In einem Treibhaus in Freiburg wächst eine Pflanze von beeindruckender Prominenz. Bill Clinton hat sie auf einer Pressekonferenz erwähnt: Sie könne 40.000 Menschenleben retten – pro Tag. Der Papst hat ihre Körner gesegnet. Sie hat es auf das Cover des Time Magazine geschafft. Greenpeace hasst diese Pflanze, und deshalb hassen Wissenschaftler Greenpeace. Zuletzt haben 123 Nobelpreisträger einen offenen Brief unterschrieben: gegen Greenpeace und für das Grünzeug. Der Spitzname der Pflanze, "Goldener Reis", geht auf einen Kondomhändler zurück, aber das ist das geringste Problem.

Das größere Problem ist ein Wort, für das es im Gehirn vieler Menschen einen Schalter gibt. Der Goldene Reis ist "genmanipuliert". Die Reiskörner enthalten Betacarotin, eine Vorstufe von Vitamin A, so wie Karotten. Der Reis könnte also gegen Vitamin-A-Mangel helfen, eines der großen Gesundheitsprobleme in armen Ländern. Doch wenn hierzulande das Wort "genmanipuliert" fällt, schalten viele Gehirne auf Alarmstufe Rot. Gentechnik in Lebensmitteln sei ungesund, sagen drei von vier Menschen in Deutschland bei Umfragen.

Die Mehrheit hat die grüne Gentechnik (grün für Pflanzen) als böse abgehakt, so wie die Atomkraft. Sie will das nicht. Und es geht ja auch ohne: Die Supermärkte sind voll mit Lebensmitteln, die ohne Gentechnik hergestellt wurden.

Aber weil mal wieder alles mit allem zusammenhängt, steht nun ein ungeheurer Vorwurf im Raum. Dass nämlich die Deutschen im Allgemeinen und Greenpeace im Besonderen mit daran schuld seien, dass die Reissorte aus dem Freiburger Gewächshaus in armen Ländern noch nicht auf dem Acker steht. Dass Hunderttausende Kinder noch leben würden, wenn Europa nicht so wissenschaftsfeindlich wäre. In ihrer Anklage an Greenpeace und die Vereinten Nationen schreiben die Nobelpreisträger von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Hoppla. So redet man sonst über Assad. Greenpeace sind doch die Guten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Diese Geschichte geht der Frage nach, ob die Angst vor der grünen Gentechnik auf Fake-News beruht. Haben Genfood-Gegner die Öffentlichkeit angelogen, weil ihre wahren Argumente zu wenig Menschen mobilisieren? Die Suche nach einer Antwort führt zu einem ehemaligen Greenpeace-Mitarbeiter in Hamburg, der heute Thriller schreibt; sie führt in ein verwanztes Haus im Osten Berlins, wo einst Wolf Biermann wohnte, und zu einem ehemaligen Europa-Abgeordneten der Grünen, der die Anti-Genfood-Kampagne von Greenpeace erfunden hat. Sie führt am Ende zu der Frage, wie oft man eine Geschichte erzählen muss, bis sie wahr wird – oder bis sie keiner mehr hören kann.

Am Anfang dieser Suche steigt man einfach neben dem Freiburger Gewächshaus in den Fahrstuhl, fährt in den zweiten Stock der Fakultät für Biologie und steht zwei Wissenschaftlern gegenüber, die an ihrem Land verzweifelt sind.

Peter Beyer und Ingo Potrykus. Der Goldene Reis ist ihr Lebenswerk. Beyer hat ihn in Freiburg erforscht, Potrykus in Zürich. Sie haben dabei eigentlich alles richtig gemacht: Für humanitäre Zwecke dürfte der Reis lizenzfrei angebaut werden. Bauern mit einem Jahreseinkommen von weniger als 10.000 Dollar könnten einen Teil der Ernte wieder aussäen und auch weiterverkaufen, sie wären also unabhängig von Saatgutkonzernen. Diese beiden Forscher, so scheint es, haben der Menschheit einen großen Dienst erwiesen. Warum ist die Stimmung in Büro 2.077 so schlecht?

