Ein Gedankenexperiment: Im März 1933, wenige Wochen nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten, werden alle jüdischen Deutschen aus ihren Wohnungen und Häusern gezerrt und aus den Fabriken, Kanzleien, Praxen, Universitäten, Schulen geholt, in Reihen geordnet und zum Bahnhof eskortiert, wo sie dann in Güterwaggons gepfercht und nach Osten zur Vernichtung abtransportiert werden. Ihr Hab und Gut wird versteigert, ihre Geschäfte übernehmen nichtjüdische Deutsche. Nach wenigen Wochen ist keiner mehr da.

Wäre das 1933 möglich gewesen? Nein. Denn zu diesem Zeitpunkt hätte sich jeder nichtjüdische Deutsche, egal ob Antisemit oder nicht, fraglos einem moralischen Universum zugeordnet, in dem humanistische Werte und Standards galten. Aber: Exakt das alles ereignete sich nur acht Jahre später in der Wirklichkeit des "Dritten Reichs", und alle Nichtbetroffenen hielten das inzwischen für erwartbar und normal, vereinbar mit ihren Moralvorstellungen und ihrem Weltbild.

Zwischen 1933 und 1941 hatte sich eine moderne Gesellschaft des christlich-abendländischen Kulturkreises innerhalb von nur acht Jahren in eine radikale Ausgrenzungsgesellschaft verwandelt – und zwar so, dass die nichtjüdischen Deutschen die tiefe Veränderung ihrer Welt und ihrer Moral selbst gar nicht bemerkten und die ganze Zeit über in der Lage waren, ihre gegenmenschlichen Haltungen mit dem Selbstbild in Einklang zu bringen, gute Menschen zu sein.

Dieselben Bürgerinnen und Bürger, die 1933 für undenkbar gehalten hätten, dass Deportationszüge vom Berliner Bahnhof Grunewald abfahren, konnten wenige Jahre später genau das bezeugen. Nicht wenige von ihnen hatten inzwischen "arisierte" Kücheneinrichtungen, Wohnzimmergarnituren oder Kunstwerke gekauft. Nicht wenige saßen auf den Arbeitsplätzen, Lehrstühlen, Beamtenstellen, von denen man ihre jüdischen Mitbürger entfernt hatte. Und sie fanden das völlig normal.

Wir sehen hier nicht das absolute Grauen des Holocausts, keine Gaskammern und keine Leichenberge, sondern das unspektakulärere, alltäglichere Bild einer Gesellschaft, die zunehmend verbrecherisch geworden ist. Oder genauer gesagt: die moralisch umdefiniert hat, was als erwünscht und verwerflich, gut und schlecht, ordnungsgemäß und kriminell gilt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

Alle Einzelschritte der radikalen Ausgrenzung der jüdischen Deutschen fanden in der Öffentlichkeit statt, bis hin zu ihrem Abtransport. Das Deportationsgleis 17, von dem mehr als 50.000 jüdische Deutsche deportiert worden sind, lag mitten im Berliner Stadtteil Grunewald, einem der bürgerlichsten und reichsten Wohnviertel der Reichshauptstadt.

Dies ist das negative Paradebeispiel einer shifting base line – jenes faszinierenden Phänomens, dass Menschen immer exakt jenen Zustand ihrer Umwelt für den "natürlichen" halten, der mit ihrer aktuellen Lebens- und Erfahrungszeit zusammenfällt. Veränderungen der sozialen und physischen Umwelt werden nicht absolut wahrgenommen, sondern immer nur relativ zum eigenen Beobachterstandpunkt. Und der Veränderungsprozess ist im Alltag auf so kleine Einzelschritte und Verschiebungen in Sprache und Umgangsweisen aufgeteilt, dass es dem Einzelnen gar nicht auffällt, wie er seine Wahrnehmungen und Einstellungen mit seiner sich verändernden Welt selbst verändert.