ZEIT Wissen: Herr Professor Harari, unsere Zeit ist von Unsicherheit, Überforderung und politischer Unruhe geprägt. Warum fühlt es sich mitunter ziemlich anstrengend an, ein Homo sapiens zu sein?

Yuval Harari: Zunächst wegen der Beschleunigung der technischen Entwicklung, die zu schnelleren Veränderungen in der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik führt. Früher haben die Menschen zwar auch nicht in einer statischen Welt gelebt – es gab immer schon politische Verwerfungen und Naturkatastrophen –, aber was sie in der Jugend gelernt hatten, war für sie als Erwachsener weiterhin wertvoll. Im ersten Lebensabschnitt wurde gelernt, im zweiten gearbeitet.

ZEIT Wissen: Und das ist heute nicht mehr so?

Harari: Das meiste dessen, was Menschen heute in der Schule lernen, wird völlig überholt sein, wenn sie 40 oder 50 sind. Sie müssen sich im Lauf des Lebens immer wieder neu erfinden. Menschen verändern sich nicht gern. Aber die Welt dreht sich nicht langsamer, sondern immer schneller. Das stresst.

ZEIT Wissen: Auch ein Bauer im Mittelalter hat ein stressiges Leben gehabt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Harari: Er lebte in der Angst, dass plötzlich eine Flut sein Weizenfeld unter Wasser setzt und er verhungern muss. Das war schrecklich, aber es war eine andere Art von Stress. Er hatte keinen Einfluss darauf. Das Leben war viel gemächlicher, die Notwendigkeit, auf technischen und ökonomischen Wandel zu reagieren, war viel geringer.

ZEIT Wissen: Dafür ist das Leben heute sicherer.

Harari: Wir sind besser geschützt gegen Hunger, Seuchen und Kriege. Wir haben Kühlschränke, Flugzeuge, Antibiotika. Das Leben sollte eigentlich äußerst entspannt sein.

ZEIT Wissen: Die Menschheit macht sich ihren Stress also selbst. Warum?

Harari: Ein Grund dafür liegt im Zusammenbruch der lokalen Gemeinschaften. Der Homo sapiens ist von Natur aus ein soziales Tier, aber nicht auf der Ebene einer ganzen Nation. Kein Deutscher kann seine 80 Millionen Landsleute kennen. Die natürliche soziale Gruppe, die uns emotionale Sicherheit gibt, ist seit je nicht größer als 100 oder 150 Menschen. Heute schützen uns riesige Netzwerke wie Staaten und das globale Finanzsystem vor Naturgefahren, aber die lokalen Gemeinschaften lösen sich auf. Emotional sind wir daher viel verletzlicher und verwundbarer als früher. Es ist paradox: In einer Millionenstadt wie Berlin, New York oder Peking fühlen Menschen sich eher einsam als in einem Dorf mit 100 Bewohnern.

ZEIT Wissen: Haben wir den Kontakt zu unserer eigenen Natur verloren?

Harari: Ja, in einem ganz fundamentalen Sinn: Wir verlieren den Kontakt zu unserem Körper. Wer sich fremd in seinem Körper fühlt, der kann sich nicht in der Welt zu Hause fühlen. Als Jäger, Sammler oder Bauern lebten unsere Vorfahren in enger Beziehung zu ihren Körpern und ihren Sinnen. Wenn sie im Wald Pilze suchten, mussten sie auf jeden Laut in den Büschen achten, vielleicht war es ein Löwe oder eine Schlange. Sie mussten auf Gerüche achten, die sie vor Gefahren warnten. Sie mussten genau darauf schauen, was sie pflückten oder ausgruben, der Unterschied zwischen einem essbaren und einem giftigen Pilz kann winzig sein. Wer nicht auf den Geschmack achtete, konnte sterben. Die technischen Entwicklungen der letzten hundert Jahre haben diese Art von Aufmerksamkeit überflüssig gemacht.

ZEIT Wissen: Als Pilzführer nutzen wir eine App.

Harari: Oder wir gehen gleich in den Supermarkt, der vom Gesundheitsamt überwacht wird. Wir bezahlen mit Karte, starren aufs Smartphone und nehmen nicht wahr, was um uns herum passiert. Zu Hause schauen wir fern oder checken Mails, während wir die Pizza essen, die wir im Supermarkt gekauft haben. Menschen achten viel mehr auf Fernseher und Computer als auf ihre Körper. Sie widmen den Tweets von Präsident Trump mehr Aufmerksamkeit als Gerüchen oder Gefühlen. Der Verlust des Kontakts zum eigenen Körper verstärkt das Gefühl von Entfremdung und Unsicherheit.

