligenz" halten: Die Hälften seines Gehirns sind auffällig gut miteinander vernetzt. Zwar ist sein Gehirn insgesamt eher ein Leichtgewicht, aber sein Corpus callosum, das weiße Gewebe zwischen seinen Hemisphären, ist auffällig gut entwickelt. Sein Gehirn war also bestens gebaut dafür, entfernte Gehirnareale miteinander zu verbinden – Zusammenhänge zu erkennen. Eben dafür, das Zusammenspiel von Raum und Zeit tiefer zu durchschauen als alle klugen Köpfe zuvor.

Und was hat das mit dem Gehen zu tun? Das ist eine lange Geschichte, die vor ein paar Millionen Jahren beginnt. So lange gehen Menschen und ihre Vorfahren schon. Sie sind schlauer und schlauer geworden – und das ist kein Zufall. Wer geht, kann mehr sehen, er hat die Hände frei für komplexe Tätigkeiten, und er bewegt sich so sparsam fort, dass er noch Energie übrig hat – zum Beispiel für ein großes Gehirn. Unser Zentralorgan macht nur rund zwei Prozent des Gesamtgewichts aus, beansprucht aber 20 Prozent des Energieumsatzes. Würden wir nicht so minimalistisch auf zwei Beinen durch die Welt wandern, könnten wir uns so viel Hirnschmalz gar nicht leisten. Zumindest unsere Sapiens-Urahnen hätten es nicht gekonnt.

Aber damit ist die Geschichte vom Gehen und vom Gehirn noch nicht zu Ende. Gehen ist eine motorisch anspruchsvolle Tätigkeit, sie erfordert Koordination und Gleichgewichtssinn. Während andere Säugetiere fast von Geburt an durch die Welt springen, brauchen menschliche Kinder ein Jahr, bis sie sich auf zwei Beinen bewegen können. Eine Besonderheit des Zusammenspiels zwischen menschlichem Gehirn und Körper ist die Lateralisierung: Die rechte Gehirnhälfte kontrolliert die linke Körperhälfte und umgekehrt. Beim Gehen und bei anderen beidseitigen Bewegungsarten wie Kraulschwimmen und Radfahren müssen sich die Hemisphären daher eng absprechen. Sie übernehmen abwechselnd die Kontrolle über die Bewegungen und die Verarbeitung von Wahrnehmungen. Immer wieder verschieben sie Informationen von einer Seite zur anderen. Dabei werden Ideen und Erinnerungen gefiltert, sortiert und neu zusammengefügt. Neurophysiologisch gesehen ist es also gar kein so großes Wunder, dass der Auftakt zu Einsteins Wunderjahr ein Spaziergang war.

Die Bewegung beim Gehen führt dazu, dass sich die Gehirnhälften vernetzen. Gehen macht schlauer

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

Im Vergleich zu anderen Tierarten ist jeder Homo sapiens ein Einstein. Das große Gehirn und der aufrechte Gang – das sind gerade die Merkmale, die uns in der irdischen Fauna auszeichnen. Der Verdacht liegt nahe, dass beides zusammenhängt. Tatsächlich vermuten Evolutionsbiologen, dass wir unseren Grips erst so richtig in Schwung bringen konnten, nachdem wir uns auf die Hinterbeine gestellt hatten. Dann hatten wir die Hände frei für motorisch anspruchsvolle Tätigkeiten und eine bessere Aussicht auf die Welt um uns herum. Das zentrale Steuerorgan bekam mehr zu tun und wuchs an seinen Aufgaben.

Gehen hat uns also schlau gemacht – aber die Sache hat einen Haken. Oder besser gesagt, ein Nadelöhr: den Geburtskanal. Um gut zu gehen, brauchen Menschen ein schmales Becken. Um schlaue Menschen mit großen Gehirnen zur Welt zu bringen, brauchen Frauen jedoch ein breites Becken. "Obstetrisches Dilemma" nennen Evolutionsbiologen diesen Zusammenhang und Widerspruch zwischen Gehen und Denken.

Die Natur hat ihr Bestes getan, um aus diesem Dilemma herauszufinden: Sie hat das weibliche Becken etwas breiter gebaut als das männliche und einen Großteil des Gehirnwachstums in die Zeit nach der Geburt verlegt. Der menschliche Geburtskanal ist gerade eben groß genug, um den Schädel des Babys mit einigem Quetschen und Drücken passieren zu lassen. Jede werdende Mutter kann ihre Flüche während der Geburt auf den aufrechten Gang richten. Vierbeinerinnen gebären weniger qualvoll.

Paläoanthropologen wissen, welchen Aufwand die Evolution trieb, um unser sperriges Gehirn mit dem aufrechten Gang zu vereinbaren. Sie untersuchten den Schädel des Taung-Kindes, eines Skeletts, das 1924 in Südafrika gefunden wurde. Es war der erste Fund eines Australopithecus überhaupt. Das Kind hatte vor 2,5 Millionen Jahren gelebt und war mit drei oder vier Jahren gestorben. Der Schädel weist bereits eine Struktur von teilweise verwachsenen Fontanellen auf, wie sie auch die Babys von heute haben, um ihr Hirnkastl fügsam für die Reise durch den Geburtskanal und für das anschließende rasante Gehirnwachstum zu machen. Bei menschlichen Kindern bleibt die vordere Fontanelle für mehrere Jahre offen. Ihr Zentralorgan ist deutlich schlechter geschützt als das von Erwachsenen, aber nur so kann es zu voller Leistung heranwachsen.

Wegen der knappen Passung also sind alle menschlichen Babys sozusagen Frühgeborene. Andere Säugetiere stehen kurz nach der Geburt auf eigenen Beinen, Menschenkinder sind jahrelang auf Fürsorge angewiesen. Eltern wissen, was das bedeutet und wie gut man dabei Unterstützung gebrauchen kann, von den Großeltern, Onkeln und Tanten, von Freunden. Auf diese Weise hat das Gehen die Entwicklung der Menschen zu sozialen Wesen verstärkt. Einzelgänger kommen nicht weit, evolutionär gesehen.