Gewaltige Berge nähern sich und verschwinden wieder, das Tal öffnet sich, wird zur weiten Savanne, die Bäume des Rift Valley fliegen vorbei. Heißer Fahrtwind bläst über den voll beladenen Lkw, wir kauern uns auf den Säcken zusammen. Es geht nach Süden. Wohin, weiß ich nicht, und der weite Himmel Ostafrikas erfüllt mich mit dem Gefühl unerhörter Freiheit. Immer unterwegs, seit 11.000 Kilometern.

Du willst doch vor irgendetwas fliehen, hatten Freunde vor dem Aufbruch gesagt. Kritik schwang mit. Aus dem Alltag abzuhauen ist oft mit Anrüchigkeit behaftet. Zu Unrecht. Das Abhauen, das Sich-Ausklinken, das Fliehen sei "eine verkannte Kunst", mahnt der britische Historiker Theodore Zeldin. Es handele sich dabei nicht um Realitätsverweigerung, sondern um eine essenzielle Antwort auf das Leben. "Alle Menschen sind, seit Anbeginn, Eskapisten gewesen", schreibt Zeldin in seinem Buch An Intimate History of Humanity.

In der afrikanischen Savanne entwickelte der Mensch einen Körper, der ihn für den Eskapismus prädestinierte: zwei Beine für den effizienten aufrechten Gang, die fünffingrige Hand, die Materie bearbeiten kann, und ein großes Gehirn, das zu der Vorstellung fähig ist, alles könnte anders sein. Der Mensch als der ausdauerndste Langstreckenläufer unter den Tieren verließ so Afrika. Der Mensch als Handwerker schuf Werkzeuge und schließlich Maschinen, um der Armut zu entkommen. Der Mensch als schöpferischer Denker ersann Welten, etwa in der Religion und der Literatur, um die Realität hinter sich zu lassen. Er hat aus dem uralten Fluchtinstinkt, der allen Tieren gemein ist, eine Kunst gemacht.

Aber nicht nur. Sein Gehirn hat den Menschen auch zu einem sozialen Tier gemacht. Der britische Anthropologe Robin Dunbar beschreibt, wie Primaten vor Millionen Jahren den wichtigen evolutionären Sprung machten, mehr soziale Bindungen als die zu den Reproduktionspartnern einzugehen. An diesem Schritt wuchs ihr Gehirn und damit wiederum ihre Fähigkeit, die Zahl der Bindungen zu erweitern. Der Neocortex und besonders die Stirnlappen wurden so groß, dass der Mensch soziale Beziehungen zu mehr Artgenossen unterhalten kann als jede andere Spezies. Und nicht nur kann, sondern muss: Sein Überleben hängt von der Gruppe ab. Deren Zusammenhalt ist ohne Beziehungen zwischen den Individuen undenkbar. Der Mensch muss nicht nur vor der Realität fliehen, er muss sie auch aktiv gestalten.

Die Dämmerung senkt sich über die Terrasse eines Hotels im Süden Äthiopiens. Das letzte Licht schimmert in den Salzseen davor. "Der Stuhl ist frei", sagt ein freundlicher Äthiopier mit Siegerländer Akzent. Es wird ein langer Abend, am nächsten Tag zeigt uns Bezabeh Abebe die Schule, die er seit einigen Jahren mit Spenden aus Deutschland aufbaut. Letztens brachte er Laptops mit, die die Sparkasse Siegen nicht mehr braucht. Vor gut 20 Jahren ist Abebe nach Deutschland geflohen. Und weil er dort sein Glück gefunden hat, gibt er seiner Heimat etwas davon ab.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Die Fähigkeit des Gebens ist schon bei Kleinkindern zu beobachten. In einer Studie von 2006 folgten Kinder bereits mit zwei Jahren nicht nur den Blicken und Handlungen anderer. Sie halfen auch ihnen fremden Personen bereitwillig, kleine Probleme zu lösen, wie das Öffnen von Schranktüren oder das Holen von Gegenständen – ohne dass sie dazu aufgefordert wurden. "Meine Hypothese lautet, dass die heute bei Kindern sichtbaren Kooperationsformen zu einem großen Teil die frühesten kollektiven Aktivitäten der Menschheitsgeschichte reflektieren", sagt Michael Tomasello, Co-Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er hat viele Vergleichsstudien mit Kleinkindern und Schimpansen gemacht. Sich auf Artgenossen einzulassen, ihnen zur Seite zu stehen und zu helfen ist dem Wesen des Menschen eingeschrieben. Man könnte sagen: Er ist nicht nur ein soziales, sondern ein sozial engagiertes Tier.

Indischer Ozean, Sternenhimmel, Lagerfeuer im Sand. Ein paar junge und nicht mehr ganz so junge Menschen sitzen da, schwatzen und lachen. Die meisten kennen sich nicht länger als ein paar Stunden. Unterschiedliche Sprachfetzen fliegen übers Feuer, dahinter rauscht die Brandung. Das Zuhause, der Alltag sind nur noch entfernte Gedanken an einem Strand in Mosambik.

Der Mensch hat die Kunst des Eskapismus derart verfeinert, dass er sie sogar mit Fremden zelebrieren kann. War die soziale Bindung in der Evolution zunächst auf die eigene Gruppe, die Horde beschränkt, hat sich dies in der jüngeren Geschichte geändert. Bis vor 200 Jahren lebten die meisten Menschen auf dem Land verstreut. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte die rasante Verstädterung ein, erst in Europa, dann auf der ganzen Welt. Die Menschen mussten lernen, auf engem Raum mit unterschiedlichsten Artgenossen zu leben. Kulturelle Codes sorgen dafür, dass dies in der Regel friedlich gelingt. Der evolutionäre Druck komme inzwischen aus der Kultur, sagt Michael Tomasello.