ZEIT Wissen: Es gibt doch auch eine Gegenbewegung. Yoga zum Beispiel.

Harari: Das ist ein Versuch, den Verlust zu kompensieren. Als Jäger und Sammler brauchten wir kein Yoga. Nach acht Stunden am Schreibtisch tut eine halbe Stunde Yoga sehr gut. Ich mache selbst Yoga, aber es ist weit entfernt vom Körperbewusstsein unserer Vorfahren.

"Auch in Israel ist Zucker gefährlicher als Schießpulver"

ZEIT Wissen: Wir leben heute größtenteils in Umgebungen, die wir selbst geschaffen haben. Warum sind wir so schlecht darin, sie unserer Natur gemäß zu gestalten?

Harari: Diese Umgebungen sind nicht auf die Bedürfnisse des menschlichen Körpers und Geistes zugeschnitten, sondern auf die des ökonomischen und politischen Systems.

ZEIT Wissen: Aber auch diese Systeme haben wir geschaffen. Es sind unsere Systeme.

Harari: Wer ist "wir"? Die meisten Menschen, die in einer Textilfabrik in Bangladesch arbeiten oder in einem Büro von Wal-Mart, gehören nicht dazu. Wenn man sie bitten würde, ihre Arbeitsumgebungen zu gestalten, würde etwas ganz anderes herauskommen als jene Fabriken und Büros.

ZEIT Wissen: Was treibt diese Entwicklung?

Harari: Effizienz. Für Ihren Chef ist es besser, wenn Sie dauernd Ihre Mails checken, als wenn Sie fünf Stunden Yoga machen. Allerdings sollten wir nicht die erstaunlichen Errungenschaften dieses Systems vergessen. Es hat uns von Hunger und Seuchen befreit, zumindest in den weiter entwickelten Staaten. Ich sage nicht, die Moderne sei schrecklich und wir sollten wieder im Wald leben. Eine Wirtschaft der Jäger und Sammler könnte weltweit vielleicht zehn Millionen Menschen ernähren, aber nicht die acht Milliarden von heute. Die extreme Effizienz der modernen Landwirtschaft, Industrie und Kommunikation hat also ihre Vorzüge, aber auch ihren Preis.

ZEIT Wissen: Warum können wir nicht das Beste aus beiden Welten bekommen?

Harari: Idealerweise sollten wir das. Aber zumindest unter den bisherigen Anforderungen des ökonomischen und politischen Systems war das wohl unmöglich. Die wenigsten Menschen würden gern ihr ganzes Arbeitsleben lang zwölf Stunden täglich in einer schmutzigen Textilfabrik in Bangladesch Knöpfe an Hemden nähen. Aber das ist der Grund, warum ich ein Hemd für 20 Dollar statt für 200 kaufen kann.

ZEIT Wissen: In der westlichen Welt lief aus deutscher Perspektive seit dem Ende des Kalten Kriegs alles in die richtige Richtung: mehr Demokratie, mehr Freiheit, mehr Wohlstand. Dann schien einiges schiefzugehen.

Harari: Es ging vor allem in der Wahrnehmung der Menschen schief, glaube ich. Die Situation heute in Deutschland ist vermutlich besser als in jeder anderen Gesellschaft zu irgendeiner Zeit in der Geschichte, nach so gut wie jedem erdenklichen objektiven Maßstab: Ernährung, Gesundheitsversorgung, Sicherheit vor Krieg und Gewalt, Kindersterblichkeit, Sterblichkeit von Müttern bei der Geburt. In solchen Situationen passen Menschen ihre Erwartungen an.

ZEIT Wissen: Sie meinen, wir sind verwöhnt.

Harari: Ja. Wenn es vor ein paar Hundert Jahren eine Flut oder einen strengen Winter gab, sind vielleicht zehn Prozent der Menschen gestorben. Das wären heute acht Millionen Deutsche. Aber niemand sagt nach einem strengen Winter: Hey, acht Millionen Menschen sind nicht gestorben! Menschen halten Dinge für selbstverständlich, von denen unsere Vorfahren nicht einmal träumten. Und wenn sie nicht bekommen, was sie erwarten, sind sie enttäuscht und verärgert. Ein Grundproblem in der Geschichte ist, dass die Zufriedenheit von den Erwartungen der Menschen abhängt, nicht von ihren objektiven Lebensumständen.

