Ein Mensch ist intelligent, aber ein Haufen Menschen sind dumme, hysterische, gefährliche Tiere", sagt Agent K in der Science-Fiction-Komödie Men in Black. Deutsche Chefs scheinen ihm zu widersprechen, denn Brainstorming ist ein beliebtes Werkzeug zur Sammlung von Ideen. Manche sind auch der Überzeugung, dass aus vielen Entscheidungen Einzelner die Weisheit der Masse wird. In Zeiten von Großraumbüros, Filterblasen und Brexit müssen wir uns aber fragen: Stimmt das?

Erwiesen ist, dass Gruppen, wenn es um Kreativität geht, weniger innovativ und die Ergebnisse langweiliger sind. Gruppen hingegen, deren Teilnehmer vorher allein Ideen gesammelt und diese später zusammengetragen hatten, waren produktiver als diejenigen Gruppen, in denen einfach gemeinsam drauflosgedacht wurde. Wenn in einer Gruppe versucht wird, ein Problem zu lösen, kann das sogar gefährlich werden.

"In der Gruppe treffen Individuen extremere Entscheidungen, als sie es allein tun würden", sagt Daniel Richardson, Experimentalpsychologe am University College London. "In einer Gruppe gibt es immer einen Wortführer, dessen Meinung von der Mehrheit der Gruppe dann übernommen wird." Unsere sozialen Strukturen hemmen uns – wir wollen nicht anecken und stimmen deshalb eher der Gruppenmeinung zu, als dass wir unsere eigene, vielleicht singuläre Meinung vertreten. "Weil das jeder denkt, entsteht ein sich selbst verstärkender Effekt und hat eine extreme Polarisierung bei gemeinsam getroffenen Entscheidungen zur Folge", sagt Daniel Richardson.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Gruppen hindern uns also unter Umständen daran, für eigene Ideen einzustehen. Wenn wir einer Gruppenmeinung widersprechen, wird nämlich der Teil unseres Gehirns aktiv, der für die Angst vor Zurückweisung zuständig ist: die Amygdala, das ergab eine Studie des Neurologen Gregory Berns. Akzeptierter Teil einer Gruppe zu sein ist ein gutes Gefühl. Das zeigt sich auch beim Fußball. Israelische Forscher haben beobachtet, dass Sprechchöre in einer Fangruppe positive Gefühle hervorrufen. Allerdings stellten die Wissenschaftler bei der singenden Testgruppe auch eine deutlich erhöhte Aggressivität gegenüber den gegnerischen Fans fest. Der Zusammenhalt in der eigenen Gruppe wird also durch synchrone Handlungen gestärkt, gleichzeitig steigt aber die Gewaltbereitschaft gegenüber anderen.

In besonders extremer Form hat das der Faschismus gezeigt. Die Propaganda der Nationalsozialisten war auf die Dynamik der Massen ausgerichtet. Als Joseph Goebbels 1943 im Berliner Sportpalast zum "totalen Krieg" aufrief, ging die Propagandastrategie der Nazis auf: Der Einzelne ließ sich im Rausch der Menge mitreißen. Natürlich ist das wöchentliche Meeting nicht dasselbe wie eine nationalsozialistische Massenveranstaltung, aber die Eskalationsskala ist prinzipiell in jeder Gruppe nach oben offen.

"Das Worst-Case-Szenario von heutiger Kommunikation ist Twitter", sagt Richardson. Denn: Auf 140 Zeichen muss ich plakativ und oberflächlich argumentieren. Vor allem aber entscheidet bei Twitter die Zahl der Follower über Macht und Einfluss. Wer die meisten Follower hat, gibt den Ton an. In dessen Gunst wollen alle stehen. Darum buhlen alle um seine Aufmerksamkeit. Verhindert werden solche Dynamiken in einer Gruppe eigentlich nur dadurch, dass eine Diskussion unabhängig von Rang und Status geführt wird, also anonym: Brainstorming im Chat ist daher effektiver als im Konferenzraum; die Teilnehmer wissen nicht, wer welche Meinung vertritt, keiner weiß, wer der Chef ist.