Peter Beyer raucht Selbstgedrehte, und wenn er nicht raucht, trinkt er Kaffee. Zwischendurch checkt er E-Mails von der Gentechnik-Front, die er manchmal mit "so eine Scheiße" kommentiert. Beyer ist sehr direkt. Vielleicht hat er zu viele Interviews gegeben, die nie etwas verändert haben, er ist in den Texten dann immer der Forscher mit den grauen Haaren, der "müde aussieht". Er ist gar nicht müde, er hat nur auf bestimmte Rituale keinen Bock mehr. Vor Kurzem kam mal wieder eine Einladung zur Podiumsdiskussion. Er hat abgesagt. Die grün-rote Landesregierung schrieb in ihren Koalitionsvertrag: "Wir werden keine Forschung der grünen Gentechnik fördern." Er machte trotzdem weiter. Beyer sagt: "Man hat den Status eines politischen Flüchtlings."

Ingo Potrykus ist an diesem Tag zu Besuch in Freiburg, weil seine Frau keine Journalisten mehr im Haus duldet. Zu oft die immer gleiche Geschichte. Zu oft der immer gleiche Ärger. Das Ehepaar lebt in einem Dorf in der Schweiz. Potrykus, 83, ist Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und immer noch in Sachen Golden Rice unterwegs. Er hat einen weißen Kinnbart und ist längst Großvater, aber von Altersmilde ist nichts zu spüren.

Fliegt ein unsichtbares Einhorn um die Erde?

Greenpeace begehe ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagt Ingo Potrykus, weil die Organisation eine Hilfeleistung verhindere..125 000 bis 250.000 Kinder sterben jährlich aufgrund von Vitamin-A-Mangel, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Eine bessere Vitamin-A-Versorgung könnte die Kindersterblichkeit laut WHO um ein Viertel senken. Durch Vitamin-A-Pillen und Biogemüse, sagt Greenpeace. Durch Golden Rice, sagt Potrykus. "Ich sehe, wie jemand ins Wasser fällt, der nicht schwimmen kann, und will reinspringen und den rausholen. Und Greenpeace hält mich fest."

Die beiden Wissenschaftler empfinden eine gewisse Genugtuung darüber, dass sich aufgeklärte Europäer über Donald Trump aufregen. Der bezweifelt, dass der Mensch die globale Erwärmung beschleunigt, und stellt sich damit gegen die große Mehrheit der Wissenschaft. Dabei machen die Deutschen im Hinblick auf die grüne Gentechnik nichts anderes. Die große Mehrheit der Wissenschaft hält den Verzehr gentechnisch veränderter Lebensmittel für gesundheitlich unbedenklich, wenn sie die Hürden der Zulassung genommen haben. Auch die WHO ist dieser Ansicht. Aber nicht die Öffentlichkeit. Die Europäer betrachten die grüne Gentechnik so postfaktisch wie Donald Trump den Klimawandel. So sehen es Peter Beyer und Ingo Potrykus.

Die Wissenschaft hat in solchen Debatten eine Schwäche. Sie kann nie zu hundert Prozent beweisen, dass etwas nicht existiert oder nicht schadet. Fliegt ein unsichtbares Einhorn um die Erde? Nach allem, was die Wissenschaft über die Welt weiß, eher nicht. Aber sie kann es nicht ausschließen. Diese Restunsicherheit bietet Kritikern eine Möglichkeit, alles infrage zu stellen. Meistens mithilfe von Gegenexperten, die gibt es immer. Journalisten holen sie gerne vor die Kamera.

Ist die globale Erwärmung vom Menschen verursacht? Bullshit, sagen ein paar Professoren. Manche glauben ihnen. Verursacht Handystrahlung Hirntumore? Nicht ausgeschlossen, sagen "unabhängige Forscher". Streit um Elektrosmog, lautet daraufhin die Schlagzeile.