ZEIT Wissen: Sie leben in Israel, in einem Land in Aufruhr. Wenn Sie nach Deutschland kommen, wundern Sie sich dann, worüber sich die Menschen hier beklagen?

Harari: Allerdings! Aber ich wundere mich auch, worüber sich die Menschen in Israel beklagen. Auch in Israel ist die Situation besser als in fast jeder früheren Gesellschaft – sogar in Sachen Sicherheit. Die Israelis fühlen sich extrem unsicher. Aber statistisch gesehen ist für einen Durchschnittsisraeli die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu sterben, viel höher als die, durch Terrorismus oder Krieg ums Leben zu kommen. Auch in Israel ist Zucker gefährlicher als Schießpulver. Jedes Jahr sterben mehr Israelis durch Suizid als durch Gewalttaten.

ZEIT Wissen: Das klingt zynisch.

Harari: So ist Statistik! Sicherlich gibt es in Israel und Deutschland Dinge zu verbessern. Aber dieses verbreitete Gefühl, dass die Welt in einem schrecklichen Zustand ist und alles in die Brüche geht, ist vor allem eine Vorstellung. Wir erleben das ja nicht wirklich. Sollten wir allerdings anfangen, dumme Entscheidungen in Bereichen wie Klimaschutz oder internationalen Beziehungen zu treffen, können wir schnell in eine Situation geraten, die auch objektiv schlecht ist.

"Unsere einzige Chance liegt in einer globalen Politik"

ZEIT Wissen: Eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Harari: In diesem psychologischen Problem sehe ich die Hauptgefahr: Die Menschen empfinden ihre Situation als schlecht und fühlen sich bedroht. Wer unsicher ist, investiert in Rüstung statt in Bildung. Dann werden die Nachbarn nervös und rüsten ebenfalls auf. Und sehr schnell geraten die Dinge außer Kontrolle.

ZEIT Wissen: Sie sind ein Vertreter der "Big History"-Bewegung in der Geschichtswissenschaft, die die Menschheit aus der Vogelperspektive betrachtet ...

Harari: ... eher aus der Satellitenperspektive.

ZEIT Wissen: Wie sehen Sie die Menschheit von dort?

Harari: Wir haben einen Punkt erreicht, an dem die gesamte Menschheit eine einzige große Entität ist. Das gab es vorher nicht. Im 21. Jahrhundert haben wir ein globales Wirtschaftssystem. Man kann die Wirtschaft in Bangladesch nicht mehr getrennt von der Wirtschaft in China oder Deutschland verstehen. Es ist natürlich nicht dieselbe Wirtschaft. Das Leben eines Textilarbeiters in Bangladesch unterscheidet sich von dem eines Journalisten in Deutschland. Aber sie hängen zusammen. Es ist wie im Körper. Leberzellen unterscheiden sich von Gehirnzellen, aber man kann sie nur im Zusammenhang verstehen. Auch in Wissenschaft und Technologie haben wir zusammenhängende Systeme.

ZEIT Wissen: Eine global vereinte Menschheit sollte doch besser in der Lage sein, ihre Probleme anzugehen.

Harari: Es gibt eine globale Wirtschaft, eine globale Wissenschaft und eine globale Ökologie, aber immer noch keine globale Politik. Alle unsere großen Probleme sind global. Deshalb glaube ich, dass es Zeit ist, die Menschheit als einzige große Entität zu betrachten. Unsere einzige Chance, die globalen Probleme des 21. Jahrhunderts anzugehen, liegt in einer globalen Politik.

ZEIT Wissen: Wie soll das gelingen, wenn wir von Natur aus darauf ausgelegt sind, in viel kleineren sozialen Zusammenhängen zu denken?

