Stundenlanges Anstehen war in den Staaten des Ostblocks Alltag. Ein Drittel seines Lebens soll der durchschnittliche Sowjetbürger mit Warten zugebracht haben. Im sozialistischen Polen benötigte eine Hausfrau dreieinhalb Stunden für ihre täglichen Einkäufe. In langen Schlangen vor Geschäften aller Art harrte man aus, oft ohne zu wissen, ob es am Ende Kartoffeln, Milch oder Winterschuhe zu erstehen gab. Oder ob es überhaupt etwas zu kaufen gab. Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin treibt in seinem 1985 erschienenen Roman Die Schlange die sozialistische "Anstehkultur" auf eine satirische Spitze. Sein Buch besteht ausschließlich aus Dialogen zwischen Wartenden, der Leser weiß bis zum Schluss nicht, worauf die Anstehenden genau warten. Sie warten ...

Das Warten kennt man natürlich auch im Westen. Hier wartet man auf den Bus, auf Weihnachten, auf eine Wurzelbehandlung oder einen Asylbescheid. Die Warterei ist vielfältig, aber vor allem eines: nervig. In keiner anderen Situation werden wir uns der Zeit so bewusst wie in Momenten des Wartens. Quälend zieht sie sich in die Länge. Man wird ungeduldig, wütend, möchte sie gar "totschlagen". Während beim Nichtwarten die Zeit einfach vergeht, ohne dass wir Kenntnis von ihr nähmen, rückt sie für den Wartenden ins Zentrum seiner Wahrnehmung. Diese "Zentralität der Zeit" erklärt der Soziologe Rainer Paris in seiner Studie von 2001 Warten auf Amtsfluren zum wichtigsten Charakteristikum des Wartens. Die Zeit steht zwischen uns und einem Ereignis, dessen Eintritt wir wünschen.

"Warten ist kein Selbstzweck", schreibt Paris. "Es hat grundsätzlich teleologische Struktur." Es ist zielgerichtet. Warten wir also immer auf etwas? Kurz gesagt: Ja. Warten ohne Ziel ist wie Paartanz ohne Partner.

Aber zugleich wohnt dem Warten ein Hauch von Ungewissheit inne. Friederike Gräff, Autorin des Buches Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands, sagt: "Es ist immer auch ein Hoffen auf etwas Zukünftiges. Deshalb wissen wir nicht immer genau, worauf wir eigentlich warten." Auch in den Warteschlangen des Sozialismus wusste man nicht, was es am Ende zu kaufen gab, ein Ziel hatten die Wartenden aber dennoch.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

"Wer nicht weiß, worauf er wartet, der weiß zunächst nicht, dass er überhaupt wartet", behauptet der Soziologe Andreas Göttlich von der Universität Konstanz. Erst in der Rückschau, nämlich dann, wenn ein Ereignis, das wir gar nicht erwartet hatten, eingetreten ist, wird die Zeit zur Wartezeit. Ein Beispiel: Eine Frau aus einem Alpendorf steht mit 38 Jahren zum ersten Mal auf einem Surfbrett. Der Wind, das glitzernde Wasser, die Wellen – ein Glücksgefühl überwältigt sie. Das ist es, sagt sie sich, worauf ich mein Leben lang gewartet habe. "Im Verlauf des Lebens gibt es viele Phasen", sagt Göttlich, "die wir in der Retrospektive umdeuten." Die Jungsurferin hat natürlich nicht ihr Leben lang auf diesen Glücksmoment auf dem Board gewartet, aber rückblickend fühlt es sich für sie so an. Ähnlich ergeht es Menschen, die ihre große Liebe gefunden haben: Die Zeit davor empfinden sie plötzlich als ein großes Warten – obwohl sie währenddessen mit anderen Partnern glücklich waren.

Es gibt aber auch Situationen, die wir im Moment des Erlebens allzu gern als Warten bezeichnen, obwohl wir wissen, dass wir gar nicht warten. Etwa wenn wir uns selbst vormachen, nur auf den richtigen Moment zu warten, um jemandem zu gestehen, dass wir uns in ihn verknallt haben. Den Teufel warten wir! Wir haben nur die Hosen voll. In diesem Fall wissen wir zu genau, worauf wir warten. Ohne zu warten. —