Die Ablehnung der grünen Gentechnik hat viel mit den Anfängen dieser Technologie zu tun. 1987 sprühten amerikanische Forscher gentechnisch veränderte Bakterien auf ein Erdbeerfeld in Kalifornien. Sie sollten als Frostschutz dienen. Fünfmal so viele Journalisten wie Wissenschaftler waren angereist, sogar ein Kamerateam aus Tokio. Die Forscher im Erdbeerfeld trugen weiße Schutzanzüge und Atemmasken. Es ist von Vorteil, wenn man die Fakten auf seiner Seite hat. Noch besser ist es, wenn man dazu passende Bilder zeigen kann. Forscher in Mondanzügen zwischen Erdbeeren, das waren die falschen Bilder.

Die wütenden beiden Wissenschaftler, denen man nun in Freiburg gegenübersitzt, begannen damals mit Reis zu experimentieren. Greenpeace hatte sich noch gar nicht in Stellung gebracht. Die Umweltretter kämpften gegen das Robbenschlachten, gegen Atommülltransporte, gegen die Chemieindustrie, aber nicht gegen die Gentechnik. Dazu musste Greenpeace erst überredet werden. Der Mann, der das erledigte, war Benedikt "Benny" Haerlin.

Früher hatte Haerlin in Berlin Häuser besetzt, dann war er taz-Redakteur, ging für die Grünen ins Europaparlament, und 1990 kam er zu Greenpeace. Das Berliner Büro lag damals in der Chausseestraße 131, gegenüber der früheren Wohnung von Wolf Biermann. Das Haus war verwanzt, aber die Technik funktionierte nicht mehr. Sonst hätte man heute vielleicht mehr Klarheit über ein Gespräch zwischen zwei Männern, die unterschiedliche Versionen davon erzählen. Benny Haerlin und Ludger Weß.

Benny Haerlin hatte die Gentechnikkritik von einer USA-Reise mitgebracht, inspiriert vom Allround-Intellektuellen Jeremy Rifkin. Aber die Greenpeace-Zentrale war skeptisch. Welche Bilder soll man da zeigen? Die Öffentlichkeit war anderes gewohnt. Greenpeace-Plakate von blutigen Robbenfellen, fehlgebildeten Föten, Giftfässern. Das zieht. Aber Grünzeug?

Haerlin durfte dann trotzdem einen Versuch unternehmen. Am 10. Oktober 1996 protestieren 40 Aktivisten in Kaninchenkostümen vor der Unilever-Zentrale: "Wir sind keine Versuchskaninchen." Sechs Tage später hängten sie ein Banner ans Unilever-Hochhaus: "Wollen Sie Ihre Lebensmittel genmanipuliert?" Am 5. November empfingen Greenpeace-Schlauchboote auf der Elbe einen Frachter mit 65.000 Tonnen Sojabohnen aus den USA: "Kein Gen-Soja in unsere Lebensmittel!"

Greenpeace hatte jetzt Bilder. Und Haerlin bekam seine Kampagne. Er konnte beginnen, den Anti-Gentechnik-Schalter zu installieren. Dafür brauchte er Leute, die Ahnung von Gentechnik hatten.

Ludger Weß lebt und arbeitet heute in einer Mietwohnung in Hamburg-Blankenese. Er berät Biotech-Unternehmen und schreibt in seiner Freizeit Biotech-Thriller. Ende der siebziger Jahre studierte er Chemie und Biologie und promovierte dann in Hamburg über die Verstrickung der Wissenschaft in die Rassentheorien der Nazis. Anschließend arbeitete er als freier Journalist und schrieb für die taz, die Woche und den stern über Gentechnik, so wurde Benny Haerlin auf ihn aufmerksam.