Harari: So etwas ist uns schon gelungen. Nationen sind nach evolutionären Maßstäben ein sehr junges Phänomen. Sie sind nicht natürlich. Sie sind entstanden, weil Menschen sie brauchten. An einem bestimmten Punkt in der Geschichte tauchten Probleme auf, die sich auf der Ebene der Stämme nicht mehr lösen ließen. Ein Beispiel sind die Stämme am Nil, aus denen vor 5.000 Jahren die wohl erste Nation entstand. Jeder dieser Stämme war vom Fluss abhängig, aber auch von Fluten und Trockenheiten bedroht. Kein Stamm allein konnte den Fluss kontrollieren. So entstand das Pharaonenreich mit einer einzigen Verwaltung, die mächtig genug war, Dämme, Kanäle und Wasserspeicher zu bauen. In Dürrezeiten verteilte sie Wasser und Getreide aus den staatlichen Speichern an die Menschen. Bei Hochwasser konnte sie das Wasser ableiten.

ZEIT Wissen: Effizienz also, schon damals.

Harari: Effizienz, um die Probleme zu lösen, die zu groß für die einzelnen Stämme waren. Aber es war damals ein großer Aufwand, den Menschen eine nationale Identität aufzuprägen, und das ist es auch heute noch: eine Gehirnwäsche von Geburt an. Dafür haben wir diese gewaltigen Bildungssysteme, die Propaganda, das Flaggenschwenken: um uns zu überzeugen, dass wir Israelis, Deutsche oder Franzosen sind. Heute sind wir an einem Punkt, an dem die Nationen von heute wie die Stämme damals am Nil dastehen. Wir leben am Cyber-Fluss, und keine Nation kann ihn kontrollieren. Wir haben die Atomenergie, die ein gewaltiges Versprechen und eine gewaltige Bedrohung ist, wir haben den Klimawandel. Wie einst am Nil sind wir in einer Situation, in der wir viel besser kooperieren müssen, wenn wir überleben und gedeihen wollen. Wird es uns gelingen? Ich weiß es nicht.

ZEIT Wissen: Die politische Entwicklung scheint in die andere Richtung zu gehen.

Harari: Ja, besonders in den letzten zwei oder drei Jahren. Das ist höchst gefährlich. Menschen sind sehr schlaue Tiere, aber sie neigen dazu, schreckliche Fehler zu machen. Wir sollten nie die menschliche Dummheit unterschätzen. Der Klimawandel bedroht das Fundament unserer Zivilisation, darüber gibt es einen wissenschaftlichen Konsens, aber Donald Trump leugnet ihn, weil er für ihn keine Lösung auf nationaler Ebene hat. Man kann es Dummheit nennen oder Blindheit. Auf individueller Ebene machen Menschen dumme Fehler, wenn es darum geht, wen sie heiraten oder was sie studieren oder arbeiten. So ist es keine Überraschung, dass wir es auf kollektiver Ebene nicht besser machen. Was war der Erste Weltkrieg anderes als ein schrecklicher Fehler?

ZEIT Wissen: Welche Identität haben Sie? Fühlen Sie sich vor allem als Israeli oder als Wissenschaftler oder als Homo sapiens?

Harari: Menschen können mehrere Identitäten gleichzeitig haben. Eine der Lügen des modernen Nationalismus ist, dass man nur eine Identität haben kann, nämlich die nationale. Das ist falsch. Man kann loyal zu seiner Familie sein und gleichzeitig zu seinem Dorf, seiner Nation und der gesamten Menschheit. Manchmal entstehen dabei Konflikte, zum Beispiel wenn die Familie das eine verlangt, die Nation etwas anderes. Das sind eben die Probleme des Lebens. Es wäre kindisch, deshalb nur eine Identität zu behalten und alle anderen zu verwerfen. Auch ich kenne solche Konflikte. Manchmal könnte ich sagen, es wäre am besten für mich, aus Israel wegzugehen, vielleicht nach Kalifornien. Aber dann würde ich all meine Freunde zurücklassen.

"Ich glaube nicht, dass es den Homo sapiens in 200 Jahren noch geben wird"

ZEIT Wissen: Sind Sie Atheist?

Harari: Ja. Ich glaube an keinen Gott. Ich stamme aus einer säkularen jüdischen Familie.

ZEIT Wissen: In Ihrem Buch "Homo Deus" entwerfen Sie ein Bild der Menschheit als Einheit. Was bedeutet der Titel?

