Zur Jahrhundertwende bekam Charles Nelson, Professor für Kinderheilkunde an der Harvard University, einen einmaligen Einblick in die Entwicklung kindlicher Bindung. Kinder im Bukarester Waisenhaus St. Catherine waren lange gehalten worden wie Tiere, mit dem Nötigsten versorgt, ohne Zuneigung, sozialer Kontakt untereinander war begrenzt. Die Folgen: Die Kinder waren in ihrem sprachlichen, emotionalen und körperlichen Entwicklungsstand weit hinterher. Sie hatten Bindungsängste, waren hyperaktiv und hatten einen deutlich verminderten IQ. Es zeigte sich aber auch: Kinder, die im Alter von weniger als sechs Monaten das brutale Umfeld durch Adoption verlassen konnten und ein dauerhaftes, Zuneigung und Aufmerksamkeit schenkendes Gegenüber bekamen, holten die Rückstände nahezu vollständig auf.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Unser Gegenüber zeigt uns, dass wir existieren und, im besten Fall, dass wir mit unserer Existenz etwas bewirken. Dass wir ein Lächeln im Gesicht des anderen hervorrufen zum Beispiel oder auch Zorn. Wir lernen, dass wir ein Ich sind, etwas, das sich von den anderen unterscheidet und bewusst abgrenzt. Die Begegnung verschafft uns Identität, immer mehr im Laufe des Lebens: Hält sich eine Einjährige noch die Augen zu, wenn sie Verstecken spielt, damit die anderen sie nicht sehen, kennt der Fünfjährige bereits die Blicke, die von außen auf ihn schauen. Spielt er mit Freunden Ich sehe was, was du nicht siehst, weiß er, dass er nicht auf die rote Brille der Kindergärtnerin starren darf, wenn er diese nicht verraten will. "Die beiden Kinder unterscheidet ein gewachsenes Selbst-Bewusstsein", sagt Kristina Musholt. Die Neurophilosophin erforscht seit Jahren, wie der Mensch über sich selbst nachdenkt, wie er sich eine Identität stiftet.

Existenziell dafür ist das Gegenüber, die Mitmenschen. "Die brauche ich, um überhaupt das Bewusstsein zu erlangen, dass ich existiere." Der Mensch muss lernen, dass er etwas Eigenständiges ist, dass es ein Ich gibt und ein "die anderen", die eben nicht das Gleiche hören, fühlen und denken wie das Ich. Der Mensch kommt hilflos und unfertig zur Welt. "Nur über den Vergleich mit meinen Gegenübern kann ich mir eine Identität verschaffen", sagt Musholt. Sie hat ein 23 Monate altes Kind. Das weiß seit Kurzem: Spinat schmeckt mir nicht, Mama und Papa mögen ihn. Das ist etwas anderes als: Spinat schmeckt nicht.

Brauchen wir unser Gegenüber nur in Kinderjahren? Gehen nicht Eremiten – gehen wir nicht alle mal bewusst in die Einsamkeit? Völlig ohne Gegenüber? Nein. Auch wenn man alleine ist, ist immer jemand da, wenn auch nicht aus Fleisch und Blut. So sieht das der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth: "Liest man ein Buch, tritt man in Dialog mit dem Autor, er ist das Gegenüber." In Gedanken versunken, spiegele man – oft unbewusst – Erfahrungen mit Menschen wider. Wer freiwillig in die Einsamkeit geht, mag das genießen. Wer weggesperrt wird, nicht. Amnesty International prangert seit Jahren die Isolationshaft an, weil sie zu psychischen Schäden führt. Panikattacken, Selbstmordgedanken und Schlaflosigkeit beeinträchtigen das Leben der Betroffenen noch lange nach der Haft. In Stefan Zweigs Schachnovelle spielt Dr. B mit dem Schwarz-Ich Schach gegen das Weiß-Ich, um dem "schwarzen Ozean des Schweigens" der Haft zu entkommen.

Es sind nicht immer Gitterstäbe, die uns von unseren Gegenübern trennen. Im Hollywoodstreifen Her ist Theodore Twombly schlichtweg zu schüchtern, um Bindungen zu anderen Menschen zu knüpfen. Aber auch er sucht sich ein Gegenüber. Und verliebt sich in eine weibliche Computerstimme.

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