1998 durfte Weß als Greenpeace-Abgesandter nach Washington fliegen, zu einer Anhörung der Environmental Protection Agency. Die Behörde wollte wissen, welche Risiken die grüne Gentechnik für Mensch und Umwelt barg. Ein fensterloser Raum, graue Teppiche, Neonlicht, alles nicht so schön wie Hamburg-Blankenese, aber da waren diese Wissenschaftler, die ihn nach seinen Argumenten fragten. Er hatte die Greenpeace-Position mitgebracht, "das ganze Besteck", wie er heute sagt. Fremdgene in Lebensmitteln könnten beim Menschen vielleicht Allergien auslösen, erklärte er, vielleicht auch Antibiotika-Resistenzen. Weß plädierte für das Vorsorgeprinzip: bloß kein Risiko eingehen.

Die Diskussion war viel sachlicher als in Deutschland. Die Wissenschaftler hörten ihm zu, und dann gaben sie ihm ihre Studien mit. Damals waren in den USA bereits mehrere gentechnisch veränderte Pflanzen für den Verzehr zugelassen, darunter Tomaten, Mais, Sojabohnen, Kartoffeln. Fütterungsstudien mit Ratten sowie Laboruntersuchungen auf Allergene und Toxine hatten die Wissenschaftler in den Behörden davon überzeugt, dass die Pflanzen für die menschliche Gesundheit unbedenklich sind.

Ein paar Wochen später hatte Weß ein Treffen mit Benny Haerlin in der Chausseestraße 131. Es gebe viele Argumente gegen Gentechnik, habe er zu Haerlin gesagt, aber die Behauptung mit den Gesundheitsschäden sei Quatsch. Dafür gebe es keine wissenschaftliche Evidenz. Haerlin habe geantwortet: Wir bleiben dabei. Das Portemonnaie der Spender gehe nicht auf, wenn sie nicht Angst hätten um ihre Gesundheit. Alles andere sei zu kompliziert und nicht kampagnentauglich. So erinnert sich Weß.

"Ihr Bauern habt doch keine Ahnung von Marketing"

Benedikt "Benny" Haerlin erinnert sich anders. Heute leitet er die Organisation Save Our Seeds (SOS), die die "Verteidigung gentechnikfreier Landwirtschaft" zum Ziel hat. Sein freundlich zerknautschtes Gesicht erinnert ein wenig an das von Joschka Fischer, aber vielleicht ist das Einbildung, jedenfalls hat Haerlin großen Anteil daran, dass Europa heute die Gentechnik ablehnt. Ist er stolz darauf? "Ja", sagt Haerlin, "denn das war ein bahnbrechender Schritt in der Auseinandersetzung mit Technologie. Ein Aufstand der Bevölkerung gegen technische Beherrschbarkeitsfantasien."

Hat er damals zu Weß gesagt, man werde weiter vor Gesundheitsgefahren warnen, weil nur so die Spenden fließen? "Das bestreite ich", sagt Haerlin. "Ich habe nie gesagt: Von Genfood wird man tot umfallen. Die Journalisten wollten solche Sachen hören. Ich habe damals nur gesagt: Die Risiken sind nicht ausreichend erforscht."

Als Greenpeace 1996 im Hamburger Hafen gegen den Sojabohnen-Frachter protestiert, sagt eine Sprecherin: "Niemand kann bislang sicher ausschließen, ob nicht Sojaöl aus veränderten Pflanzen Allergien auslöst". 1997 schickt Greenpeace "Gen-Detektive" in Supermärkte, um Produkte mit Warnhinweisen zu versehen, die vielleicht gentechnisch veränderte Zutaten enthalten. Im Jahr 2000 versendet Haerlins Büro eine Pressemitteilung, um gegen Gen-Mais im Tierfutter zu protestieren: "Die Sicherheit für Tier und Mensch wurde nicht ausreichend erforscht."

Fliegt ein unsichtbares Einhorn um die Erde? Es wurde nicht ausreichend erforscht.

Die Forscher Ingo Potrykus und Peter Beyer ernten ungefähr zur gleichen Zeit den ersten gelben Reis. Reis mit Beta-Carotin, Heureka! Sie stellen ihn auf einer Konferenz in Bangkok vor. Im Aufsichtsrat des Internationalen Reisforschungsinstituts (IRRI) saß damals ein Kondomhersteller, Spitzname Condom-King, der mit farbigen Kondomen reich geworden war. "Ihr Bauern habt doch keine Ahnung von Marketing", frotzelte er, "nennt ihn nicht Gelben Reis, nennt ihn Golden Rice."