Harari: "Homo Deus" heißt göttlicher Mensch, wie "Homo sapiens" wissender Mensch bedeutet. Wir sind dabei, Menschen zu Göttern zu machen. Das meine ich nicht metaphorisch, sondern wörtlich. Wir sind dabei, uns die Fähigkeiten anzueignen, die in den religiösen Mythen den Göttern zugeschrieben wurden. Das offensichtliche Beispiel ist die Fähigkeit, Leben zu erschaffen. Im Alten Testament erschafft Jehova die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Im 21. Jahrhundert, mit Biotechnologie und maschinellem Lernen, ist die göttliche Schöpferkraft greifbar nahe für uns. Bald können wir Leben nach unseren Wünschen erschaffen. Die wichtigsten Produkte der nächsten Jahrzehnte werden nicht mehr Kleider aus Bangladesch oder Autos aus Deutschland sein, sondern Körper und Gehirne.

ZEIT Wissen: Wie bitte? Menschliche Gehirne?

Harari: Tierische, menschliche und andere. Wir werden auch nichtorganische Gehirne aus Silizium herstellen können. Damit übersteigen unsere Fähigkeiten sogar die von Jehova, der nur kohlenstoffbasierte Lebewesen erschuf.

ZEIT Wissen: Selbst wenn Sie recht hätten, wäre das doch großartig, wir werden Götter! Aber Ihr Buch liest sich wie eine Dystopie.

Harari: Es gibt gute und schlechte Seiten. Als Sozialkritiker muss ich die Gefahren betonen, weil Google, Microsoft und andere vor allem von den guten Seiten sprechen.

ZEIT Wissen: Was sind die Gefahren?

Harari: Eine Gefahr ist, dass künstliche Intelligenz die Menschen überflüssig macht. Schon zu unseren Lebzeiten könnte es passieren, dass Hunderte Millionen Menschen aus dem Arbeitsmarkt verdrängt werden, weil künstliche Intelligenz und Roboter alles besser können als Menschen. Ich glaube nicht, dass es den Homo sapiens in 200 Jahren noch geben wird.

ZEIT Wissen: Ernsthaft? Sie wollen provozieren.

Harari: Angesichts der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts sehe ich zwei Möglichkeiten: Wir werden uns selbst vernichten, durch einen Atomkrieg, einen Cyberkrieg, den Klimawandel oder eine Kombination aus alledem. Aber das ist unwahrscheinlich. Eher werden wir mit den neuen Technologien die Fähigkeit erlangen, das Leben neu zu gestalten und Körper und Bewusstsein zu schaffen. Dann wird der Homo sapiens nicht in einer Hollywood-Apokalypse verschwinden, sondern sich selbst auf eine viel höhere Stufe bringen. Vielleicht nur eine Elite, und der Rest der Menschheit wird irrelevant. Vielleicht die gesamte Menschheit. In jedem Fall werden in 200 Jahren keine Menschen wie wir mehr existieren.

ZEIT Wissen: Es gibt eine dritte Möglichkeit: dass wir uns Gesetze geben, die diese Entwicklung verhindern. Viele Staaten haben beispielsweise strenge Regeln für den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen.

Harari: Das halte ich nicht für praktikabel. Wenn wir es hier verbieten, machen es die Koreaner oder die Chinesen. Die Entwicklung vollzieht sich bereits, und keine Regierung kann sie verhindern. Menschen sind dabei, mit Computern zu verschmelzen. Sie verlagern immer mehr Aufgaben auf ihr Smartphone. Sie lassen sich von Google Maps herumführen und verlieren ihren Orientierungssinn. Wenn die App nicht mehr funktioniert, sind sie hilflos. Der nächste Schritt sind biometrische Sensoren, die uns rund um die Uhr überwachen. Wenn die ersten zehn Krebszellen in Ihrer Leber entstehen, erkennt der Algorithmus sie. Oder nehmen Sie Dating-Apps wie Tinder. Wenn wir auf der Straße jemandem begegnen, werden die Sensoren erkennen, ob er ein geeigneter Partner ist, bevor wir selbst es bemerken.

ZEIT Wissen: Das reicht doch nicht, um eine neue Spezies der Gattung Homo auszurufen.

Harari: Die neue Spezies entsteht nicht von einem Tag auf den anderen, sondern in vielen kleinen Schritten wie diesen.

ZEIT Wissen: Aber 200 Jahre sind nichts nach den Maßstäben der Evolution.

Harari: Nach den Maßstäben der technischen Entwicklung ist es eine Ewigkeit.

ZEIT Wissen: Sie sagten, ängstliche Menschen träfen schlechte Entscheidungen. Aber jetzt jagen Sie uns noch mehr Angst ein.

