ZEIT Wissen: Herr Professor Harari, unsere Zeit ist von Unsicherheit, Überforderung und politischer Unruhe geprägt. Warum fühlt es sich mitunter ziemlich anstrengend an, ein Homo sapiens zu sein?

Yuval Harari: Zunächst wegen der Beschleunigung der technischen Entwicklung, die zu schnelleren Veränderungen in der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik führt. Früher haben die Menschen zwar auch nicht in einer statischen Welt gelebt – es gab immer schon politische Verwerfungen und Naturkatastrophen –, aber was sie in der Jugend gelernt hatten, war für sie als Erwachsener weiterhin wertvoll. Im ersten Lebensabschnitt wurde gelernt, im zweiten gearbeitet.

ZEIT Wissen: Und das ist heute nicht mehr so?

Harari: Das meiste dessen, was Menschen heute in der Schule lernen, wird völlig überholt sein, wenn sie 40 oder 50 sind. Sie müssen sich im Lauf des Lebens immer wieder neu erfinden. Menschen verändern sich nicht gern. Aber die Welt dreht sich nicht langsamer, sondern immer schneller. Das stresst.

ZEIT Wissen: Auch ein Bauer im Mittelalter hat ein stressiges Leben gehabt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Harari: Er lebte in der Angst, dass plötzlich eine Flut sein Weizenfeld unter Wasser setzt und er verhungern muss. Das war schrecklich, aber es war eine andere Art von Stress. Er hatte keinen Einfluss darauf. Das Leben war viel gemächlicher, die Notwendigkeit, auf technischen und ökonomischen Wandel zu reagieren, war viel geringer.

ZEIT Wissen: Dafür ist das Leben heute sicherer.

Harari: Wir sind besser geschützt gegen Hunger, Seuchen und Kriege. Wir haben Kühlschränke, Flugzeuge, Antibiotika. Das Leben sollte eigentlich äußerst entspannt sein.

ZEIT Wissen: Die Menschheit macht sich ihren Stress also selbst. Warum?

Harari: Ein Grund dafür liegt im Zusammenbruch der lokalen Gemeinschaften. Der Homo sapiens ist von Natur aus ein soziales Tier, aber nicht auf der Ebene einer ganzen Nation. Kein Deutscher kann seine 80 Millionen Landsleute kennen. Die natürliche soziale Gruppe, die uns emotionale Sicherheit gibt, ist seit je nicht größer als 100 oder 150 Menschen. Heute schützen uns riesige Netzwerke wie Staaten und das globale Finanzsystem vor Naturgefahren, aber die lokalen Gemeinschaften lösen sich auf. Emotional sind wir daher viel verletzlicher und verwundbarer als früher. Es ist paradox: In einer Millionenstadt wie Berlin, New York oder Peking fühlen Menschen sich eher einsam als in einem Dorf mit 100 Bewohnern.

ZEIT Wissen: Haben wir den Kontakt zu unserer eigenen Natur verloren?

Harari: Ja, in einem ganz fundamentalen Sinn: Wir verlieren den Kontakt zu unserem Körper. Wer sich fremd in seinem Körper fühlt, der kann sich nicht in der Welt zu Hause fühlen. Als Jäger, Sammler oder Bauern lebten unsere Vorfahren in enger Beziehung zu ihren Körpern und ihren Sinnen. Wenn sie im Wald Pilze suchten, mussten sie auf jeden Laut in den Büschen achten, vielleicht war es ein Löwe oder eine Schlange. Sie mussten auf Gerüche achten, die sie vor Gefahren warnten. Sie mussten genau darauf schauen, was sie pflückten oder ausgruben, der Unterschied zwischen einem essbaren und einem giftigen Pilz kann winzig sein. Wer nicht auf den Geschmack achtete, konnte sterben. Die technischen Entwicklungen der letzten hundert Jahre haben diese Art von Aufmerksamkeit überflüssig gemacht.

ZEIT Wissen: Als Pilzführer nutzen wir eine App.

Harari: Oder wir gehen gleich in den Supermarkt, der vom Gesundheitsamt überwacht wird. Wir bezahlen mit Karte, starren aufs Smartphone und nehmen nicht wahr, was um uns herum passiert. Zu Hause schauen wir fern oder checken Mails, während wir die Pizza essen, die wir im Supermarkt gekauft haben. Menschen achten viel mehr auf Fernseher und Computer als auf ihre Körper. Sie widmen den Tweets von Präsident Trump mehr Aufmerksamkeit als Gerüchen oder Gefühlen. Der Verlust des Kontakts zum eigenen Körper verstärkt das Gefühl von Entfremdung und Unsicherheit.

ZEIT Wissen: Es gibt doch auch eine Gegenbewegung. Yoga zum Beispiel.

Harari: Das ist ein Versuch, den Verlust zu kompensieren. Als Jäger und Sammler brauchten wir kein Yoga. Nach acht Stunden am Schreibtisch tut eine halbe Stunde Yoga sehr gut. Ich mache selbst Yoga, aber es ist weit entfernt vom Körperbewusstsein unserer Vorfahren.