Ein Jahr später ist Ingo Potrykus auf der Titelseite des Time Magazine zu sehen. Und dann treffen sie aufeinander, Potrykus und Benny Haerlin, bei einer Biotech-Konferenz in Lyon. Greenpeace gibt eine Pressekonferenz und verspottet die Forscher. Neun Kilo gekochten Reis müsste ein Mensch jeden Tag essen, um seinen Vitamin-A-Bedarf zu decken, erklärt Haerlin den Journalisten. Die aber drängen darauf, Potrykus zu holen, der ebenfalls an der Konferenz teilnimmt.

2001 kehrt Frieden ein zwischen den Forschern und den Genfood-Feinden. Aber nur für drei Tage.

Potrykus erinnert sich an das Grinsen der Journalisten, als er den Raum betritt. Jeder erwartet eine heftige Auseinandersetzung. Aber dann geschieht eine kleine Sensation. Frieden deutet sich an. Haerlin sagt ein paar Sätze, die um die Welt gehen: "Der Goldene Reis ist eine moralische Herausforderung für unsere Position." Weil er einem guten Zweck diene. "Trials of Golden Rice will not be targeted by Greenpeace campaigners", Greenpeace werde keine Versuchsfelder zerstören. Auch Potrykus klingt versöhnlich. Er sagt zu Haerlin: "Wir haben mehr gemeinsam, als wir denken." Man solle einander nicht bekämpfen .

Hier hätte eine Männerfreundschaft zwischen zwei Weltverbesserern beginnen können. Aber drei Tage später korrigiert eine Sprecherin in London Haerlins Aussagen. "Greenpeace behält sich das Recht vor, gegen Freisetzungen aktiv zu werden. Genetisch veränderter Reis wird das Problem der Mangelernährung nicht lösen."

Der Streit nimmt absurde Züge an

Der Goldene Reis wird nun doch zum Symbol im Kampf um die öffentliche Meinung. Und Europas Meinung ist in diesem Kampf sehr wichtig: Wenn sich herumspräche, dass ein Land wie die Philippinen diese Sorte anbaut, würden die Europäer womöglich auch konventionellen Reis aus diesem Land verschmähen. Er könnte ja kontaminiert sein. Für die philippinischen Reisexporteure wäre das eine Katastrophe.

In den nuller Jahren nimmt der Streit absurde Züge an. Die einen entwickeln eine neue Reissorte mit höherem Betacarotin-Gehalt. Prompt warnen die anderen vor einer Überdosis. Tatsächlich bringen Frauen, die während der Schwangerschaft zu viele Vitamin-A-Pillen einnehmen, mit höherer Wahrscheinlichkeit einen geschädigten Embryo zur Welt. Mit dem Goldenen Reis hat dies aber nichts zu tun. Betacarotin, das der Körper zu Vitamin A umwandelt, hatte in den Studien keine Risiken für die Embryonalentwicklung gezeigt.

Es gibt kein Weltparlament der Wissenschaft, das Fakten per Abstimmung beschließt. Aber es gibt wissenschaftliche Akademien, die in kontroversen Fragen einen Konsens suchen. Zahlreiche Akademien in Europa und den USA veröffentlichen in diesen Jahren ihre Berichte. Ihr Fazit ist stets dasselbe: Die Gesundheitsrisiken von Genfood sind nicht höher als die von konventionell gezüchteten Pflanzen.

Die Welt um den Freiburger Reisforscher Peter Beyer verändert sich in eine andere Richtung. Aktionsbündnisse rufen gentechnikfreie Regionen aus, bald auch in der Gemeinde, wo er wohnt. Auch die konventionellen Bauern machen mit und gehören jetzt zu den Guten.

