Der Ort Datteln liegt im Ruhrgebiet und ist, zumindest auf den ersten Blick, nicht schön. Ein-Euro-Shops, Spielhallen, Kioske mit Plastikstühlen vor der Tür, und da, wo mal der Bahnhof war, ist nur noch Brachland. Hierher kommen Familien in schweren Momenten: wenn ihr Kind chronische Schmerzen hat oder gar nicht mehr geheilt werden kann. Boris Zernikow hat an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln zusammen mit seinem Team das Deutsche Kinderschmerzzentrum aufgebaut und die erste Palliativstation für Kinder. In seinem Büro gruppiert sich ein buntes Sammelsurium von Unterlagen, Grußkarten, Notizen und Fotos auf engstem Raum um ihn herum. Eigentlich müsste hier mal aufgeräumt werden. Aber er hat Wichtigeres zu tun. Jetzt zum Beispiel, seinem Besuch einen Kaffee zu holen.

ZEIT Wissen: Gibt es etwas, was Sie immer wieder an Kindern überrascht?

Boris Zernikow: Einige Kinder, die in schlimmen sozialen Umgebungen aufwachsen, in Familien, aus denen man eigentlich nur krank rauskommen kann, schaffen es trotzdem, psychisch gesund und stark zu sein. Selbst wenn sie schwer missbraucht wurden, gibt es Kraftquellen, die diese Kinder für ihr Leben gefunden haben. Es ist erstaunlich, wie widerstandsfähig einige Kinder sind gegen Dinge, die einfach nur schrecklich sind.

ZEIT Wissen: Wo sitzen diese Kraftquellen?

Zernikow: Das kann ein starkes eigenes Ich sein. Oder das Soziale: Auch wenn Kinder wenig Liebe und Unterstützung erlebt haben, kümmern sich manche von ihnen sehr gut um andere und nehmen Stimmungen wahr. Oder sie schöpfen Kraft aus der Musik, dem Sport.

ZEIT Wissen: Woher kommen diese Kräfte?

Zernikow: Sie sind von Anfang an da, vielleicht hat sie der liebe Gott mitgegeben? Wenn man Menschen kennenlernt, die gerade geboren sind und sie dann später im Leben wieder trifft, ist es erstaunlich, wie viel an Persönlichkeit schon bei der Geburt da war.

ZEIT Wissen: Sie arbeiten viel mit schwerstbehinderten Kindern, wie ist das bei denen?

Zernikow: Da ist es genauso. Für viele, die von außen draufgucken, sehen Menschen mit schweren Behinderungen irgendwie alle gleich aus. Wenn man sich aber mit ihnen beschäftigt, lernt man ihre Individualität schätzen. Für viele in der Gesellschaft sind schwer behinderte Menschen auch unästhetisch. Das sind sie nicht. Es ist nur eine Frage der Haltung. Bei jedem dieser Kinder findet man etwas Besonderes und auch etwas besonders Schönes.

ZEIT Wissen: Wird das genaue Hinschauen in unserer Gesellschaft eher besser oder schlechter?

Zernikow: Ich glaube, das Schauen auf das Individuelle wird überlagert von Anspruchshaltungen. Zudem verändert sich die Gesellschaft, und diese Veränderungen betreffen Kinder mehr als Erwachsene: Armut, Migration, Arbeitslosigkeit. Dazu kommen noch psychische Erkrankungen bei Eltern, die leider zunehmen, wie Depressivität oder Alkoholismus. Und dann gibt es die andere Seite, die der Wohlstandsverwahrlosung.

ZEIT Wissen: Wie erleben Sie die?

Zernikow: Im Familiengespräch zum Beispiel: beide Eltern Akademiker, gute Berufe, viel Geld. Das Kind hat ein Problem, zum Beispiel chronische Schmerzen. Im Gespräch kommt heraus, dass es in der Schule gemobbt wird, und das Kind fängt an zu weinen. Und dann sitzen da diese beiden Akademiker-Eltern, das Kind weint, und sie reagieren nicht ...

ZEIT Wissen: ... nehmen das Kind nicht in den Arm ...

Zernikow: ... genau, viele dieser Menschen nehmen die Bedürfnisse ihrer Kinder gar nicht mehr wahr. Sie müssen in ihrem Beruf so wahnsinnig gut funktionieren. Es gibt wenige Räume außerhalb der Funktionalität, und dann sollen die Kinder bitte sehr auch einfach funktionieren.

ZEIT Wissen: Auch sehr arme Menschen müssen viel arbeiten, was ist da anders?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

Zernikow: Da gibt es häufig andere Formen des Umgangs und leider auch der Verwahrlosung. Unsere Gesellschaft ist gewohnt und trainiert, darauf zu achten. Danach sind auch die Gesetze ausgerichtet. Wenn ein Kind morgens nichts zu essen bekommt, weil beide Eltern Nachtschicht hatten, oder wenn ein Kind seine Geschwister alleine versorgen muss, sagen wir zu Recht: Da müssen wir das Jugendamt einschalten. Die anderen aber, die gut aussehen, immer gut gekleidet sind, wo die Verwahrlosung rein emotional ist, die rutschen durch. Diese Gruppe von Kindern nimmt allerdings nach meiner Wahrnehmung zu.

ZEIT Wissen: Wie entdecken Sie die Kraftquellen?

Zernikow: Wir arbeiten im Team. Manchmal merkt eine Musiktherapeutin, dass ein Kind zwar bisher noch nie Musik gemacht hat, aber total begabt ist und Spaß hat, wenn es sich ans Klavier setzt. Oder die Pflegenden sagen: Oh, wir haben zusammen gekocht, und das war derjenige, der auch geguckt hat, dass hinterher aufgeräumt wird, oder gemerkt hat, dass ein weniger begabtes Kind Hilfe benötigte. Zeit für die Kinder zu haben, das ist ganz wichtig, und aus verschiedenen Perspektiven zuzuhören und hinzuschauen.