Harari: Menschen treffen schlechte Entscheidungen, wenn sie aus den falschen Gründen ängstlich sind. Zum Beispiel aus Angst vor dem Terrorismus. Es gibt viel wichtigere Dinge, über die wir uns sorgen sollten. Aber wenn ich eine positive Vision hätte, würde ich sie aufschreiben.

ZEIT Wissen: Wir sind also zum Untergang verdammt?

Harari: Ich sage ausdrücklich, dass nichts daran unausweichlich ist. Aus dem 20. Jahrhundert wissen wir, dass wir ein und dieselbe Technologie verwenden können, um völlig verschiedene Gesellschaften zu bauen. In der deutschen Geschichte entstanden Elektrizität, Radio und Eisenbahn, eine faschistische Diktatur, ein kommunistisches Regime und eine liberale Demokratie.

ZEIT Wissen: Die Dialektik des Fortschritts.

Harari: Wir können heute die Biotechnologie und die künstliche Intelligenz auf verschiedenste Weisen verwenden. Wir können zum Beispiel mittels Biotechnologie immer leistungsfähigere Milchkühe und effizientere Schlachttiere züchten und uns nicht um ihr Leiden kümmern. Oder wir können mit exakt derselben Technologie versuchen, Fleisch direkt in vitro wachsen zu lassen und die Tiere aus ihrer Hölle zu befreien.

ZEIT Wissen: Vertrauen Sie darauf, dass die Demokratie die richtigen Entscheidungen treffen kann?

Harari: Wir brauchen neue Regierungsformen, glaube ich. Keine Diktatur, die hätte die gleichen Schwierigkeiten wie die heutigen Demokratien. Die politischen Systeme, die wir aus dem 19. und 20. Jahrhundert geerbt haben, können den schnellen Wandel und die immensen Datenmengen nicht bewältigen. Eine zentralisierte Regierungsform wie eine Diktatur wäre dabei in einer noch schlechteren Position, weil sie all die Daten an einem Ort zusammenführen müsste. Niemand versteht heute mehr, was in der Welt vor sich geht. Die meisten Wähler verstehen es nicht, die meisten Politiker auch nicht. Der wichtigste Treiber des Wandels ist die Technologie. Im 19. Jahrhundert brauchte man keine tiefen technologischen Kenntnisse, um die Politik zu verstehen. Heute braucht man sie, aber Wähler und Politiker haben sie nicht, daher konzentrieren sie sich weiterhin auf die alten Themen des 20. Jahrhunderts und ignorieren die Themen des 21. Jahrhunderts, wie künstliche Intelligenz und Klimawandel.

ZEIT Wissen: Wenn eine Diktatur zu zentralisiert und eine Demokratie zu schwerfällig ist, vielleicht eine Regierung der Weisen, wie Platon sie vorschlug?

Harari: Vielleicht. Im Moment geht die Entscheidungsgewalt auf die Algorithmen über, weil Menschen mit den Datenmengen überfordert sind. Niemand überträgt den Algorithmen die Macht, es passiert einfach.

ZEIT Wissen: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wird oft dafür kritisiert, dass sie keine Vision hat, sondern nur reagiert. Ist die Zeit der Visionen vorbei?

Harari: Vor einem Jahrhundert gab es all diese großen politischen Visionen. Nicht alle davon waren gut. Es gab die kommunistische Revolution in Russland, gegründet auf einer radikalen Zukunftsvision. Es gab die Vision des Liberalismus, die alle sozialen Hierarchien abbauen und Minderheiten befreien wollte. Als Martin Luther King sein "I have a dream" rief, hatte er eine Vision. Heute gibt es nur noch rückwärtsgerichtete Visionen in der Politik. Trump will "Amerika wieder groß machen". Putin träumt davon, das Zarenreich wiederzuerwecken. Im Mittleren Osten will der IS das Kalifat aus dem 7. Jahrhundert wiederbeleben. In Israel ist die herrschende Vision, das biblische Königreich zurückzubringen. Alle schauen rückwärts. Die einzigen Menschen, die vorwärtsschauen, sind Leute wie Elon Musk, Mark Zuckerberg und die Silicon-Valley-Gurus. Ich sage nicht, dass wir ihnen folgen sollten. Ich sage nur, dass unser politisches System nicht mehr in der Lage ist, Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Ein politisches System, das keine sinnvollen Visionen mehr hervorbringt, ist kaputt. Es gibt viele Gründe, sich Sorgen zu machen.