Ingo Potrykus hat damals etwas gelernt: dass auch die Wissenschaft Bilder braucht. Nachdem Papst Franziskus sein Amt angetreten hat, nimmt Potrykus ein Tütchen Goldenen Reis mit nach Rom. Als er Franziskus gegenübersteht, bittet um seinen Segen. "Now it is blessed", habe der Papst gesagt. Ein offizieller Segen ist das nicht, aber es gibt jetzt ein Foto vom Papst und dem Reis. Ein gutes Bild, wenn man katholische Reisbauern auf den Philippinen erreichen will. Einen Monat zuvor hatten Aktivisten dort ein Versuchsfeld zerstört. Die Ironie ist, dass die Wissenschaft nun Zuflucht bei der Kirche sucht.

Den jüngsten Bericht zur grünen Gentechnik haben 2016 die Nationalen Akademien der USA veröffentlicht. Die Experten sichteten dafür mehr als eintausend Veröffentlichungen. Epidemiologen vergleichen inzwischen zur Risikoabschätzung einfach die Amerikaner mit den Westeuropäern. Die einen essen Genfood, die anderen nicht. Die Wissenschaftler fanden keinen Hinweis darauf, dass Krebs, Diabetes, Autismus oder Lebensmittelallergien in Amerika seit der Einführung von Genfood schneller angestiegen sind als in Europa. Man könnte vielleicht sagen, die Risiken sind nun ausreichend erforscht. Wieder steht da: "Die Kommission fand keine überzeugende Evidenz für Gesundheitsrisiken, die auf den Verzehr von gentechnisch veränderten Lebensmitteln zurückgehen."

Wenn die wissenschaftliche Wahrheit und die gefühlte Wahrheit derart auseinanderklaffen, schlägt die Stunde der Soziologen. Wolfgang van den Daele ist ein emeritierter Professor mit weißer Zottelmähne und Rauschebart, er sieht aus wie ein antiker Philosoph und ist so etwas wie Deutschlands Obersoziologe für grüne Gentechnik. Anfang der neunziger Jahre sperrte er Gegner und Befürworter der grünen Gentechnik für insgesamt zwölf Tage quasi in einen Raum, bis jedes Argument diskursiv durchgeknetet war. Aus der Begegnung ist eine Ehe zwischen einem Biotech-Gegner und einer Industriefrau hervorgegangen. Und eine Erkenntnis, die bis heute gültig ist.

"Die grüne Gentechnik ist Teil eines Systems, das man durchaus kritisieren kann", sagt van den Daele. Er meint die industrialisierte Landwirtschaft. "Aber sie ist kein besonders kritischer Teil dieses Systems." Auch in der konventionellen Züchtung werden Pflanzengene verändert, oft viel unkontrollierter als in der Gentechnik. "Man dürfte keine einzige konventionell gezüchtete Pflanze zulassen, wenn man dieselben Vorsorgestandards an die konventionelle Züchtung anlegt, die für die grüne Gentechnik gefordert werden."

Während die Amerikaner nach den Chancen neuer Technologien fragen, fragen die Europäer nach den Risiken. Das ist das Vorsorgeprinzip. In vielen Fällen mag das vernünftig sein, aber in der grünen Gentechnik, sagt van den Daele, "haben Greenpeace und die Grünen das Vorsorgeprinzip gekapert". Die Rede von der postfaktischen Gesellschaft, sagt er, "die stimmt in der Gentechnikdebatte leider doch".

Der Streit um den Goldenen Reis hört nie auf. Er ist zum Ritual erstarrt. In Australien, Kanada und auf den Philippinen beraten Behörden in diesen Monaten über die Zulassung. Die Aktivisten protestieren schon. Die Wissenschaftler haben jetzt also ihr schwerstes Geschütz aufgefahren: Nobelpreisträger. In Freiburg ärgern sich die beiden Forscher, dass der Brief kaum beachtet wird. Bei Greenpeace haben die Nachfolger von Benny Haerlin eine Stellungnahme veröffentlicht: "Mögliche Gesundheitsgefahren sind nach wie vor nicht ausreichend untersucht und auch unter Wissenschaftlern umstritten."